Stücklabor - Eine Recherche

Unser Hausautor Alexander Stutz im Theater-Container vor der Hauptpost St.Gallen

Der Schiffscontainer des Theaters St.Gallen ist mit neuem Inhalt zurück!
Vom 9. bis zum 18. November wird Alexander Stutz, der im Rahmen des Stücklabors in der Spielzeit 21/22 Hausautor am Theater St.Gallen ist, für zehn Tage mitten in der Stadt recherchieren und schreiben. Das durch den Tag Gefundene, Zerrissene, Kennengelernte, Erfundene wird jeweils abends um 17.45 Uhr in Form einer Kurz-Lesung am Container durch unsere Schauspieler*innen präsentiert. Hier können die entstandenen Texte nachgelesen werden.
 
18.11.

MERCI

letzter tag. mit einem lachenden und einem weinenden auge werde ich heute abend diesen
container abschliessen. ich denke es wird nicht das letzte mal gewesen sein, dass ich in seinem inneren gewühlt, zerrissen, erfunden, beobachtet habe. danke container, dass du mich geduldet hast und mich dulden liessest, es war ein fest des schreibens. auch wenn ich seit zwei, drei tagen öfters geflucht, müdigkeitserscheinungen, kleinere bis mittlere nervenzusammenbrüche, mit mir selber oder mit dir gesprochen und letztendlich das denken und reden ganz verloren habe. zwischenbemerkung für die da draussen: man kann schon sehr schnell etwas verrückt werden, wenn man die ganze zeit auf sich und die inneren stimmen zurückgeworfen wird. aber ich bedanke mich ganz besonders bei euch, den vorbeigehenden, die ihre einsamkeiten, eindrücke, ihr lachen und winken mit mir geteilt haben. ihr habt den grundstein für das stück: die entfremdeten, eine aufhebung gelegt. MERCI.

noch eine kleine anmerkung: folgend gibt es einen holzschnittartigen abriss einer möglichen struktur. sie besitzt natürlich lücken, denn ein stück wird nicht in zehn tagen geschrieben, oder vielleicht wird es das, aber nicht von mir. diese lücken werden zum teil gefüllt und zum teil bewusst existieren. die heutigen szenen werden nur angeteasert und teilweise kommen ausschnitte der vergangenen tage vor. aber die stille wird sicherlich eine neue sein – und, sie wird existieren.
p.s. es könnte heute durchaus etwas länger dauern.


DIE ZEIT
EINE BEOBACHTUNG
jegliche figuren
die ich in den letzten tagen kennenlernen durfte
und die es womöglich in das stück schaffen werden


UND AM ANFANG STEHT EIN LIED

09.55
die strassenlampe beginnt zu glühen, dabei bricht sie mit ihrem flackern den dicken november-nebel.
10.00 ein auto hält auf dem parkplatz. es ist ein rotes, altes ding.
10.09 eine frau mittleren alters sitzt in ihrem auto, es scheint so als ob sie selbstgespräche führen würde.
10.10 die frau mittleren alters steigt nun aus. sie scheint in einer apathie gefangen zu sein.
10.13 und irgendwo beginnt eine gazelle, ein gazellenjunges zu gebären.
10.18 die tür des ladens geht auf und die frau tritt ein.
10.27 ein zehnjähriges fettes kind erscheint.
10.35 es betritt ebenfalls den laden.
10.37 das fette kind erscheint mit mehreren hotdogs und chipstüten. es setzt sich an die genau gleiche stelle wie jeden tag.
10.59 zum ersten mal betritt der alte mit dem parkinson den parkplatz, mit dabei eine tüte.
11.12 er läuft quer über den platz, da bei folgt er den linien.
11.14 man hört ein telefon klingeln, niemand geht ran.
11.17 stille.
11.19 der alte trifft auf das fett.
der alte solltest du nicht in der schule sein?
das fett solltest du nicht schon längst tot sein?
der alte wollte den tod schwänzen.
das fett siehst, und ich die schule.
der alte hast du mir etwas von deinem essen?
das fett das ist arbeitsmaterial.
der alte wie arbeitsmaterial? hat man dir nicht beigebracht, dass man mit essen nicht spielt?
das fett ich bin im essstreik.
der alte wenn du in die schule gehen würdest, würdest du wissen, dass das was du da machen möchtest eigentlich hungerstreik heisst.
das fett nein nein, das ist ganz bewusst so. ich stopfe alles in mich hinein. bis ich ganz ganz schwer auf der tasche des staates liege und das gesundheitswesen unter mir zusammenkracht.
11.37 der alte geht weiter.
11.46 eine patientin mit demenz bekommt das fenster in ihrem krankenhauszimmer nicht auf.
11.50 in diesem moment erscheint die mittelalte frau, namens flurin
flurin und mit einer dose ravioli verlasse ich den laden.
gehe raus auf den parkplatz.
der in demselben licht und demselben nebel liegt.
der ort scheint ausgestorben zu sein.
und sehe da ganz alleine mein auto stehen.
es steht unter einer strassenlampe.
das kleine alte rote ding.
es räkelt sich gekonnt in diesem schummrigen licht.
11.53 in diesem moment entscheidet sich die patientin mit demenz, hoch aufs dach zu gehen.
wir Ist nicht hoch genug.
die fliegende Bitte?
wir Nicht hoch genug. Das Haus. Hatte es mir auch mal überlegt, aber es ist nicht hoch genug, hab es ausgerechnet.
die fliegende Du hast ausgerechnet, ob das Haus hoch genug ist, um runterzuspringen?
wir Ja. Bin davon ausgegangen, dass der Mensch auf der Hausseite mit Betonboden landet, also weisst du, da, wo der Parkplatz ist. Ohne ein Auto dazwischen, das bremst nämlich den Sturz.

12.04 der junge mit der akne, der in einer beziehung (ziemlich zu hundert prozent in einer nicht heteronormativen konstellation) lebt, kommt auf den parkplatz und geht richtung pissoirs.
12.11 das fett, das nun zwischen all dem restlichen welt-müll sitzt, hat das gesehen und geht ebenfalls zu den pissoirs.
12.13 der junge mit der akne und das fett stehen nun nebeneinander, sie pinkeln nicht.
12.22 eine kurze intervention des nebels.
wir II ich denke nie…
wir I warum nicht?
wir II weil denken scheisse ist!
wir I ich denke…
wir II du denkst?
wir I ich denke, ich denke auch nie.
wir II du denkst, du denkst nie?
wir I zu denken hab ich aufgegeben.
wir II ich denke, daran zu denken, das denken aufzugeben, ist ebenfalls denken.
12.23 flurin sitzt nun wieder in ihrem auto.
flurin und in dem moment, in dem ich versuche meinen weg zu rekonstruieren, stecke ich, ohne es zu realisieren, den schlüssel ins zündschloss und drehe ihn um.
12.24 motorgeräusche. dann nichts.
ich versuche es erneut.
12.24 motorgeräusche. dann nichts.
noch einmal.
12.25 motorgeräusche. dann nichts.
12.26 das fett und der junge mit der akne verschwinden, nach dem sie auf dem pissoir angefangen haben zu wichsen, gemeinsam in einer toilettenkabine.
12.30 die patientin mit demenz findet ein neues fenster. sie schlägt gegen die scheibe.
fenster in mir ein sprung
frau in mir teile von dir
fenster an mir dein blut
frau und bevor meine synapsen verstehen, was die jetzt eigentlich auslösen müssten, schlage ich erneut zu.
fenster ein leiser zug
frau ich schlage zu
fenster eine leichte brise
frau ich schlage zu
fenster schwache brise
frau ich schlage zu
fenster mässige brise
frau ich schlage zu
fenster frische brise
frau ich schlage zu
fenster starker wind
frau ich schlage zu
fenster stürmischer wind
frau ich schlage zu
fenster sturm
frau ich schlage zu
fenster schwerer sturm
frau ich schlage zu
fenster orkan
12.33 der junge mit der akne und das fett kommen wieder aus der toilette.
12.35 die patientin mit demenz steht nun auf dem fensterbrett.
die fliegende befreiend.
als kind hab ich das oft gemacht.
ich liebe dieses gefühl.
es entsteht kurz bevor sich die schuhsohlen vom fensterbrett lösen.
und kurz darauf, leben.
12.37        
12.38        
12.42  
      
12.45 die fliegende schliesst ihre augen.
die fliegende Ich hätte eine Verfügung unterschreiben sollen.
Daran denkt man nicht, nicht vor so einem Flug.
12.48
12.49 flurin schlägt wie wild auf die hupe ein.
flurin hast du mich verstanden?!
12.50 flurin schlägt wie wild auf die hupe ein.
hast du mich verdammt nochmal verstanden!!!
12.51 flurin schlägt wie wild auf die hupe ein.
flurin sitzt in ihrem auto, sie ist jetzt mitte vierzig.
diese unterhaltung war die letzte, die sie mit ihrer mutter führte.
bevor diese zuhause, vor drei jahren, an einem schlaganfall gestorben war.
kurz darauf verlor flurin ihre stelle im kindergarten, wegen eines vorfalls, bei dem sie nicht aufgepasst hatte. dabei ist dem kind nicht wirklich etwas passiert. ein paar stiche an der stirn, ein paar milchzähne raus, und gut war. nur war es nicht gut genug für die eltern. sie musste gehen.
12.53 stille
12.58 plötzlich hört man ein knacksen, dann ein rauschen, gefolgt von einem lauten dröhnen.
13.00 in diesem moment landet die patientin mit demenz, die nun die fliegende genannt wird,
mitten auf dem parkplatz.
die fliegende Jetzt unterschreibe ich nichts mehr.
Das tut der Mann.
Mein Mann, der mit dem Parkinson.
Der mich im Stürzen unterstützen sollte.
Der nun aber alles tut, dass ich nie mehr stürze.
Lediglich liegend vor mich hin lebe.
Ich trage jetzt Windeln.
Werde gegen meinen Willen operiert.
Sabbere vor mich hin.
Werde künstlich ernährt.
Seine Definition für Liebe.
Menschen dürfen nicht mehr sterben. Heute weniger denn je.
Dieses Mal konnten sie meine 206 Knochen nicht mehr alle an ihre alten Stellen
zurückbiegen.
Mein Körper ist Matsch.
Drehen, bewegen, reden, geht nicht mehr.
Die da draussen reden mit mir, aber so als wenn ich ein Kleinkind wäre.
Ich will nicht, dass sie so reden.
Untereinander sprechen sie von einem traurigen Leben.
Sind schockiert darüber.
Ja, ich bin zwar gefangen in mir drin. Alleine in meinem Kopf.
Meine Augen aber, die sehen, dass ihr alle weniger fliegt als ich.
13.10 der alte mit dem parkinson kommt vorbei.
der alte hast du ein paar münzen für mich.
die fliegende fühl mal, das könnte eine…
der alte tatsächlich, das ist sicherlich eine.
die fliegende du kannst… nimm sie, ich brauche sie nicht mehr und vererben will ich dir nichts.
der alte wie ist die denn da rein geraten?
die fliegende ich muss wohl darauf eingeschlafen sein, oder ich habe sie verschluckt.
13.12 der alte mit dem parkinson nimmt eine glasscheibe die in der fliegenden steckt und schneidet eine münze heraus, aus ihrem unterbauch.
13.13 das fett beobachtet die situation
das fett die in sich verlorenen vorbeigehenden bleiben stehen.
einige zücken ihre smartphones und fotografieren oder filmen das ganze.
egal in welcher handlung sie da stehen, aber das stehen-bleiben bei einem unfall
ist unglaublich wichtig für die menschen.
13.19
13.25
13.30
13.31

13.32 ein knacksen, ein rauschen, ein lautes dröhnen.
13.35 ruhe bitte!
13.38 achtung!
13.48 kamera läuft!
13.56 die klappe…
13.58 und bitte!
14.04 und irgendwo steht ein krankenhaus, welches unter tränen in eine kamera spricht:
krankenhaus ich wollte, ich hätte was dagegen tun können, aber es war die entscheidung von ihr und ich glaube jetzt, dass es die richtige entscheidung war… dieser sprung. ich glaube, ich weiss, dass sie mir damit nicht weh tun wollte. aber nun werde ich verurteilt. die menschen gehen an mir vorbei, starren mich abschätzig an und tuscheln:
wir - das ist es jetzt, dieses krankenhaus, aus dem sie…
- nein! schrecklich!
- die arme, wie kann ein krankenhaus nur so gebaut sein…
- wie kann ein krankenhaus sowas überhaupt zulassen…
- dass sowas überhaupt möglich ist, ich dachte, die fenster seien verriegelt.
krankenhaus dabei hatte ich es versucht. ich hatte versucht, das fenster klemmen zu lassen. aber es war ihr wunsch. sie hat es bei mehreren fenstern versucht. und das über mehrere tage. und, ja, womöglich habe ich einmal nicht ganz so gut aufgepasst, womöglich war es nach der grossen welle an operationen. ich werde auch mal müde. bin überarbeitet. und warum überhaupt sollte man jemanden aufhalten, wenn es genau das ist, was diese person will.
14.07 danke!
14.09 drehschluss!
14.19 flurin lässt den schlüssel stecken, da diese schrottkarre sowieso nicht mehr tut. sie reisst den kofferraum auf und schnappt sich die raviolidose. sie knallt den kofferraum zu. und steht da.
14.21 knacksen, rauschen, lautes dröhnen.
14.36 der alte trifft bei den pissoirs auf den jungen mit der akne.
der alte sag mal, was ist eigentlich mit deinem gesicht los?
der junge was ist mit deinen händen los?
der alte ach, dieses verdammte wetter. da zittert man mal.
der junge  –
der alte
der junge das ist akne.
der alte parkinson.
ich hab meine familie verloren.
der junge durch einen riss?
der alte nein, also, ich glaube sie lebt noch. meine frau, meine ich.
der junge wie kann man jemanden der lebt verlieren?
der alte vor einigen jahren hat es angefangen, ich habe gemerkt, dass sie vieles vergisst. wir sind dann ins krankenhaus und haben viele abklärungen gemacht. das resultat war eine mittlere demenz. sie musste darauf in ein heim, ich konnte es nicht mehr alleine. und dann stand ich da. stand einfach so da in unserer gemeinsamen wohnung, mit den gemeinsamen erinnerungen, aber ohne sie. das ging nicht mehr. also habe ich das nötigste in eine ikeatüte gepackt und bin losgelaufen, los in den nebel, und dann kam ich hierher.
14.39 und die vor sich hin wesende der fliegenden, spricht ein letztes mal.
die fliegende Ich hätte eine Verfügung unterschreiben sollen. Daran denkt man nicht, nicht vor so einem Flug. Als Kind habe ich das oft gemacht. Die Knochen waren damals noch biegsamer. Die Sollbruchstellen haben die Landung ohne Probleme überstanden. Ich wollte noch einmal Kind sein.
14.47    
14.50
14.51
14.54
14.58
15.00
15.03
15.06
15.09
15.12
15.19
15.20
und flurin beginnt los zu laufen. in irgendeine richtung.
15.21 flurin trifft auf das fett.
fett Ich hab letztens eine Gazelle gesehen.
flurin Im Zoo?
fett YouTube. Die war am Gebären. Kopf und Hals des Kleinen hingen schon draussen.
flurin Ist ja ekelhaft!
fett Dann kam ein Gepard und hat die Mutter angegriffen.
flurin Angegriffen?
fett In diesem Moment ist sie geflüchtet.
flurin Dabei ist das Kleine, was noch halb in der Gebärmutter gesteckt hatte, auf den Boden geplumpst, eine Art Blitzgeburt.
flurin Was die Leute alles ins Internet stellen.
fett Der Gepard ist dann auf das Kleine los.
flurin Warum schaust du dir solche Sachen an!?
fett Nein, der Gepard hat nur an dem Frischling gerochen und hat dann angefangen, das Blut und die restliche Fruchtblase von dessen Körper zu lecken. Keine Minute später stand das Junge. Die beiden waren unzertrennlich. Verstehst du? Die Gazellenmutter war letztendlich sowas wie eine Leihmutter.
Das ist, wie wenn eine Mutter ihr Frischgeborenes einfach auf die Strasse schmeissen würde.
flurin Was?
fett Das passiert…
flurin Leihmutterschaften funktionieren anders.
fett Gar nicht.
flurin Doch.
fett Hier funktionieren sie gar nicht.
15.32 ein knacksen
15.38 ein knacksen
15.41 ein knacksen
15.42 und dann
15.43 ein rauschen
15.52 ein rauschen
15.55 ein rauschen
16.07 ein rauschen
16.09 gefolgt von einem
16.11 dröhnen
16.13 dröhnen
16.17 dröhnen
16.18 dröhnen
16.19 dröhnen
16.20 flurin findet tatsächlich zurück zu ihrem auto, das nun bewohnt wird von dem alten.
flurin was tun sie hier?
der alte ich lebe hier.
flurin wo?
der alte ja hier, in dem auto. ich habe es nach und nach in eine zivilisation verwandelt.
flurin zivilisation?
der alte ja, ist meine eigene welt, mit eigenen regeln. willst mal sehen?
flurin das ist mein auto. sie können doch nicht einfach mein auto besetzen.
der alte ich besetze nicht, ich besitze.
flurin ich rufe jetzt die polizei.
der alte die gibt es schon lange nicht mehr.
flurin dann den abschleppdienst, der sollte das auto schon vor stunden abholen.
der alte ich weiss nicht genau wie oder warum, aber da stand dann plötzlich, vor mir, dieses rote auto. der schlüssel steckt und ich denke mir so, jackpot.
daher ist es jetzt meins!
16.34 flurin wählt eine nummer. der alte mit parkinson hebt einen stein auf und schlägt zu.
das fett beobachtet die situation
das fett und sie liegt da.
sie ist so richtig auf den hinterkopf geknallt.
da liegt sie nun.
mit dem hinterkopf auf dem asphalt.
und blutet.
sie blutet die strasse voll.
16.39 flurin verblutet. (ich weiss nicht, ob ich wirklich so blutrünstig sein möchte, ev. ist es
eine metapher, oder der einzige weg von diesem parkplatz weg zu kommen, also was
schönes.)

16.47 der alte schmeisst flurin in den kofferraum, womöglich für später (konsumgesellschaft).
16.48 der alte beginnt eine runde zu machen, womöglich um den kopf frei zu bekommen.
16.49 ein knacksen, dann ein rauschen, gefolgt von einem lauten dröhnen.
der alte so klingt es immer, wenn sich die erde aufreisst.
der junge es gab schon lange keine risse mehr.
der alte hast du ein paar münzen für mich.
der junge es gibt keine münzen mehr.
der alte jeder hat münzen, irgendwo. letztens hat eine frau münzen in ihrem unterbauch gefunden. sie musste darauf eingeschlafen sein und die münze muss sich in sie hinein gebohrt haben, oder sie hat sie aus versehen verschluckt…
der junge wie kann man, aus versehen, eine münze verschlucken?
der alte das geht! wir mussten sie dann mit einer glasscherbe rausschneiden.
der junge eine glasscherbe?
der alte von einem zerbrochenen fenster.
der junge ihr hättet doch auch ins krankenhaus….
16.51 und irgendwo denkt das fett über seine ängste nach.
das fett ich habe zum beispiel existentielle ängste.
1. politiker*innen machen politik gegen mich.
2. politiker*innen wissen wenig über meine themen.
3. politiker*innen können kaum mit mir kommunizieren.
4. politiker*innen dominieren nachrichtensendungen und talkshows.
5. politiker*innen sehen wenig wählerpotenzial in mir.
ich bin der meinung, dass politiker*innen keine vorbilder mehr sind.
politiker*innen übersehen die anstehenden konflikte, bzw. sie wollen sie nicht mal mehr sehen.
und obendrauf kommt der umweltschutz und klimawandel.
16.52 einige zeit später.
16.55 der junge trifft auf den alten, der in seinem zuhause sitzt und trinkt.
der alte du schon wieder. was tust du hier eigentlich?
der junge ich suche jemanden.
der alte was denn? eine frau? letztens ist mir eine frau begegnet. sie suchte ein auto.
der junge vielleicht war es das hier?
der alte nein, das ist meines, ich habe es gefunden.
der junge wo ist sie jetzt?
der alte ich habe sie weggeschickt.
der junge in den nebel?
der alte ich lasse mir doch nichts wegnehmen.
der junge aber du kannst sie doch nicht einfach wegschicken, wenn das ihr auto…
der alte doch!
der junge in welche richtung ist sie gegangen?
17.00 der alte schenkt sich wein nach.
der alte das ist schon lange her.
der junge wie kann man das tun, hast du sie gefragt ob es ihres ist?
der alte ihr was?
der junge ihr auto.
der alte warum hätte ich das tun sollen.
17.03 der junge geht einige schritte und bemerkt das blut unter der strassenlampe.
der alte ach, beachte das nicht, das war von der münzen-frau.
der junge es reicht, ich rufe jetzt die polizei.
der alte die polizei gibt es schon lange nicht mehr.
17.06 der junge zückt sein handy. keinen empfang.
der junge aber irgendjemand muss doch helfen.
der alte ich kann helfen.
der junge ich denke nicht.
der alte die jungen wollen die hilfe nie. ihr denkt, immer alles besser zu wissen.
der junge nein! wir wissen vieles einfach besser! er trinkt.
17.08 und plötzlich beginnt es, blut zu regnen.
der alte scheisse!
17.07 der alte knallt schnell die autotüre zu. der junge rennt zu dem laden, der jedoch zu hat. er rennt zurück zum auto und will die tür aufmachen, diese hat der alte aber von innen abgeschlossen. triumphierend lächelt er hinter der glasscheibe hervor.
der junge mach die verdammte tür auf!
17.09 der junge nimmt einen stein und beginnt, damit auf die glasscheibe einzuhauen. bis diese zerbricht. er klettert in das innere des autos.
der alte du hast doch deinen verstand verloren!
17.12 der junge, der den stein noch immer in der hand hält, beginnt auf den alten einzuhauen.
17.22 dunkelheit.
17.11.
EINMAL BITTE SEIN WER MAN WILL
ODER
EIN VERGESSEN GEGANGENER MONOLOG

(der so nicht im stück vorkommen wird)

das fett

das zehn jahre alte fett sitzt da. mitten auf dem parkplatz. es isst fast food, in diesem augenblick einen burger oder einen mcflurry von mcdonalds, weil die uns sicherlich sponsern werden, und es macht ein selfie von sich und dem essen. naja, das fett sitzt, bis zum hals, im müll. das ist der müll der welt. die welt existiert irgendwo da draussen nach dem nebel und sie ist grausam, eigentlich genauso grausam wie sie jetzt ist. das fett könnte jederzeit gehen, wenn es noch gehen könnte. der abschaum hält es davon ab. und glücklich würde es sowieso nicht mehr werden. yes we can ist schon lang vorbei und nun gilt es nur noch zu rehabilitieren. ganz nach dem motto: let's make great again. oder es bleibt schlicht und einfach da sitzen, weil das essen nirgends so billig und die gesellschaft nirgends so kapitalistisch, populistisch, rassistisch, sexistisch, chauvinistisch, links denkend ist, wie hier. im hintergrund hört man immer wieder das dröhnen, rauschen entstehender risse. die zeitumstellung ist längst geschehen. der gestank vergangen. auch die frau ist längst gegessen, das skelett liegt da und zeugt nur noch von einem überlebenskampf. das fett sitzt also da und redet mampfend, selfie machend so vor sich hin.

anmerkung des autors: das fett besitzt womöglich eine ausgeprägte jugendsprechweise, welche an die zukünftige generation alpha und/oder andere kommende generationen angepasst werden muss. wenn ich versucht hätte, innerhalb eines tages diesen sprechduktus hinzubekommen, dann wäre das definitiv schief gegangen und ich hätte hier ein klischee auf dem blatt. daher müssen sich die lesenden oder zuhörenden da draussen wörter wie: akkurat, cringe, digga, geringverdiender, papatastisch, same, sheesh, sus, wild, verbuggt, napflixen, ally, based, bruh girl, cheugy, dulli, ehrenlos, friendshipgoals, ich fühle das, insta baddie, lowbob, main character sein, purge-watching, viben, mashallah, lauch, crush, no cap, no front, safe, oder simp für dieses mal selber dazu denken.


ich sitze hier schon lange.
schon so lange, dass der asphalt sich meiner körpermasse anpasst.
nachhause will ich nicht mehr.
ich bleibe einfach da und stopfe diesen fastfood in mich hinein.
dabei schaue ich da raus, raus in die welt, raus in den nebel, sehe die verlorenen, einsamen seelen, die sich hierher verirren….
blablablaaaaa…steven king scheisse…
letztens, da hab ich aber eine frau gesehen.
hier auf dem parkplatz.
eine echte frau.
also das schreib ich ihr jetzt mal zu.
die schwerkraft-frau. so nenne ich sie.
und diese schwerkraft-frau läuft da so vor sich hin.
sie läuft und läuft.
dabei beginnt sie zu taumeln und beim so vor sich hin taumeln merkt sie nicht, wie ihr der boden immer näher kommt. jedesmal, kurz bevor sie den boden berührt, kippt sie erneut in eine andere richtung. bis sie plötzlich fällt.
ein kurzes erdbeben.
und sie liegt da.
sie ist so richtig auf den hinterkopf geknallt.
da liegt sie nun.
mit dem hinterkof auf dem asphalt.
und blutet.
sie blutet die strasse voll.
die in sich verlorenen vorbeigehenden bleiben stehen.
einige zücken ihre smartphones und fotografieren oder filmen das ganze.
egal in welcher handlung sie da stehen, aber das stehen-bleiben bei einem unfall ist unglaublich wichtig für die menschen. denn diese ständig produktive verarbeitung der inneren und der äusseren realität, also der körperlichen und psychischen dispositionen auf der einen und der sozialen und ökologischen lebensbedingungen auf der anderen seite, kann jetzt einmal ausgestellt werden.
jedoch fördert dieses stehen-bleiben eine überbehütung an den tag.
ich hab in verschiedenen studien gelesen, dass man feststellen konnte, dass die überbehütung ähnliche symptome zeigt wie bei kindern, die vernachlässigt werden. die überbehütung findet heute viel häufiger statt als früher.
schaut euch doch mal die ganzen „rasenmäher-eltern“ an. die nenne ich so, weil sie jedes hindernis aus dem weg räumen. wie bei dem gazellen junges, das ich letztens auf youtube gesehen habe.
das wurde noch während der geburt von einem geparden adoptiert.
dieser gepard schiebt nun die artgenossen der gazelle einfach bei seite, sodass das kleine alles alleine in sich hinein stopfen kann.
einige nennen das liebe.
ich denke, das ist der grund für die steigende unselbstständigkeit in der gesellschaft.
ja!
ich meine, wie und wo lernt man denn selbstständigkeit im alter zwischen null und zehn jahren? selbst meine eltern sind doch selber in einem kokon aufgewachsen, ohne grössere krisen. schon als babys und kleinkinder kamen sie mit smartphone, tablet und spracherkennungssoftware in berührung. ich selbst konnte swipen bevor ich sprechen gelernt hatte.
und als ich sprechen konnte, konnte ich via befehlston alexa oder siri dazu zwingen mir meine lieblingslieder vorzusingen. und wenn sie es nicht tat, hab ich sie einfach angeschrien. manchmal frage ich mich, ob wir höflicher zur künstlichen intelligenz sein sollten?
naja, zurück zum thema.
du bist sicherlich in einer welt aufgewachsen in welcher babyboomer, generation x und millennials noch wie science-fiction klangen.
meine eltern wollen, dass ich zu einem therapeuten gehe. ich meine, heute müssen wir immer mehr in therapeutische betreuung gehen. in keiner generation zuvor was das so.
warum also wir?
naja, möglicherweise liegt das mehr an der bereitschaft, sich hilfe zu suchen, als an einem anstieg psychischer erkrankungen.
ja, schau doch, da, das hamsterrad was ihr erfunden habt!
so wie ihr darin rennt, bringt es lediglich burnout und krankheiten zustande.
daher mein vorschlag, die arbeitswelt nicht so verbissen zu sehen und gewisse prioritäten auf freizeit beziehungsweise familie zu legen.
ihr braucht nämlich nicht noch mehr systeme.
system hier.
system da.
system dort.
deswegen wirkt der satz: „bei uns haben wir ein flexibles arbeitszeitsystem“ genauso wie das wort „homeoffice“ eher negativ und abschreckend. denn das ist lediglich ein neues system in glitzer, was dazu führt, dass der arbeitgeber seine mitarbeiter ausnutzen kann.
wir müssen weg von der work-life-balance, hin zur work-life-trennung und nach dem 9-to-5 arbeitstag ist freizeit angesagt!
mehr privatleben.
der beruf soll erst an zweiter stelle stehen.
und auch hier möchte ich tendenziell eher in einer kleinen gruppe gleichgesinnter zusammenarbeiten.
ah! und des weiteren habe ich kein interesse daran, mich ausserhalb meiner arbeitszeit mit problemen, die diese betreffen, zu beschäftigen.
ich habe andere probleme!
ja, ich habe zum beispiel existentielle ängste.
1. politiker*innen machen politik gegen mich.
2. politiker*innen wissen wenig über meine themen.
3. politiker*innen können kaum mit mir kommunizieren.
4. politiker*innen dominieren nachrichtensendungen und talkshows.
5. politiker*innen sehen wenig wählerpotenzial in mir.
ich bin der meinung, dass politiker*innen keine vorbilder mehr sind.
politiker*innen übersehen die anstehenden konflikte, bzw. sie wollen sie nicht mal mehr sehen.
und oben drauf kommt der umweltschutz und klimawandel.
die müssten sich wirklich fragen, welche umweltauswirkungen das eigene verhalten hat und wie das im alltäglichen wiederspruch mit wohlstandserwartungen steht!
jetzt denkt ihr alle, „ach!“ wieder so ein vor-sich-hin-hungerndes greta-wesen, aber nein! ich hungere nicht, ich fresse! stopfe alles in mich hinein und werde das gesundheitssystem berauben oder ganz aufbrauchen, genau so wie ihr das jetzt macht.
ja, da leidet zwar dann mein social media darunter, ich weiss, aber ich tu es trotzdem.
ich bin für mehr realität! body positivity an die macht!
wir können ja nicht 24 stunden in einem perfekten moment gefangen sein.
wie wir das auf facebook, instagram, youtube, vimeo, xing, linkedin, pinterest, snapchat, tiktok, reddit, twitter, onlyfans behaupten.
ich habe zweit-konten, denn das haben viele.
das eine ist für die öffentlichkeit und das andere ist privat.
und am besten hat man noch ein finsta. das ist ein gefälschtes instagram-konto.
und messenger, shopping – wobei online-shopping mir nicht wirklich die ausreichenden masse bietet, die ich mir wünschen würde: denn wichtig ist, dass ich das produkt anfassen kann und noch wichtiger, ich will die sofortige befriedigung meiner bedürfnisse!
aber wo war ich?
ah, ja – messenger, shopping, social media, wahnsinnig wichtig, daher habe ich mindestens fünf handys und geht eines davon kaputt kaufe ich mir zwei nach, denn ich informiere und organisiere mich online. heisst, ich bin hyperflexibel und tue mich daher mit zeitlichen verbindlichkeiten und ortsgebundenheit, realen räumen wie kindergärten oder schulen, usw. schwer.
ich bin die traurigste generation?
dass eine generation schlimmer und besorgniserregender sein soll als die andere, scheint mir ein dauerbrenner zu sein, nicht?
das ist doch nur eine art slogan, womit mit man versucht die eigentliche problematik zu verlagern. ich meine, so gilt doch die vorgängergeneration «z» als «verwöhnt» und «süchtig» nach ihrem smartphone und die kinder der «generation y» – englisch ausgesprochen «generation why» – wissen nicht, was sie eigentlich wollen. auch die «generation x» gilt als verwöhnt, unter anderem, weil sie den wohlstand ihrer boomer-eltern geniesst.
dass man mit gewalt und diskriminierung der herkunft, hautfarbe, geschlecht, sexuellen orientierung, religionszugehörigkeit oder weltanschauung nichts erreicht, das wusstet ihr damals noch nicht.
wir heute auch noch nicht, aber es wird besser.
dafür ist mit uns die raucherquote gesunken.
der alkoholkonsum hat deutlich abgenommen.
die fitnessbranche boomt, parallel zum trend der gesunden ernährung.
jetzt seid ihr dran, euch von uns anderen sagen zu lassen, wer ihr seid, wie ihr euch zu verhalten habt und wofür ihr alles verantwortlich seid.
also hört genau zu.
denn was wir über eure generation denken bestimmt, in zukunft, wie ihr einkaufen, leben und
arbeiten werdet. was wir heute über euch erzählen wird entscheiden, wie viel geld ihr in ein paar jahren verdient. was werbefuzzis ihren kunden über euch erzählen wird festlegen, was ihr in zukunft fresst!
16.11.
AUTOR*INNEN ÜBERLEGUNGEN
UND EIN TEXT AUS EINER KISTE

EINE SORTIERUNG


diese sortierung schreibe ich nicht nur für mich sondern auch für euch, eva und rita. ich möchte mich für eure offenheit bedanken. für die bestätigung meines vorhabens, für die genauigkeit, die ihr in mir weckt. für euer interesse! für das, was ihr in eurem täglichen tut oder getan habt. für euer vorbeigehen, anrufen, fragen, lachen, reinblicken. merci.
an die, die jetzt da draussen stehen, zuhören, oder morgen online diesen text lesen. heute musste ich sortieren, recherchieren, zuschreiben, streichen, überdenken, melancholisch sein und etwas wein trinken – manchmal gehört das dazu.

meine persönliche aussage des tages ist:
„wir können nicht 24 stunden in einem perfekten moment gefangen sein.“


EIN INHALT

ja, es wird um entfremdung gehen. darüber hinaus muss dieses stück die thematik der einsamkeit, der zuschreibungen festhalten. dies wird auf dem parkplatz beim laden um die ecke, in einem panoptikum, welches im nebel des november eingehüllt liegt, geschehen.
was darin festgehalten ist?
sicherlich eine auseinanderdriftung. womöglich von uns menschen. wir haben uns verloren, vergessen, und der versuch der annäherung führt dazu, dass risse auf dem parkplatz entstehen. auf dem parkplatz, auf dem der alte mit dem parkinson lebt, auf dem flurin ihr auto verloren hat, auf dem der junge mit akne vor der schwiegermutter flieht, das fette kind sich heimlich weiterhin von socialmedia und fastfood ernährt und auf dem die fliegende nach ihrem sturz aus dem krankenhausfenster gelandet ist.
so finden sich hier objekte, themen, ängste, abgründe wieder, indem die figuren doch nur das eine wollen, nicht allein sein. und dafür würden sie sehr weit gehen. doch jedes beisammensein fordert seinen preis.

EIN P.S. AN DAS SCHREIBENDE IN MIR

dieses stück besitzt jetzt schon zu viele, grosse, schwere themen, sei dir dessen bewusst.

dazu regeln:

1. nicht zu lang.
2. nicht zu schwer.
3. nicht klischiert.
4. bitte streichen.
5. es soll eine stille erzeugen, die nach dem verlassen des theaters umso lauter wird.
6. es werden noch mehr regeln folgen.

EIN OFFENLEGEN DER SUCHE

DER PARKPLATZ

dieser ort wird sich niemals vollständig herstellen. somit ist dieser bühnen-, behälter-, oder containerraum-ort eine momentane konstellation. irgendwo steht ein altes rotes auto, denn es wurde da stehen gelassen, weil es nach dem letzten einkauf, einer dose ravioli, nicht mehr anspringen wollte. es steht da schon seit jahren und rostet so vor sich hin. mittlerweile wurde es sogar vom abschleppdienst, der es eigentlich hätte abholen sollen, vergessen. die hupe, die funktioniert noch. in der nähe steht die einzig existierende lichtquelle, eine strassenlampe mit weissem (led) licht. an dieser lampe hängen sicherlich eine überwachungskamera und lautsprecher. darunter liegt eine blutlache. diese szene erinnert an einen benutzten operationssaal. nicht unweit von dort stehen zwei pissoirs, ohne trennwand. (wichtig, nur pissoirs! wir wollen nämlich exklusiv „männlich“ sein.) und über dieser ganzen bühnenbild parkplatz-nicht-raumsituation hängt nebel, welcher sich im verlaufe des stückes möglicherweise lichten könnte. in der luft liegt der geruch von benzin und dem abgefahrenen gummi von autoreifen. im hintergrund das surren und dröhnen einer autobahn, oder das bröckelnde von erdplatten oder eis oder flugzeugen, oder doch einfach nur einer mikrowelle.

MÖGLICHE FIGUREN

es ist ein stück das womöglich, nein, ziemlich sicher, unzählige rollen anreisst. aber es soll von minimal drei, maximal fünf spieler*innen gespielt werden können. diese entscheidung überlasse ich der umsetzenden instanz. womöglich rede ich einmal bei der probe rein, aber nur einmal!

figuren kommen (vermutlich, ziemlich sicher) vor:

FLURIN
- sie beginnt mit einer langen stille.
- sie war kindergärtner*in bis zu einem vorfall, bei dem sie nicht aufgepasst hatte.
dabei ist dem kind nicht wirklich etwas passiert. ein paar stiche an der stirn, ein paar
milchzähne raus, und gut war. nur war es nicht gut genug für die eltern. sie musste
gehen.
- danach hat sie eine zeitlang für ein „einsamkeits-telefon“ gearbeitet, bevor sie zuhause den stecker des telefons gezogen hat. (was sie vergessen hat)
- sie ist jetzt (vermutlich) mitte vierzig.
- ihre mutter ist vor ein paar jahren an einem schlaganfall gestorben.
- hin und wieder hat sie wutausbrüche.
- das auto auf dem parkplatz gehörte einmal ihr.


DIE FLIEGENDE
- dies wird die figur für eine oder mehrere tänzer*innen sein, da es sich um 206 knochen handeln wird.
- weil sie vergessen hatte eine patientenverfügung zu unterschreiben, unterschreibt sie jetzt nichts mehr. das tut ihr mann (evtl. der alte mit parkinson), der sie im stürzen unterstützen sollte, nun aber alles tut, dass sie nie mehr stürzen wird. lediglich liegend vor sich hin lebt.
- menschen dürfen nicht mehr sterben. heute weniger denn je.
- und selbstmorde ergeben oft, für die angehörigen des opfers, enorme probleme.


DER JUNGE MIT DER AKNE
- lebt in einer beziehung (ziemlich zu hundert prozent in einer nicht heteronormativen konstellation).
- die einsamkeit trifft einen auch da.
- er sucht manchmal gleichgesinnte auf dem pissoir auf.
- ist er die neue, oder eben schon wieder die alte generation? er ist anfangs 30.


DER ALTE MIT PARKINSON
- alleine gehen, das wurde zu seinem täglichen muster. dabei immer derselbe gang.
- er ist unfähig, stehen zu bleiben, gerade seit seine frau demenz diagnostiziert bekommen hat.
- beruflich hat er schon vieles gemacht, aber zuletzt dinge an einem eingang einer bibliothek kontrolliert.
- loslassen fällt ihm schwer.
- womöglich hat er einen hang zu alkohol.
- jetzt lebt er in einem roten auto, das vor sich hin rostet (ziemlich sicher das von flurin).
- (obdachlosigkeit ist eine lebenslage, in der menschen über keinen festen wohnsitz verfügen und im öffentlichen raum, im freien, oder in notunterkünften übernachten. die mehrzahl der obdachlosen in den industriestaaten ist männlich.)


DAS FENSTER
- im fenster pflegt man eine indirekte freundschaft.
- das fenster funktioniert als eine transparente schwelle.
- es nimmt den platz ein, an welchem innen und aussen aufeinandertreffen, sich somit kreuzen. es bringt zwei welten und deren elemente zusammen.
- das heraus schauen bedeutet auch immer ein herein sehen.
- sehnsucht, reisen, sich verlieren, sich entscheiden.
- die transparenz zieht zwangsläufig voyeure an.
- es wird in diesem stück leider sterben, vorerst eine stimme (womöglich eine gesangliche oder instrumentale komponente) besitzen.


DAS FETT
- was heisst anders sein – projektionen auf das fremde.
- the new age. neue generation.
- rettet die wälder und die bäume, planet b gibt es nicht, oder ist das mehr „der mit der akne“? und das hier bildet die generation nach mir ab? also die 2000er? sind die nicht alle super skinny und super schön?
- instagram und co ist da sicherlich vorhanden.
- es flüchtet vor etwas, aber wovor ist noch nicht klar.
- p.s. dass mcdonalds um die ecke von diesem realen container-ort liegt, hat sicherlich mit dieser figur zu tun.


DER ABSCHLEPPDIENST
- er könnte lediglich ein kleiner auftritt, bzw. ein telefongespräch sein. (ich denke zwar nicht, dass das alles ist, aber möglich ist es.)
- bis jetzt heisst er fernando und arbeitet als abschlepper. (könnte das ein problem sein?)


DAS KRANKENHAUS – EIN INTERVIEW, DAS ÜBER EINEN BILDSCHIRM LÄUFT
- assoziation: heilung und eingeschlossen sein.
- fragestellung: was darf / soll / muss in mir heil werden?
- das krankenhaus wird zu 100% ein interview abgeben, denn die fliegende ist aus ihm gefallen.
- will ich das gesundheitswesen, bzw. krankenhäuser hinterfragen? meine erfahrungen in einem operationsaal teilen? wäre das erlaubt?
- es zeigt sicherlich reue, weil als haus kann es nichts dafür, es ist die krankheit, die in ihm wuchert.


EIN CHOR – „WIR“ ODER DER NEBEL ODER DIE STIMME AUS DEN LAUTSPRECHEN
- ja! steven king, nun findest du endlich deinen einzug in meine texte! das macht mich sicherlich sauer, weil da was privates brodelt!
- der nebel als verwirrung, unsicherheit, unbestimmtheit, einen zustand von verwirrung zwischen realen und irrealem.
- existierst du physisch oder ist es eine person oder mehrere oder einfach eine disney-figur? sind es die lautsprecher? oder bildest du dich doch aus dem surrenden, dröhnenden, bröckelnden der autobahn, erdplatten, eis, flugzeugen, mikrowelle?
- sicher bist du jetzt die normalität!


STYX (NICHT DIE BAND)

SOPHI
SIE


Im Treppenhaus, Sie kommt rein mit einer Weinflasche in der Hand, setzt sich auf die Treppe und zieht ihre Schuhe aus.

Sophi Schon gut.
Sie Oh, wusste nicht, dass hier jemand ist, sorry...
Sophi Warte hier nur.
Sie Ah.
Sophi Bis der Kurs vorbei ist.
Schweigen
Sie Was für ein Kurs?
Sophi Der Tanzkurs.
Bist du da dabei?
Sie Nein.
Sophi Ah, dachte hatte dich da gesehen.
Schweigen
Schönes Kleid.
Sie Ist Design, die Flecken.
Von einem Designer, keine Ahnung.
Egal.
Du wartest, bis der Tanzkurs vorbei ist?
Sophi Ja, hatte mich angemeldet, ist die Hölle.
Und du?
Sie Bin schwanger.
Sophi Gratulation.
Stille
Sie Ist die Hölle.
Schweigen
Sie will nach oben, Schuhe lässt sie liegen
Sophi Ist nicht hoch genug.
Sie Bitte?
Sophi Nicht hoch genug. Das Haus.
Hatte es mir auch mal überlegt, während einer Tanzstunde, aber es ist nicht hoch genug, hab es ausgerechnet.
Sie Du hast ausgerechnet, ob das Haus hoch genug ist, um runterzuspringen?
Sophi Ja, bin davon ausgegangen, dass der Mensch auf der Hausseite mit Betonboden landet, also weisst du, da wo der Parkplatz ist. Ohne ein Auto dazwischen, das bremst nämlich den Sturz.
Schweigen
Sie Ah.
Sophi Ich hab mal gelesen, dass ein Kind aus dem achten Stock auf harten Rasen geflogen ist und es hat mit ein paar Schrammen überlebt und irgendwo hab ich letztens was über Afrika gesehen, die springen aus 30 Metern Höhe, denen passiert nichts.
Sie nimmt ihre Schuhe und will nach unten
War nur einmal da.
Im Kurs.
Sie bleibt stehen
Schweigen
Die, kramt ihre Schokolade hervor

Auch?
Sie Ja gerne.
Sie, setzt sich
Sophi Bist du Alkoholikerin?
Sie Wie?
Sophi Du solltest nicht trinken, wenn du schwanger bist oder nicht eine ganz Flasche.
Sie Ah. Ja du hast recht.
Also nein, nein, ich nein.
Ich bin nicht Alkoholikerin.
Sophi Ja, ist nicht gut.
Ich bin Sophi, und du?
Sie Willst du?
Sie streckt ihr den Wein hin
Sophi zögert, greift dann zu und trinkt
Sophi Du?
Sophi, streckt Sie die Flasche entgegen
Sie Nein, danke.
bin doch…
Sophi Sophi, ohne i-e.
Stille
Sie Die Flecken sind nicht Design,
um ehrlich zu sein.
Sophi Dein Lieblingskleid?
Sie Ja
Schweigen
Sophi Stilvoll.
Ich wollte damals einfach nur springen, verschwitzt in Sportklamotten.
Wäre irgendwie sehr ironisch gewesen, nicht?
So eine Frau wie ich, verschwitzt, blutüberströmt, auf dem Asphalt liegend mit Sportklamotten.
Sie Ich wollte nur aufs Dach.
Sophi Barfuss?
Sie Ja.
Sophi Du wolltest barfuss aufs Dach, mit Wein?
Ist keine gute Kombi.
Sie Ich hätte meine Schuhe sowieso gleich wieder angezogen.
Pause
Sophi trinkt

Sophi Naja, bei dir wäre das ein schöner Anblick geworden. Sehr poetisch.
Die im Leichenschauhaus hätten sich auch gefreut.
„Schau mal, wieder ein Engel vom Himmel gestürzt“
Sophi lacht
Sie platzt

Sie Wenigstens sitze ich nicht einfach hier rum und fresse Schokolade!
Und nur weil ich schwanger bin, heisst das nicht, dass ich nicht manchmal was trinken darf und heute hat es viele Sterne und...
Werde du mal schwanger und sei immer gut drauf, ja. Ja, es ist die Hölle, lieber sitz ich manchmal halb erfroren oben auf dem Dach, evtl. betrunken, ja! Aber lieber so, als hier drin im Treppenhaus Schokolade fressend, alleine, wie pathetisch, am besten noch ein Gürkchen obendrauf, ja, oh, wie klischeehaft. Du steckst doch in der midlife crisis! Voller Angst vor einem billigen Tanzkurs, bei dem man sich im Internet für fünf gratis Stunden einschreiben konnte!
Pause
Tut mir leid.
Stille
Sophi Ist das Auto unten auf dem Parkplatz deins?
Das rote?
Sie Sorry, tut mir leid.
Hormone, hab mich nicht...
Sophi So klischeehaft!
Sie Ja, das rote.
Sophi, sorry.
Es tut mir leid. Ich war, bin…
Sorry.
Stille
Sophi Die Schokolade habe ich geschenkt bekommen.
Von einem Mann.
Kam hier vorbei, wollte aufs Dach.
Ihn hab ich springen lassen, obwohl er nett zu mir war und dich,
Du stehst noch vor mir, obwohl du…
Sie Es tut mir leid.
Sophi Du solltest dich nicht aufregen, ist nicht gut für das Kind.
Schweigen
Sie Niemand weiss es...
Niemand wusste, dass ich schwanger war.
Das erste, was ich gemacht habe, nachdem ich es erfahren habe, war in den nächsten Laden zu gehen.
Dort habe ich den teuersten Wein aus dem Regal genommen, um dann das nächst höchste Gebäude anzusteuern.
Und jetzt steh ich hier vor dir.
Pause
Gib mir einen Schluck!
Sie nimmt die Flasche
Du bist die erste Person, der ich es erzählt hab.
15.11.

EIN LANGER TIEFER RISS
KLAFFT IN DER ERDE
UND WIRD IMMER BREITER


ein alter mann mit parkinson
ein junger mann mit akne


wir befinden uns auf dem parkplatz vor dem laden um die ecke. es ist november. und november ist es schon seit 1753 tagen. der nebel, der hier herrscht, ist die normalität geworden. auf dem parkplatz steht eine strassenlampe, welche die dunkelheit mit kühlem led licht erhellt. manchmal erinnert sie an eine lampe im operationssaal. gerade wenn, wie heute, blut unter diesem licht liegt. da ist nämlich vor ein paar tagen eine frau gelandet. sie ist aus dem krankenhaus geflogen. dieses mal konnten sie ihre 206 knochen nicht mehr alle an ihre alten stellen zurückbiegen. heute lief auf dem kleinen bildschirm im laden nur das interview des krankenhauses hoch und runter, es weinte und entschuldigte sich bei der fliegenden und deren familie. die wenigen menschen die hier noch leben, haben sich längst an das neue alte gewöhnt. ein junger mann mit akne will den laden betreten, da hört er auf einmal ein knacksen, dann ein rauschen, gefolgt von einem lauten dröhnen. es ist, als ob erdplatten zusammen knallten und dies über lautsprecher-boxen um das tausendfache verstärkt wurde. und plötzlich steht hinter dem akne gesicht ein alter mann mit parkinson. er röchelt vor sich hin. als ob da was in seiner lunge vor sich hin ratterte. wie ein auto, dessen heizung kaputt ist und nicht mehr anspringen will.

der alte so klingt es immer, wenn sich die erde aufreisst.
der junge es gab schon lange keine risse mehr.
der alte hast du ein paar münzen für mich.
der junge es gibt keine münzen mehr.
der alte jeder hat münzen, irgendwo. letztens hat eine frau münzen in ihrem unterbauch
gefunden. sie musste darauf eingeschlafen sein und die münze muss sich in sie
hinein gebohrt haben, oder sie hat sie aus versehen verschluckt…
der junge wie kann man, aus versehen, eine münze verschlucken?
der alte das geht! wir mussten sie dann mit einer glasscherbe rausschneiden.
der junge eine glasscherbe?
der alte von einem zerbrochenen fenster.
der junge ihr hättet doch auch ins krankenhaus….
der alte von da sei sie gekommen, meinte sie. hast du nun welche oder nicht?
der junge ich hab kein bargeld, tut mir leid. schönen tag…
der alte ich lebe hier. da hinten in dem auto. ich habe es nach und nach in eine zivilisation
verwandelt.
der junge zivilisation?
der alte ja, ist meine eigene welt, mit eigenen regeln. willst mal sehen?
der junge nein schon gut.
der alte was ist mit dir, woher kommst du?
der junge ach, weisst du, von überall her, für mich ist die welt wie ein dorf.
der alte ein dorf?
der junge alles ist bloss einen klick entfernt.
der alte einen klick entfernt?
der junge ja! schau mal. freunde und familien sind überall auf der welt verstreut und trotzdem
sind sie so nah wie nie zuvor. wir sind zusammengerückt! virtuell.
der alte ich hab meine familie verloren.
der junge durch einen riss?
der alte nein, also, ich glaube sie lebt noch. meine frau meine ich.
der junge wie kann man jemanden der lebt verlieren?
der alte wir sind 65 jahre verheiratet, wir hatten zwar unsere probleme miteinander, aber wir
konnten es immer regeln. und vor einigen jahren hat es angefangen, ich habe gemerkt, dass sie vieles vergisst. wir sind dann ins krankenhaus und haben viele abklärungen gemacht. das resultat war eine mittlere demenz. sie musste darauf in ein heim, ich konnte es nicht mehr alleine. und dann stand ich da. stand einfach so da in unserer gemeinsamen wohnung, mit den gemeinsamen erinnerungen, aber ohne sie. das ging nicht mehr. also habe ich das nötigste in eine ikeatüte gepackt und bin losgelaufen, los in den nebel, und dann kam ich hierher. ich weiss nicht genau wie oder warum, aber da stand dann plötzlich, vor mir, dieses rote auto. der schlüssel steckt und ich denke mir so, jackpot. ich steige ein und versuche den schlüssel umzudrehen, aber nichts passiert.
der junge er hustet.
der alte ich versuche es nochmals.
der junge er hustet.
der alte ich denke, man hat es hier vergessen und jetzt lebe ich hier.
der junge was machst du hier?
der alte ich beobachte.
der junge aber da ist niemand zum beobachten.
der alte wir haben uns zwar aus den augen verloren, aber da ist noch viel. zum beispiel letztens, da stand auf einmal dieser mittdreissiger auf dem parkplatz. er nimmt einen schluck bier und lacht. es ist so ein gewinnerlächeln. und dann sagt er, „bin heute kurz eingeflogen, freunde besuchen. sie waren nicht da. was solls… trink ich halt alleine hier.“ er war richtig braungebrannt. ich bin noch nie geflogen, obwohl wir immer öfter, kürzer und billiger fliegen können.
der junge zu billig, wir besteigen flieger wie unsere eltern den bus. das unternehmen hat sich weltweit ein imperium aufgebaut. es ist wie der todesstern von nestlé.
der alte und dann sagte er, „in der kantine wird heute über mittag das chinesische neujahr
gefeiert. es gibt asia-pfanne. lecker, nicht?“
der junge es ist schlicht unsinnig, dass wir quasi gratis in der welt herumfliegen und die negativen konsequenzen völlig ausblenden. die heutigen ticketkosten sind absurd tief und die löhne ein witz.
der alte ach, klima-zirkus!
der junge ich werde mich klar dafür einsetzen.
der alte zu spät! die risse sind bereits da. er hat dann noch ein paar flaschen gekauft und mir zwei da gelassen, „er sei heute grosszügig!“ – ah, da fällt mir ein: willst du was trinken?
der junge ich trinke nicht.
der alte hast du eine zigarette?
der junge nein, wir jungen trinken und rauchen nicht mehr.
der alte nicht mehr?
der junge nein.
der alte seit wann ist das so?
der junge wir sehen, was das mit der alten generation gemacht hat. wir versuchen besser zu sein.
der alte einfach aufhören geht doch nicht?
der junge deswegen haben wir nie angefangen.
der alte dann eben, geht das aufhören für mich nicht.
der junge der alte geht zu seinem auto und schnappt sich eine weinflasche und eine tasse. er beginnt mit einem versuch des einschenkens. ich will mich abdrehen und ihn alleine lassen, denn das gespräch und sein geruch ist mir unangenehm. dann plötzlich redet er im hintergrund mit der weinflasche.
der alte komm schon.
der junge ich drehe mich um und sehe, dass seine hände zittern.
warte!
ich helfe dir.
ich öffne, unter dem strengen blick des alten, die flasche und schenke ein. er trinkt.
der alte wann ist die welt eigentlich erträglicher, mit oder ohne alkohol?
der junge ich weiss es nicht. er trinkt.
der alte wahrscheinlich trinke ich hin und wieder zu viel. aber tun wir das nicht alle?
der junge nein. er trinkt.
der alte ja, ausser die neuen… weisst du, ich halte das massvolle trinken für einen erstrebenswerten zustand. dieser flirt mit dem rausch. das beste glas ist immer das zweite. denn schon beim dritten wird die sache kompliziert, das gleiten hört auf, die see wird rauer, worauf man sich fragt ob sich bei einem vierten glas dieser zustand des zweiten wieder einstellen wird, was aber selten gelingt. aber dann ist es ja eh zu spät. was wolltest du eigentlich in diesem laden?
der junge  –
der alte irgendwann im november setzte ich mich abends vor einen computer und beantwortete die fragen eines alkohol-selbsttests. also wie oft und wie viel und warum. nach ein paar klicks wurde mir schon das ergebnis serviert: „sie trinken mehr als für ihre gesundheit und ihr wohlbefinden gut ist.“ – aha – und nach einer sanften aufforderung, meinen konsum doch zu reduzieren, hiess es: ich solle in den kommenden wochen darauf achten, mit welcher motivation ich alkohol trinken würde, aus reiner gewohnheit, aus traurigkeit oder aus ärger. ich glaube ja, es ist von allem ein wenig.
der junge er streckt mir die tasse hin, das zeichen um nachzuschenken. das tu ich, da ich die flasche noch immer in meiner hand halte. er trinkt.
der alte weisst du, alkohol ist so etwas wie eine nebelmaschine, wir trinken nicht unbedingt um zum vergessen, wir trinken um abkürzungen zu nehmen. um bedenken auf morgen zu verschieben und ein paar seelische löcher zu stopfen, mit denen wir uns nicht auseinandersetzen wollen.
der junge man sollte sich auseinandersetzen. er trinkt.
der alte sag mal, was ist eigentlich mit deinem gesicht los?
der junge was ist mit deinen händen los?
der alte ach, dieses verdammte wetter. da zittert man mal.
der junge
der alte
der junge das ist akne.
der alte parkinson.
der junge er trinkt.
der alte weisst du, die menschen scheinen hin- und hergezogen zu sein zwischen draussen und drinnen. obwohl es keinen unterschied mehr macht, drinnen ist es mittlerweile auch neblig und viel wärmer ist es nicht.
der junge er trinkt.
der alte letztens ist mir eine frau begegnet.
der junge er trinkt.
der alte sie suchte ein auto.
der junge vielleicht war es das hier?
der alte nein, das ist meines, ich habe es gefunden.
der junge wo ist sie jetzt?
der alte ich habe sie weggeschickt.
der junge in den nebel?
der alte ich lasse mir doch nichts wegnehmen.
der junge aber du kannst sie doch nicht einfach wegschicken, wenn das ihr auto…
der alte doch!
der junge er trinkt.
der alte weisst du, jetzt, im zeitalter der einsamkeit, beginnt man auch mit einsamkeit zu strafen.
der junge du wolltest sie bestrafen?
der alte nein, sie wollte sich selber strafen.
der junge in welche richtung ist sie gegangen?
der alte das ist schon lange her.
der junge wie kann man das tun, hast du sie gefragt ob es ihres ist?
der alte ihr was?
der junge ihr auto.
der alte warum hätte ich das tun sollen.
der junge er trinkt. und beginnt vor sich hin zu faseln…
der alte im toten winkel der gesellschaft leben und gedeihen der besonnene, der terrorist, der asoziale und das genie. wo willst du hin?
der junge ich gehe sie suchen.
der alte das kannst du nicht.
der junge er trinkt. ich will losgehen.
der alte he! meine flasche!
der junge hier.
ich gehe einige schritte und bemerke das blut unter der strassenlampe.
der alte ach, beachte das nicht, das war von der münzen-frau.
der junge es reicht, ich rufe jetzt die polizei.
der alte die polizei gibt es schon lange nicht mehr.
der junge aber irgendjemand muss doch helfen.
der alte ich kann helfen.
der junge ich denke nicht.
der alte die jungen wollen die hilfe nie. ihr denkt, immer alles besser zu wissen.
der junge nein! wir wissen vieles einfach besser! er trinkt.

und plötzlich beginnt es, blut zu regnen.

der alte scheisse!

der alte knallt schnell die autotüre zu und der junge rennt zu dem laden, der jedoch zu hat. er rennt zurück zum auto und will die tür aufmachen, diese hat der alte aber von innen abgeschlossen. triumphierend lächelt er hinter der glasscheibe hervor.

der junge mach die verdammte tür auf!

der junge nimmt einen stein und beginnt damit auf die glasscheibe einzuhauen.

der alte bist du verrückt?!

bis diese zerbricht. er klettert in das innere des autos.

der alte du hast doch deinen verstand verloren!
der junge

der junge, der den stein immer noch in der hand hält, beginnt auf den alten einzuhauen.


 
13.11.
DAS AUTO

FLURIN
FERNANDO


deutet das piepsen der einzig funktionierenden kasse in diesem laden an.

der nebel von gestern, er liegt auch hier, in den tiefen der regale. er umschliesst die, die darauf warten, jemanden zu gehören. niemand weiss mehr, wie der nebel durch die ladentür gekommen ist. das ist schon lange her, dass er gekommen ist. jetzt ist er die normalität. das licht ist kühl, kühler als sonst, und die menschen gehen schnell, schneller als sonst. durch die kühle und den nebel scheint alles grösser und weiter zu sein. draussen regnet es nicht. im innern, die schrecklich langweilige laden musik. sie wird lediglich von einem im hintergrund surrenden tiefkühler und ab und an einem piepsen der einzig funktionierenden kasse unterbrochen. mitten in dieser szene steht flurin. die menschen gehen an ihr vorbei ohne sie zu bemerken. das ist ihr recht so, denn flurin mag die menschen die sie bermerken nicht. flurin ist gedankenverloren. sie steht einfach nur da. steht da und starrt in das regal, in welchem sie die wahl zwischen dosenravioli und dosengulasch hat. nach einem kleinen seufzer zückt sie eine einkaufsliste aus der tasche.


flurin champignons braun
jogurt mango
kartoffeln
äpfel grün
orangen
milch
mehl
teigwaren
sauerkraut
pouletschnitzel
käse
essiggurken
butter
müsli
haushaltspapier


keine dosen.
flurin, du brauchst weder dosenraviolli noch dosengulasch.



seufzt.


ich finde mich in einem kleinen supermarkt wieder.
ich weiss nicht, wie ich hierher gekommen bin.
oder wann ich meine wohnung verlassen habe.






es muss der laden um die ecke sein.
ja, ganz sicher, es ist der supermarkt um die ecke.

flurin bemerkt erneut den einkaufszettel, den sie in der hand hält.

champignons braun

jogurt mango
kartoffeln
äpfel grün
orangen
milch
mehl

teigwaren
sauerkraut
pouletschnitzel
käse


essiggurken
butter
müsli
haushaltspa…




das ist nicht meine handschrift.
das hab nicht ich geschrieben.

und mit einer dose ravioli verlasse ich den laden.
gehe raus auf den parkplatz.
der in demselben licht und demselben nebel liegt.
der ort scheint ausgestorben zu sein.
und sehe da ganz alleine mein auto stehen.
es steht unter einer strassenlampe.
das kleine alte rote ding.
es räkelt sich gekonnt in diesem schummrigen licht.

und während ich auf das auto zu gehe, verliere ich mich in meinen gedanken.

kann mich nicht erinnern, dass ich den schlüssel ins zündschloss…

ich muss den schlüssel doch umgedreht haben…

wie bin ich denn hierher…

wie kann das sein, dass ich so ohne…

ich bin sicher über rot gefahren…

ich bin sicherlich über eine rote ampel…

oder ich hab jemanden angefahren…

ich erinnere mich nicht…

nicht mal mehr von wo ich kam…

und in dem moment, in dem ich versuche meinen weg zu rekonstruieren, stecke ich, ohne es zu realisieren, den schlüssel ins zündschloss und drehe ihn um.

motorgeräusche. dann nichts.

ich versuche es erneut.

motorgeräusche. dann nichts.

noch einmal.

motorgeräusche. dann nichts.

mama flurin, flurin!?
flurin ja, mama!
mama dreh die heizung etwas hoch.
flurin geht nicht.
mama flurin, die heizung!
flurin mama, die ist kaputt.
mama du musst dich unbedingt um die heizung kümmern, flurin!
flurin ja, mama!
mama die heizung, flurin.
flurin ja, mutter.
mama flurin, hörst du mir zu?!
flurin die heizung!
die heizung!
flurin! die heizung!
es sind verdammte vierzig grad draussen.
vierzig grad, mama, man könnte ein spiegelei auf dem auto braten und du schreist mir die ohren mit der blöden heizung voll, du alte schachtel, halt die fresse oder ich stecke dir die heizung sonst wohin!

flurin schlägt wie wild auf die hupe ein

hast du mich verstanden!!

flurin schlägt wie wild auf die hupe ein

hast du mich verdammt nochmal verstanden!!!

flurin schlägt wie wild auf die hupe ein

flurin sitzt in ihrem auto, sie ist jetzt mitte vierzig.
diese unterhaltung war die letzte, die sie mit ihrer mutter führte. bevor diese zuhause vor drei jahren an einem schlaganfall gestorben war. kurz darauf verlor flurin ihre stelle im kindergarten, wegen einem vorfall, bei dem sie nicht aufgepasst hatte.
dabei ist dem kind nicht wirklich etwas passiert. ein paar stiche an der stirn, ein paar milchzähne raus, und gut war. nur war es nicht gut genug für die eltern. sie musste gehen.

fernando sind sie noch da?
flurin ja, guten tag, hallo?
ich hatte nicht bemerkt, dass ich die nummer in das handy – geschweige denn
dass ich, laut display, schon zum fünften mal mit dem pannendienst telefoniere.    
fernando hören sie mich?
flurin ja. ich denke schon.
fernando wo stehen sie denn?
flurin wie ich ihren kollegen schon gesagt hatte, hier beim supermarkt um die ecke und nein, bitte nicht wieder auflegen… es ist das fünfte mal, dass ich sie anrufe, hören sie, ich kann nicht mehr auf sie warten, ich muss nachhause, ich bin ohnehin nicht gerne draussen und es ist kalt.
fernando es ist auch november
flurin ja, ich weiss, es ist november.
fernando was machen sie denn draussen?
flurin ich wollte nur kurz… hören sie, ich weiss nicht genau was ich wollte, aber ich stehe nun hier auf dem parkplatz beim laden um die ecke und mein auto springt nicht an und ich weiss, dass ich nach hause will.
fernando stehen sie da mit dem auto?
flurin ja, mit dem auto.

lange stille

hallo?
sind sie noch da?
fernando warum gehen sie mit dem auto zum laden um die ecke?
flurin weil die ecke etwas grösser ist als nur einmal um den block…
fernando ist ihnen warm genug?
flurin äh, nein…
fernando haben sie keine jacke?
flurin ich habe keine jacke dabei, danke fürs nachfragen…
hören sie, ich will nur wissen, wann jemand da ist um sich das anzuschauen.
fernando ist da niemand, der überbrücken könnte?
flurin nein, da ist niemand.
fernando gar niemand?
flurin hier ist schon lange niemand mehr.
ich würde jetzt gerne wissen, wann jemand von ihnen da ist?
fernando das kann dauern.
flurin heisst?
fernando eine stunde mindestens, höchstens drei.
flurin wie, eine stunde?
fernando oder länger.
flurin ich kann doch jetzt keine stunde hier stehen, oder länger.
fernando dann gehen sie zurück in den laden.
flurin zurück?
fernando ja. zurück.

stille

fernando wo sind sie denn jetzt?
flurin im auto… vor dem laden… ich stehe hier seit stunden.
fernando dann schalten sie eben die heizung ein.
flurin die heizung funktioniert nicht mehr!
fernando oh, sollen wir uns das auch direkt anschauen? wenn ja, dann müsste
ich jemand anderes vorbei schicken…
flurin nein.
fernando sie sollten sich aber um die heizung kümmern.
flurin nein. danke.
fernando es tut mir leid, aber ich kann leider nicht mehr machen, als jemanden vorbei zu schicken. die zeit kann ich nicht beeinflussen.
flurin das haben ihre fünf kollegen vorhin auch schon gesagt.
meine frage ist: wann genau ist jemand da?
fernando so bald wie möglich.
flruin wissen sie was, ich lege auf und laufe zu fuss nachhause. das hier macht doch keinen sinn.
fernando könnten sie vielleicht noch ein paar fragen für unseren kundenservice beantworten.
flurin ich lege auf.
bleibe noch ein wenig sitzen und klammere mich ans steuer.
einige minuten später stecke ich erneut den schlüssel ins zündschloss und drehe ihn um.

motorgeräusche. dann nichts.

verdammte scheisse!
ich steige aus.
lasse den schlüssel stecken, da diese schrottkarre sowieso nicht mehr tut.
reisse den kofferraum auf und schnappe mir die raviolidose.
knalle denn kofferraum zu.
und stehe da.

einige minuten.

stehe ich auf diesem parkplatz.
mit meinem kleinen roten schrottauto.
unter dieser idiotischen strassenlampe.
und einer dose ravioli in der hand.
weit und breit nichts.
ausser dieser bescheuerte nebel.

einige minuten.
ich atme ein.
stehe noch ein zwei sekunden da.

und beginne dann los zu laufen.
in irgendeine richtung.
durch den nebel weiss ich sowieso nicht mehr wo vorne und hinten ist.
also laufe ich einfach gerade aus.

mist!

ich hab mein handy auf dem beifahrersitz liegen lassen.
falls die mich jetzt anrufen.

ich drehe um.
und will zurück.
zu meinem auto.

pause

aber ich weiss nicht mehr in welche richtung.
ich kam doch von da…
nein…
von da…
und je öfter ich mich um meine eigene achse drehe, desto orientierungsloser werde
ich.

da stehe ich nun.
mitten im nebel.
hab keine ahnung wo mein auto steht.
und noch weniger weiss ich, ob ich immer noch auf diesem parkplatz
vor diesem laden bin.

ich drehe mich um und gehe weiter.

und wenn sie nicht gestorben ist, dann sucht sie noch weiter.
12.11.
ORT

der zustand

das hier ist ein schreibender-such-versuch, um an einen ort zu gelangen, an welchem dieses stück spielen könnte. in welchem die figuren aufeinander knallen und sich mit ihrer entfremdeten entfremdung bis zur ihrer eigenen aufhebung auseinandersetzen müssen.
und während dem schreibenden-such-versuch brechen unendlich viele ablenkungen, wie zum beispiel eine schreibblockade (weil der kopf zu viel verlangt), kleine kinder die im jungelcamp spielen wollen, ein von einem soundcheck hervorgerufenes erdbeben, daraufhin eine frau die umfällt und sich eine platzwunde am kopf holt, mit dem ganzen ambulanz-zirkus, und nicht zu vergessen, der unglaublich schwere st.galler*innen-freitag-morgens-strom, der über den ganzen tag anhielt, über den container hinein. und dennoch hat der schreibende-such-versuch-autor einen möglichen ort hervorgebracht.

der schreibende-such-versuch

ein ort verschwindet niemals vollständig. und unser ort wird sich niemals vollständig herstellen. es ist ein ort irgendwo dazwischen. dieser soll eine ordnung (egal welcher art) besitzen. somit ist dieser bühnen-, behälter- oder containerraum-ort eine momentane konstellation von festen punkten.
er darf einen hinweis auf eine mögliche stabilität enthalten. doch zu sicher darf er nicht wirken. dieser ort. er könnte sich zum beispiel als ein fussballfeld ausgeben, das in der nacht von scheinwerfern beleuchtet wird. dieses licht wird vom darauf liegenden nebel gebrochen. das fussbaldfeld existiert allerdings nicht. weil ich fussball nicht wirklich mag… womöglich gibt es gras, oder es ist doch einfach alles zubetoniert. also könnte es auch ein parkplatz sein. aber mit dem gleichen nebel und der selben licht situation.
irgendwo steht sicherlich ein auto, weil ein auto auf einer bühne nicht neu, aber witzig ist. es ist ein altes auto, denn es wurde da stehen gelassen, weil es nach dem letzten einkauf nicht mehr anspringen wollte. es steht da schon seit jahren und rostet so vor sich hin. mittlerweile wurde es sogar vom abschleppdienst, der es eigentlich hätte abholen sollen, vergessen. die hupe, die funtkioniert noch. und genau dieses vor sich hin rostende rote kleine auto steht da, inmitten dieser nicht-fussballplatz-aber-parkplatz-licht-nebel-situation. hier geht es um eine atmosphäre.
soll nicht heissen, dass diese stimmung schlussendlich eins zu eins auf der bühne wiederzufinden sein muss.
die vorbeigehenden, also die zusehenden, sie gehen langsamer, weil der nebel ihre sicht einschränkt. noch langsamer als sonst suchen sie ihre orte auf, an die sie sich begeben, ohne zu bleiben. und kaum hat die langsamste person ihren nicht verweile-bleibe-ort aufgefunden, läuft das ganze wie gehabt weiter.
denn bitte, das ganze stück besitzt keinen anfang.
doch, das stück besitzt einen anfang, aber nicht die nicht-fussballplatz-aber-parkplatz-licht nebelauto-situation. also auf gar keinen fall mit einem black oder gar einem vorhang beginnen.
wobei ein vorhang schon wieder interessant sein könnte… aber auf gar keinen fall ein black.
das ganze stück läuft nämlich schon.
es läuft schon lange.
denn die zeit ist wichtig für das stück. und die ganze atmosphäre soll in etwa so wirken, wie wenn man bei seinen grosseltern auf dem dachstock oder im keller sich durch das verstaubte, vergessene oder verlorene wühlt.
im hintergrund existiert ein monotones rauschen, es ist, als ob man das wort „rausch“ aussprechen würde, aber dass man dabei das „sch“ elf stunden lang durchzieht und davon die letzten zehn minuten aufgenommen hat und diese nur womöglich braucht. es könnte die autobahn sein, oder eine mikrowelle.
also wir haben die atmosphäre und irgendwo unter dieser sphäre, da steht eine klokabine und
daneben zwei pissoirs, darüber eine lampe, die flackert.
ausser das flackern lenkt zu sehr ab, dann kann es gerne auch einfach eine pinke neonröhre sein, die weder flackert noch kaputt ist.
wichtig ist dass dort, an dem ort, an welchem die klokabine und die zwei pissoirs sich aufhalten, unzählige telefonnummern an die wände und den boden gekritzelt wurden, welche auch wirklich existieren sollten. heisst, man muss anrufen können und es sollte die möglichkeit bestehen, dass wirklich jemand ran geht. am besten begibt man sich dafür auf eine recherche-reise durch die klos und schreibt die nummern auf, auf welche man stösst.
ja, telefone werden nicht die zentrale rolle spielen, aber es geht sicherlich um verpasste anrufe oder anrufbeantworter. und nein, die werden nicht via soundboxen eingespielt. sound und boxen wird es sicherlich geben. sie spielen nämlich unter anderem die lautsprecher, die über dem kinderspielplatz hängen.
dieser spielplatz, der mit einem maschendrahtzaun abgekettet ist, da die kinder schon lange keine kinder mehr sind sondern nur noch erwachsene, die diesen spielplatz für andere dinge als zum spielen nutzen.
p.s. eine hüpfburg geht auch.
diese nicht-fussballplatz-aber-parkplatz-licht-nebel-auto-klokabine-pissoir-spielplatz-oder ebenhüpfburg-situation könnte aber auch in den mit kunstlicht gefluteten gängen eines beliebigen deutschen oder europäischen flughafen stehen und wer sein gepäck auch schon durch diese gänge gerollt hat, versteht das problem, anhand der umgebung nicht sagen zu können, in welcher stadt oder zeitzone man sich gerade befindet. denn wie die welt der terminals ist, so ist auch das innenleben dieser nicht-fussballplatz-aber-parkplatz-licht-nebel auto-klokabine-pissoir-spielplatzflughafen-situation unglaublich banal, aus den immer gleich funktionierenden modulen gebaut. unser modular gebauter nicht-fussballplatz-parkplatz-licht-nebel-auto-klokabine-pissoir-spielplatzoder-eben-hüpfburg-flughafen-raum ist ein geflecht von beweglichen elementen. räume und orte können sich daher sehr gerne ineinander verschachteln.
so entsteht ein multidimensionales netzwerk aus räumen und orten.
die körper, die sich in diesem multidimensionalen netzwerk aufhalten, können jederzeit ins fallen geraten.
und inmitten dieses nicht-raumes steht eine kamera, bereit für das interview mit dem krankenhaus, aus welchem letztens eine frau geflogen ist. und diese frau steht in ihrem wohnzimmer am fenster, auf dem sie eine fliege ermordet hat.
der nicht-fussballplatz-aber-parkplatz-licht-nebel-auto-klokabine-pissoir-spielplatz-oder-ebenhüpfburg-flughafen-fernsehstudio-krankenhaus-wohnzimmer-nicht-raum ist die grundlage für die beziehungsstruktur zwischen den körpern, die ständig in bewegung sind. dieser nicht fussballplatzaber-parkplatz-licht-nebel-auto-klokabine-pissoir-spielplatz-oder-eben-hüpfburg-flughafenfernsehstudio-krankenhaus-wohnzimmer-nicht-raum ist die grundlage für das stück.
und gehen bedeutet, den ort zu verfehlen.
11.11.
WIR ENTFREMDETEN
eine konstruktion

WIR I
WIR II

PROLOG - auch autorentext


wir I dieses stück muss als eine art spielplatz erlebt werden.
wir II bevor du also zu lesen beginnst,
DAS ZÄHLT FÜR ALLE!
musst du dich auf einen spielplatz begeben und die dort anwesenden beobachten.
wir I achte dich dabei auf die rhythmik,
wir II lautstärke
wir I des ortes,
wir II das alter,
wir I die geheimen regeln,
wir II das verborgene.
wir I denn genau dieses verborgene, das dazwischen, das nicht auffallende, das was wir
eben alle als normal bezeichnen würden: soll DIR und den menschen,
wir II oder objekten,
wir I die diesem text leben einhauchen, als grundlage dienen.
alle play nicely,
I'm watching you.

PROLOG II - auch autorentext aber diesmal von wikipedia geklaut

wir I Eine Explosionszeichnung
wir II (auch Explosionsgrafik, Explosivdarstellung)
wir I ist eine Art der Darstellung bei Zeichnungen und Grafiken, die einen komplexen
Gegenstand in seine Einzelteile zerlegt zeigt
wir II (u. a. auch perspektivisch dargestellt).
wir I Im Fachjargon wird hier auch die Formulierung Sprengzeichnung verwendet. Die
dargestellten Einzelteile oder Bauteile sind räumlich voneinander getrennt, d. h. so, als
flögen sie nach einer Explosion auseinander.

SZENE - auch eine aufzählung

wir II faden
fahrrad
falke
fall
farbe
feder
fenster
feuer
finger
fisch
fledermaus
fliege
flöte
flugzeug
fluss
flut
frau
fremder
frosch
fuchs
funke
furien
fuss

SZENE - auch ein problem der neuen generation

wir I mama loggt sich bei facebook ein
ich logge mich aus
oder lösche gleich den account.
alle ist doch peinlich.

wir I instagram
snapchat und co
sind wie das niemalsland
in dem jugendliche nicht älter werden
und erwachsene keinen zutritt haben.
wir II theoretisch.

wir II und wenn man es genau nimmt, ist es lediglich die legitimation einer wiederauferstehung.
wir I man lässt sich einfach schön machen.
alle  so gefalle ich mir viel besser.
wir I typischerweise sind es nicht mehr die älteren, sondern die jungen, die sich einen schöner modellierten körper und ein makelloses gesicht wünschen.

wir II der betrieb wollte, dass ich mein profil auf instagram lösche, das fand ich blöd. also hab
ich den job einfach hingeschmissen. es war ja nur meine lehrstelle, da gibt es noch mehr
von. von leer stellen.

alle eine spritze für möglichst viele likes.
wir I üppige brüste, grosser po, schmale taille und vor allem voluminöse lippen.

wir II doch mutter natur hat kaum jemanden so geschaffen.
wir I auch die influencer nicht.

wir II hyaluron-säure gilt unter schmollmundigen influencern als wunderwaffe, die säure besteht aus zuckermolekülen und bindet wasser.
injiziert man sie in den rand der lippen, schwellen sie an, doch es braucht anatomische
kenntnisse um die nadeln richtig zu platzieren.
wir I die richtige dosierung ist entscheidend über die toxische weiblichkeit.
wir II toxische männlichkeit.
wir I das ist lediglich ein modewort.
wir II männlichkeit?
wir I nein.
wir II toxische gesellschaft?
wir I deine haltung ist der gipfel der arroganz, eine einzige manifestation der weissen
privilegiertheit, die diese welt erfolgreich am verformen ist.

wir II ja, alleine lassen möchte man seine kinder in dieser welt nicht.

alle wir, wir waren alle schon längst allein,
wir haben aufgehört zu sprechen,
wir reden nicht, denn reden ist gegen die regeln,
wir glauben an egoismus,
und wir fressen das, was wir zu fressen kriegen,
wir nutzen die übergebliebenen knochen, der anderen, als waffen gegen das andere.

SZENE - auch eine möglichkeit

wir II manchmal hab ich unheimlich rückenschmerzen.
wir I wovon denn?
wir II vom auf und ab gehen auf und ab und auf und ab und auf und ab und auf und ab.

wir I und dann sind deine augen zu
wir II und du atmest tief
wir I und wir legen dich nieder, wie wenn du aus feenstaub wärst,
alle ganz vorsichtig.

wir I und drei minuten später
alle schreist du
wir I und es beruhigt dich nichts
alle ausser auf und ab und auf und ab und auf und ab und auf und ab und auf und ab.
wir II manchmal weine ich
teils laut
teils leise
manchmal aus verzweiflung
manchmal
weil mir shampoo in die augen läuft
manchmal beides gleichzeitig.
wir I play nicely,
I'm watching you.
wir II und manchmal frage ich mich dann
ist das falsch
müsste das anders sein.

alle aber unsere köpfe sind voll gekritzelt
mit regeln
verhaltenskodexen
konventionen.
wir II und wie durch eine explosionszeichnung bewegen wir uns durch diese teilchen, ohne
sie zu berühren. denn ein stich von einer solchen konvention würde einen hundertjährigen
schlaf bedeuten.
wir I und wir bräuchten einen prinzen.
wir II oder eine prinzessin.
wir I oder keins von beiden, denn die norm ist scheisse.
wir II naja, dieser schlaf…
wir I dieser schlaf würde uns auf jeden fall von den anderen abgrenzen.
wir II sowas von.
wir I ganz klar.

wir II aber nochmals kurz wegen dieser prinzen-thematik… denn da gibt es die anderen, die, die sagen, es war schon immer so… die, die fragen, warum man genau jetzt anfängt, dinge zu verrücken, warum überhaupt das ganze neu sortieren, denn das alte ist doch gut so, …

wir I und in hundert jahren möchte ich nicht zu der gemacht worden sein, die ich niemals war. zu einer dieser schlafenden schönheiten, die nur durch einen sehr männlichen, von seiner mutter abhängigen, muskulösen mann, mit pferd/
wir II /heute möglicherweise eher mit einem ferrari oder mit bitcoins/
wir I /hauptsache vermögen, wach geküsst wurde und ich… ja soooo dankbar sein kann/
wir II /muss/
wir I /danke… muss, dass dieser prinz mich gerettet hat und ich nun als aushang, winkend am schlossfenster stehe und darauf warte, bis die eifersüchtige mutter mit ihren mutter-sohn
komplexen mich ermorden lassen will.

SZENE - auch ich denke also bin ich auch

wir II ich denke an nichts…

wir I ich denke an viel…

wir II ich denke an einiges…

wir I ich denke an so vieles…

wir II ich denke nie…

wir I warum nicht?
wir II weil denken scheisse ist!

wir I ich denke…
wir II du denkst?
wir I ich denke, ich denke auch nie.
wir II du denkst, du denkst nie?
wir I zu denken hab ich aufgegeben.
wir II ich denke, daran zu denken, das denken aufzugeben, ist ebenfalls denken.

SZENE - auch suchende suchen sich

alle wir suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
w I währenddem wir suchen
w II wird uns bewusst
w I dass wir nicht mal wissen
w II wonach wir suchen
aber
wir suchen weiter
w I suchen weiter
in dem haufen
w II suchen weiter
in den wollmützen
w I in dem blauen haufen
w II der aus wollmützen besteht
w I suchen weiter
ohne zu wissen wonach
w II bis uns plötzlich
einfällt
w I dass wir unsere blauen wollmützen suchen
w II dass wir nach unseren blauen wollmützen suchen
alle die wir vor einiger zeit in unserem schrank verloren haben
wir suchen also weiter
wir suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
suchen
währenddem wir suchen
wird uns bewusst
dass wir nicht mal wissen
wonach wir suchen

SZENE - auch ein mensch ist eben nur ein mensch und auch das nur selten

wir I
und irgendwo steht ein krankenhaus, welches unter tränen in eine kamera spricht:

wir II ich wollte, ich hätte was dagegen tun können, aber es war die entscheidung von ihr und
ich glaube jetzt, dass es die richtige entscheidung war… dieser sprung. ich glaube, ich
weiss, dass sie mir damit nicht weh tun wollte. aber nun werde ich verurteilt. die menschen
gehen an mir vorbei, starren mich abschätzig an und tuscheln:

wir I - das ist es jetzt, dieses krankenhaus, aus dem sie….

- nein! schrecklich!

- die arme, wie kann ein krankenhaus nur so gebaut sein…

- wie kann ein krankenhaus sowas überhaupt zulassen…

- dass sowas überhaupt möglich ist, ich dachte die fenster seien verriegelt.

wir II dabei hatte ich es versucht. ich hatte versucht, das fenster klemmen zu lassen. aber es war ihr wunsch. sie hatte es bei mehreren fenstern versucht. und das über mehrere tage.
und, ja, womöglich habe ich einmal nicht ganz so gut aufgepasst, womöglich war es nach
der grossen welle an operationen. ich werde auch mal müde.
aber warum sollte man jemanden aufhalten, wenn es genau das ist, was diese person will.

SZENE - auch eine realität

wir I ich bin alt
ich bin schon lange erwachsen
ich habe mir angewöhnt
als potenzielles lustobjekt zu funktionieren
das funktioniert viel besser.
wer will heute noch menschliches wesen sein?
wir II Ich hatte letztens einen traum übers mensch sein.
wir I ich auch.
wir II ich stehe mir selbst gegenüber.
wir I der raum ist nicht definiert.
wir II wir schauen uns an
wir I betrachten den körper
wir II der körper zieht sich aus.
wir I ich betrachte ihn.
wir II ich ziehe mich aus.
wir I der körper betrachtet mich.
wir II wir beginnen uns zu berühren.
wir I schnell geht es über zum knutschen.
wir II und schlussendlich hab ich mal wieder mit mir selbst geschlafen.

SZENE - auch eine entfremdung

w II es sind die leuchtenden bildschirme, die uns in den spiegel der einsamkeit blicken lassen, wenn wir es schaffen, unsere augen davon zu lösen, was ein irrsinniger kraftakt ist,
bemerken wir, dass wir alleine sind.
w I die, die um uns herum, ähnlich wie regungslose schweinekörper an ihren haken, hängen,
starren weiterhin da rein, sind zombies ihrer eigens geschaffenen welt.
w II verstärkt wird die welt durch ihre überdimensionierten ohren.
w I wie in unseren dröhnen die töne, welche nicht zu jenem ort gehören, in dem wir uns wieder finden.
w II das bild, der ton, sind von einem algorithmus gewählt, in uns hineingedrungen, und
bestimmen das stillstehen.
w I und in diesem moment der klarheit, der weitsicht und nicht nur dem riechen des ortes,
fragen wir uns: „wann haben wir das letzte mal die wirklichkeit unverändert auf uns
einwirken lassen? haben sie unsere knochen verformen und brechen lassen?“
w II das dröhnen, aufleuchten der vorbeirasenden zeit, lässt unsere körper in ein fallen
bringen.
w I bis sich lediglich eine blutspur in das reale zieht.

EPILOG - auch ein anfang

w II an dieser stelle könnte auch eine endlose stille stehen.
10.11.

FRANZÖSISCH SPRECHEN LEICHT GEMACHT

EIN GORILLA
DAS FETT


treffen sich ein gorilla und das fett am pissoir.
das fett beginnt nervös zu werden, dabei linst es immer wieder zum gorilla rüber.


F hey…

G    -

F dein erstes mal?

G nein.

F    -

G    -

fett blickt erneut rüber zu gorilla und wandert mit seinem blick nach unten.

G was soll der scheiss?

F wollte ihn nur mal sehen.

G gehts noch!

F    -

G    -

F ich finde ja, dass wir alle offener sein sollten.

G nein.

F du nicht?

G nein… also ja… nicht die art von offen sein.

F letztens, da stand ich neben einem mann. ich denke, er ist ein familienvater, zumindest sah
er aus wie ein mann, also ein vater, der am sonntagnachmittag im garten mit seinen
kindern spielt. mit strahlend blauen augen, stand er, so wie du jetzt, neben mir am pissoir.
er war nervös.

G du, wir müssen jetzt echt nicht reden.

F weisst du, ich bin mir das eigentlich gewohnt. es starren viele zu mir rüber. zum beispiel
wenn ich auf der strasse unterwegs bin. obwohl ich dazu gehöre. ich meine, der anteil der
übergewichtigen menschen hat sich in den letzten 40 jahren fast verdoppelt: 1975 hatten
21,5% der erwachsenen übergewicht, 2016 waren es bereits 39%. der anteil der fetten hat
sich sogar verdreifacht, von 4,7% auf 13,1% aller erwachsenen weltweit. aber was ich
eigentlich sagen will, ist: auf der strasse ist es gewöhnlich, auch wenn diese blicke mich
verurteilen, aber es ist alltäglich.
dieser familienvater-mann, der mich beim pissoir immer wieder anstarrte, verurteilte mich
nicht, im gegenteil. da war was knisterndes, in diesen blauen augen.

G also weisst du, wirklich, ich möchte mich jetzt gerne auf meine dinge konzentrieren.

F    schon gut.

G    -

F    -

G    -

F ich weiss was es heisst, wenn jemand am pissoir steht, aber nicht pinkelt und immer
wieder so knisternd rüber starrt. also jetzt weiss ich es.

G    -

F denn ich habe ihn kurz gesehen, bzw. länger gesehen… seinen penis, meine ich. der war
nicht schlaff… weisst du… und er hat ihn mir hingehalten, eigentlich, unter die nase
gerieben, dabei hat er immer mit dem kopf richtung toiletten gezuckt. er wollte da hinein,
für mich aber war es stimmig so, da, am pissoir.

der gorilla, der schon lange nicht mehr pinkeln kann, aber so dringend muss, versucht nun seine ganze muskulatur anzuspannen, um die blasenfunktion zu beeinflussen. leider ohne erfolg. mit einem kurzen männlichen seufzer gibt er auf und steht wieder ganz normal neben dem fett. das fett beginnt erneut damit, zum gorilla rüber zu schauen. der gorilla starrt, in einer sehr männlichen pinkel-pose, gegen die wand. dabei wirkt er verkrampft.

F warum greifen sich eigentlich männer in der öffentlichkeit immer in den schritt?
ich hab das heute beobachtet, fast alle männer greifen sich ständig in den schritt.

G ich weiss es nicht.

F sag doch mal, was du denkst.

G jeder hat so seinen tick… seinen platz… in der hose.

F das sieht man zurzeit voll gut, weil alle nur noch mit diesen grauen trainerhosen aus dem
haus gehen. ich durfte nie nur mit einer trainerhose raus, ausser ich hab wirklich sport
gemacht.

G was du offensichtlich nicht oft gemacht hast.

F eher selten, meine mutter meinte immer, dies betonte meine figur unvorteilhaft. aber ich
wollte dich nicht unterbrechen.

G ich kann sowieso nicht mehr pinkeln…

F du kannst nicht pinkeln? evtl. hast du einen infekt, oder bist du inkontinent?

G nein, nichts von beidem…

F    -

G    -

F ich wollte dich nicht unterbrechen.

G hast du schon.

F nein, ich meinte nicht beim pinkeln, sondern bei deiner theorie. warum die männer sich
ständig zwischen die beine greifen…

G aha, also es gibt linksträger und rechtsträger…

F und was ist mit der mitte?

G jeder und jede wie er oder sie es mag.

F ok.

G aber es ist ganz natürlich, dass der… sich…

der gorilla beginnt komische verschiebezeichen zu gestikulieren, dabei vergisst er, dass er gerade seine hosen offen hat und das fett kann einen blick erhaschen.

F aha! mein lieber scholli.

der gorilla erschrickt und dreht sich sofort wieder zum pissoir hin. er ist nun noch angespannter.

G    -

das fett beginnt zu summen.

G du verstehst aber, was ich meinte.

F Glied, Phallus, Schniepel, Zumpferl, Johannes, Jonny, Latte, Lümmel, Nudel, Rohr,
Schwanz, Joystick, Peitsche, Lurch, General, Nudel, Spatz, Zipfel, Gurke, Lanze, Hammer,
Knüppel, Kolben, Nille, Rammler, Bohrer, Dödel, Lollypop, Kronjuwel, Liebesdolch, Pfeife,
Schlauch, Pinsel, Knochen, Hengst, Prügel, Fidibus, Riemen, Einheizer, Stengel, Tiger,
Rüssel, Willy, Rute, Zauberstab, Wunderhorn, Schniedelmann, Piephahn, Flöte, Rute,
Pillermann, … such dir eines aus.

G was?

F du wolltest nicht penis sagen, da dachte ich, ich biete dir synonyme an…

G das… nein… ich kann das schon sagen.

F dann sag es…

G es geht jetzt eigentlich um was anderes.

F um was denn?

G warum sich viele in den… egal… der kann eben auch mal verrutschen, wenn man(n) sich
bewegt, oder es reicht schon eine unglückliche sitzposition, oder ein falscher schritt und
das ist dann eben ungewohnt und unbequem in der hose. das muss man(n) eben wieder
zurechtrücken.

F meinst du nicht eher, es liegt daran, um sich zu vergewissern, dass sie noch da sind, also die eier und der penis. so à la einfach mal zugreifen und abchecken. so quasi als gelegenheitskontrolle. nur, um auf nummer gaaaanz gaaaaanz gaaaaanz sicher zu gehen?

G bitte sei still…

F     -

G    -

F     -

F was mich interessieren würde: was würden sie tun, wenn sie dabei feststellen würden,
dass er WIRKLICH weg ist?

G    -

was würdest du tun?

G ich würde dann wohl nicht hier, neben dir, an einem pissoir stehen!

F das macht natürlich sinn.

G    -

F     -

G    -

F weisst du, ich war etwas in diesen sonntagnachmittags-familienvater verliebt. der war
echt nett, und sein teil… es wäre schade, wenn das weg wär.

G hör zu…

F bruno.

G was?

F ich heisse bruno.

G das ist mir doch schnuppe. ich will lieber nicht mehr mit dir hier über… du weisst schon
was reden.

F wie heisst du?

G     -

F     -

G pierre.

F kannst du französisch?

G nein.

F der „sonntagnachmittag, ich spiel mit meinen kindern draussen im garten, familienvater“
konnte sehr gut französisch.

und in diesem moment zieht der gorilla seinen reissverschluss hoch und verschwindet durch die tür. das fett bleibt alleine zurück.
9.11.

FENSTER
FLIEGE
FRAU


fenster
da sitzt sie.
seit sekunden,
minuten,
 stunden,
tagen,
wochen,
sitzt sie da und starrt durch mich hindurch.

frau
schaue den vorbeigehenden zu.

fenster
verliert sich darin.

frau
die menschen gehen schneller, weisst du?

fenster
mhmmm...

frau
die blicke auf den boden gerichtet.

fenster
dein blick geht nach innen.

frau
nein, es muss kalt sein, da wo die gehen.

fenster
da draussen.
meinst du.

frau
ja, da, in dieser strasse.

fliege
sssssssss sssss sssss sssssssssssssssssssssssssssssssssss

fenster
hier drin, eine fliege, sie klebt an mir, ihr rüssel kitzelt über meine glatte oberfläche.
ihre flügel streifen mich lieblich immer wieder auf ein neues, wenn sie abhebt. ihr
brummen, fast schon wie ein kleiner stromschlag, der sich leise im raum ausbreitet.

fliege
sssssssss sssss sssss sssssssssss ssssssssss sssssssss

frau
hell ist es, wenn es nacht ist.
und dunkel, wenn tag.

fenster
plaudert sie wie ein mantra vor sich hin.
aber sie hat schon lange kein zeitgefühl mehr.

stopp!
ja wirklich…
unerwarteterweise winkt ihr da jemand zu.

frau 
ich kenne diese person nicht.
höflichkeitshalber versuche ich, so kurz wie nur möglich, zurück zu nicken.

fenster
bevor nämlich das gefühl einer verbindung in der fremde aufkommen könnte.
bevor aus diesem kurzen moment, der wirklich schön hätte sein können, ein
klingeln an ihrer tür und aus dem klingeln, ein gespräch werden könnte.

frau
ich ziehe den vorhang vorsichtig vor mein gesicht.
unauffällig, so dass man meinen könnte, ich hätte diese bewegung schon über millionen
synapsen gesendet und die entscheidung wenige sekunden vor diesem unerwarteten
winken getroffen.

fenster
sie sitzt in ihrem wohnzimmer.
der teppich könnte in etwa so aussehen wie dieser hier.
die heizung ist exakt dieselbe, da die wohnung keine hat, ist eben günstiger.
die kerze allerdings besitzt einen richtigen ständer aus silber und besteht
auch aus wirklichem wachs, und nicht aus diesem stearin.

frau
vor meinem fenster in dem man mich, eigentlich, unmöglich genau erkennen
kann… ausser, warte… mein fenster ist das einzige, was noch Tag hat…

— schnell steht sie auf und löscht das licht. zurück bleibt das schummrige einer kerze.

fliege
sssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssss

fenster
die zeit hier drin läuft anders.       

frau
draussen läuft alles anders.
fenster beginnt sie ihrem spiegelbild zu erzählen.
frau du bist eigentlich nicht ungewöhnlich.
du bist sogar sehr gewöhnlich.
du bist sogar sehr sehr gewöhnlich.
das ist gut, wirklich gut.
das schauen aus dem fenster ist genauso gewöhnlich.
mir geht es gut...
nein...
nicht...
gut, gut…
aber ok...
naja...
ok…
du warst nur eben einfach lange nicht mehr draussen.
und du wartest drauf, dass man dich anruft. egal wer, hauptsache irgendwer, sogar die
nervigen callcenter wären zurzeit sehr willkommen.

fenster
sie wurde längst nicht mehr angerufen und dennoch wartet sie.
sie wartet schon so lange, dass sie für die nachbarn lediglich zur frau am fenster
geworden ist. sie wartet bereits so lange am fenster, dass sie mittlerweile
vergessen hat, dass sie das telefon ausgesteckt hat. sie verlässt ihre wohnung
nicht mehr, seit dem vorfall im kindergarten, in dem sie gearbeitet hat, bevor sie
das telefonkabel gezogen hat. was sie vergessen hat. dabei ist dem kind nicht
wirklich etwas passiert. ein paar stiche an der stirn, ein paar milchzähne raus, und
gut war. nur war es nicht gut genug für die eltern. sie musste gehen.

fliege
sssssssss sssss sssss sssssssssss

— frau schlägt gegen die scheibe.

— stille


fliege
sssssssss

frau
VERDAMMT!

fenster
in mir ein sprung

frau
in mir teile von dir

fenster
an mir dein blut

frau
und bevor meine synapsen verstehen, was die jetzt eigentlich auslösen müssten, schlage
ich erneut zu.

fenster
ein leiser zug

frau
ich schlage zu

fenster
eine leichte brise

frau
ich schlage zu

fenster
schwache brise

frau
ich schlag zu

fenster
mässige brise

frau
ich schlage zu

fenster
frische brise

frau
ich schlage zu

fenster
starker wind

frau
ich schlage zu

fenster
stürmischer wind

frau
ich schlage zu

fenster
sturm

frau
ich schlage zu

fenster
schwerer sturm

frau
ich schlage zu

fenster
orkan

— lange stille

fliege
sssssssss

frau
die fliege.
da fliegt sie nun und ich fliege mit ihr hinaus, hinaus in die dunkelheit.
unter uns liegt nun das fenster in tausend einzelteilen, meine hand ist zerfetzt.
das blut regnet nun über die stadt, in der ich wohne und mein fenster, das nun – ohne glas
und mir als inhalt – nicht mehr ist, wird immer kleiner.