19
September 2018
Mittwoch
20:00-21:50
Versetzung
Drama von Thomas Melle - Schweizer Erstaufführung

Zum Stück

Der Lehrer Ronald Rupp hat Erfolg: Von Schülern und Kollegen gleichermassen respektiert und geschätzt, soll er demnächst Direktor werden. Denn Ronald ist authentisch, locker und nie um ein schlichtendes Wort verlegen. Zudem ist auch privat Freude angesagt: Seine Frau ist schwanger. Ronalds Leben läuft wie am Schnürchen. Aber er trägt etwas in sich, was er bisher vor seinen Kollegen verbergen konnte: eine manisch-depressive Erkrankung. Und just im Moment seines grössten Erfolgs taucht eine verflossene Liebe auf und droht, ihn auffliegen zu lassen. Nun bricht die Krankheit wieder durch. Seine Kollegen werden zu Feinden und bezweifeln auf einmal seine Qualifikationen. Ein Beben kündigt sich an, dessen Erschütterungen Ronald urplötzlich vor das Nichts werfen.
Thomas Melle, dessen autobiografischer Roman Die Welt im Rücken 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, weil er schonungslos vom Leben mit seiner eigenen manisch-depressiven Erkrankung erzählt, lässt nun seine Hauptfigur mit dem gleichen Schicksal hadern. Ausgehend von Ronalds bipolarer Störung stellt Melle allgemeingültige Fragen: Wer ist zurechenbar und wer nicht mehr? Wem sollen Kinder anvertraut werden? Wie reagiert eine von Leistungsdruck und Gesundheitswahn geprägte Gesellschaft, wenn eines ihrer Mitglieder sich als scheinbar falsches Versprechen erweist? Wo liegt die Norm? Und wer ist am Ende Opfer und wer Täter?

Nachgespräche
Im Anschluss an die Vorstellungen vom 27. September, 23. Oktober und 21. November laden wir zum Nachgespräch ein.
Gast am 27. September ist Dr. med. Ruedi Osterwalder, Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherape FMH.
Gast am 23. Oktober sowie 21. November ist PD Dr. med. Thomas Maier, Chefarzt Psychiatrie St.Gallen Nord.

«Das muss man alles aushalten können.»

Besetzung

Zugabe

Schauspieler Fabian Müller (Darsteller des Ronald Rupp) und Julie Paucker (Dramaturgin) unterhielten sich mit Dr. med. Ruedi Osterwalder (Psychiater in Wil) über Thomas Melles Stück und die manischdepressive Erkrankung.

Ruedi Osterwalder Ich stelle mir das als riesige Herausforderung vor für einen Schauspieler, etwas zu verkörpern, von dem die Gesellschaft eigentlich immer noch sagt: das gibt es gar nicht. Wenn man das selbst nie erlebt hat, eine Manie oder eine Depression – als Durchschnittsbürger kann man das eigentlich gar nicht nachvollziehen. Das ist eine völlig andere Bewusstseinsqualität,die da spielt.

Fabian Müller Verstehen kann ich es vielleicht schon, aber sich vorzustellen, wie sich das anfühlt, ist tatsächlich eine riesige Herausforderung. Wie jeder kenne ich es natürlich, sehr traurig zu sein. Oder Phasen zu erleben, in denen ich extrem produktiv bin. Aber ich kann eigentlich immer benennen, warum ich grade traurig bin. Dass so eine Trauer einfach
grundsätzlich da ist, dass man da einfach so hineinfällt – das kenne ich nicht. Die Sprunghaftigkeit, die Ronald Rupp auszeichnet, ist für mich unglaublich schwer nachzuvollziehen. Wie er von einem Gedanken auf den nächsten kommt. Als Spieler brauche ich einen inneren Weg, dem ich folgen kann, eine innere Logik – das ist bei dieser Figur extrem schwierig.

Ruedi Osterwalder Das gilt ja auch in der Realität. Das ist das grosse Problem in der Manie, dass der Kranke in seiner eigenen Welt für die Angehörigen nicht mehr erreichbar ist. Er in seiner Welt, versteht aber nicht, warum man ihn nicht versteht. Das ist ein riesiges Kommunikationsproblem. Im Stück ist das vor allem Thema für Rupps Freundin, Kathleen.

Julie Paucker Wie muss man sich das vorstellen? Merkt man bei jemandem, den man gut kennt, wenn er anfängt, in seine Welt abzutauchen?

Ruedi Osterwalder In der Regel ist es so, dass eine vertraute Person die Veränderung sogar vor dem Betroffenen bemerkt. Man spürt, dass etwas nicht stimmt, ist sich jedoch nicht sicher. Daraus entsteht eine merkwürdige Situation. Sie – wenn es jetzt zum Beispiel die Ehefrau ist – fängt an zu fragen: «Wie geht’s dir denn?»; er aber versteht gar nicht, was
sie denn jetzt wieder hat, und findet es eine Frechheit, dass man ihm irgendwas unterstellt. «Endlich geht’s mir mal wieder gut im Leben und jetzt kommt die und sagt: ‹Pass auf, du wirst wieder krank!›»

Julie Paucker Wie geht das, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen mit jemandem, der diese Krankheit hat? Wie weiss ich, wann es «er» ist und wann die Krankheit? Ich muss die Auseinandersetzungen doch mit ihm führen, kann mich nicht einfach darauf zurückziehen, dass er krank ist ...

Ruedi Osterwalder Die Belastung für das Umfeld ist enorm. Die Veränderungen durch die Krankheit führen meist zu einer Entfremdung, zu Aggressionen und Unverständnis. Selbst für die geduldigsten, empathischsten Ehe- oder Lebenspartner wird das zur absoluten Belastungsprobe, und oft endet es mit einer Trennung – weil es einfach zu schwer wird. Manche Partner – das habe ich mehrmals erlebt – ziehen aus, obwohl sie sich weiterhin verantwortlich fühlen für den anderen. Also keine eigentliche Trennung, aber das Zusammenleben ist einfach nicht mehr tragbar.

Fabian Müller Im Stück spürt Ronald Rupp Anzeichen, dass sich bei ihm ein neuer Schub anbahnt. Ist das üblich, und kann ein Betroffener in so einem Fall etwas unternehmen?

Ruedi Osterwalder Gerade Patienten, die bereits mehrere Episoden durchlebt haben, haben wahnsinnige Angst vor einer Wiederholung und sind oft sehr hellhörig auf Signale. Die Frage ist, was sie dann damit machen, und leider ist es oft so, dass trotzdem mehr verdrängt als
gehandelt wird. Bis es kippt und zu spät ist.

Julie Paucker Hat das Denken in der Manie eine innere Logik, die nur von aussen nicht nachvollziehbar ist? Kann man das beschreiben?

Ruedi Osterwalder Handelt es sich «nur» um eine Manie, ist das der Fall: Die Gedankenabläufe und Assoziationen sind sehr schnell, folgen aber noch einer gewissen Logik. Wenn es aber – wie ich sage: «schizelet» – wenn es ins Psychotische geht, dann geht die Logik auch verloren, dann fällt das auch noch auseinander.

Fabian Müller Heisst das, dass nicht jede Manie auch eine Schizophrenie oder Psychose mit sich bringt?

Ruedi Osterwalder Nein. Wir unterscheiden diagnostisch zwischen der reinen Manie und der Manie mit psychotischen Symptomen. Das, was im Stück beschrieben wird, ist für mich eine Manie mit psychotischen Symptomen. In dem Roman Die Welt im Rücken scheint mir die Manie eher im Vordergrund zu sein.

Fabian Müller Auch im Buch ist ja der Verfolgungswahn zentral – das wäre demnach noch nicht psychotisch?

Ruedi Osterwalder Doch – das Wahnhafte schon, auch der Grössenwahnsinn, der dort beschrieben wird, aber weniger, dass das Denken nur noch so «gigi gaga» ist.

Julie Paucker Inwiefern ist der Maniker noch «er selbst»? Melle sagte einmal den schönen, so schmerzhaften Satz über sich selbst: «Ja, ich war es, aber auf eine komplizierte Weise war ich es auch nicht.» Kann man sich die Manie wie eine Form des Selbst in extremis vorstellen? Wie eine Art Karikatur seiner selbst?

Ruedi Osterwalder Es ist schon so, dass vorhandene charakterliche Eigenschaften einer Person intensiviert werden, plötzlich eine dominantere Rolle übernehmen. Neigt eine Person beispielsweise zu aggressivem Verhalten, kann es sein, dass dieses öfter und verstärkt auftritt.

Julie Paucker Ist es denn auch so – wie im Stück beschrieben – dass man sich an diese Zustände im Nachhinein nicht mehr erinnert?

Ruedi Osterwalder Das ist eine schwierige Frage. An sich gehört zur Manie keine Amnesie. Die Erinnerung ist eigentlich nicht ausgelöscht. Im Stück geht der Autor etwas vorsichtiger damit um ... Rupp sagt, er könne sich nicht erinnern …

Julie Paucker… er lässt es offen, ob es verdrängt ist oder wirklich
vergessen …

Ruedi Osterwalder… ja, er lässt es offen. In einer sehr schweren Psychose kann sowas eher mal vorkommen – wenn wir hier von psychotischen Anteilen sprechen, ist es möglich. Aber Melle schreibt ja auch in seinem Buch mehrmals, dass er wie verdrängt hat, was passiert ist. Verdrängung gibt es natürlich, dass man sich an etwas nicht erinnern kann, weil man traumatisiert ist oder es nicht mehr wissen will.

Fabian Müller Stimmt es, dass die Krankheit schwer diagnostizierbar ist?

Ruedi Osterwalder Ja. Es muss ja ein Unterschied gemacht werden zwischen tatsächlich Erkrankten und Menschen mit leichteren Stimmungsschwankungen, den sogenannten Zyklothymen, von denen es eine Menge gibt, ohne dass eine medizinische Behandlung notwendig wird. Je intensiver diese Schwankungen jedoch werden, je eindeutiger die unterschiedlichen Zustände voneinander abgrenzbar sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit
einer bipolaren Störung. Aber hier ist das Krankheitsbild deutlich, mit den typischen Verläufen: Eine gute Phase, dann wieder eine massive Manie, gefolgt von einer schweren Depression. Beim schweren Krankheitsbild dauert die Depression in der Regel rund sechs Monate, die manische Phase dann etwa zwei. Dabei handelt es sich jedoch um Durchschnittswerte.

Julie Paucker Wann kommt ein Patient zu Ihnen, was muss passieren?

Ruedi Osterwalder In der Regel kommen Patienten, wenn soziale Probleme entstehen, die das Funktionieren in der Gesellschaft merklich erschweren. Erfahrungsgemäss kommen manische Schübe oft im Frühsommer, so im Mai. Früher, in der Klinik, die ich geleitet habe,
sagten wir: «Jetzt ist Mai, jetzt kommen sie wieder.» Und in der Regel war es auch so.

Julie Paucker Können Sie mal ein Beispiel erzählen, wie sich so ein manischer Schub äussert? Geht es dem Maniker gut?

Ruedi Osterwalder Ich hatte einen Patienten, der in einer manischen Phase aus der Klinik abhaute. Er entwendete einen Traktor – inklusive Ladewagen – und kurvte abends damit stolz ums Klinikgebäude. Klar, dem ging es gut, der fühlte sich super. Ein anderer raste mit 150 Stundenkilometern durch die Dörfer – eine massive Gefährdung für die Aussenwelt. Wir hatten keine Wahl, wir mussten die Polizei einsetzen, ihn mit Strassensperren stoppen und in die
Klinik einliefern lassen. Was leider auch oft vorkommt, und das ist schwerwiegend, sind
ungewollte Schwangerschaften. Maniker sind oft sexuell enthemmt. Handelt es sich dabei zum Beispiel um einen Familienvater, ist das natürlich katastrophal.

Julie Paucker Die medizinische Behandlung – in diesem Fall Lithium – wird in der Schlüsselszene thematisiert. Der Vorgesetzte von Ronald Rupp fragt ihn, ob er sicher sei, stabil zu sein, ob ein Rückfall ausgeschlossen sei. Gibt es diese Garantie?

Ruedi Osterwalder Nein, die gibt es nicht, auch wenn die Lithium-Behandlung bei manchen Patienten so gut anschlägt, dass sie für den Rest ihres Lebens keine Behandlungen oder Klinikaufenthalte mehr benötigen. Aber im Stück, bereits sehr früh, gibt es Hinweise, dass Rupp nicht ganz sicher ist, ob er wirklich gesund ist. Das trägt er über lange Strecken mit
sich, hält sich bedeckt, bis der Druck so zunimmt, dass er es nicht mehr
aushält.

Julie Paucker Ronald Rupp steht kurz vor der Beförderung zum Rektor. Dann bricht die Krankheit wieder aus. Wie würden Sie das einschätzen, ist es denn denkbar, dass ein ehemals manisch-depressiv Erkrankter einen so verantwortungsvollen Posten übernimmt? Melle setzt die Geschichte ja nicht ohne Grund in eine Schule – Rupp steht den Zerbrechlichsten unserer Gesellschaft gegenüber, unseren Kindern.

Ruedi Osterwalder Wenn die gesunde Phase – im Stück zehn Jahre – lange genug andauert, ist die Chance gross, dass sie sich noch über weitere Jahre zieht. Ich würde in so einem Fall Auflagen machen: Sitzungen mit den Schulbehörden, dem Betroffenen und dem behandelnden Psychiater. Wichtig wäre das Recht zur Rücksprache zwischen Behörde und Psychiater, also eine offene Kommunikation anstatt Schweigepflicht. Totale Transparenz. Solche Arrangements kommen in der Realität durchaus vor. Ist die Person bereit, unter diesen Auflagen den Posten zu übernehmen, sehe ich keinen Grund, zu sagen, es geht nicht.

Julie Paucker Besteht die Gefahr, dass ein ehemaliger Patient auf einmal, von null auf hundert, ausrastet? Beispielsweise in einer Schulstunde?

Ruedi Osterwalder Das wäre eine absolute Ausnahme. Die Krankheit baut sich auf, es gibt Vorboten.

Julie Paucker Inwieweit sind psychische Erkrankungen heute noch ein gesellschaftliches Tabu?

Ruedi Osterwalder Ein Hauptthema ist nach wie vor die Stigmatisierung. Diese kann sogar zu einer neuerlichen Erkrankung führen – durch einen Teufelskreis aus Druck und Vorurteilen. Auch heute noch hat es ein psychisch Kranker in der Arbeitswelt unglaublich schwer. Wenn ein Arbeitgeber um den Klinikaufenthalt seines Arbeitnehmers weiss, braucht es intensive Aufklärungsarbeit. Da besteht weniger böser Wille als eine grosse Angst. Eine psychische Erkrankung ist für viele etwas Unheimliches.

Presse

Neue Zürcher Zeitung

Der Coup, der dem Team zur Saisoneröffnung gelingt, verrät etwas über das Betriebsgeheimnis: Man nimmt auch Stücke ernst, die so ernst sind, dass man mit wenig Gegenliebe des Publikums rechnen kann. Zum Beispiel das Thema Psychiatrie. Doch die Überraschung ist gross: Die Zuschauer scheinen sich nach einer Auseinandersetzung zu sehnen. [...] Jonas Knechts Inszenierung ist fokussierter als die Vorlage, sie erreicht unsere Lebensrealität und spielt mit der Erfahrung der Zuschauer; und dennoch ist sie voller Bilder von kunstvoll poetischer Kraft und hochmusikalisch, auch in ihrer Sprachbehandlung.

St.Galler Tagblatt

Hier kommt Theater der Realität extrem nah - kunstvoll, berührend und gleichzeitig informativ und aufschlussreich. Das erklärt wohl auch, warum die Vorstellungen ausverkauft sind.

Theater der Zeit

Der Vorzug dieser Arbeit, auch gegenüber der Uraufführungsinszenierung vor Monaten am Deutschen Theater Berlin, ist, dass sich Jonas Knecht und seine Dramaturgin Julie Paucker entschlossen haben, die Vorlage wegzurücken von emotionaler Geiselnahme und Stimmungsachterbahnen; stattdessen setzen sie einen analytischeren Ansatz durch, drängen episierende Elemente zurück, kappen überlange Monologe, um zu einem kompakten Textgefüge zu gelangen. So gibt es denn auch weniger Theater-Theater zu sehen, die naheliegenden Auf- und Ausbrüche der Hauptfigur, die zwischen Manie und Depression, Überanpassung und Individualitätstrotz pendelt, werden zurückgenommen und in ein durchaus beeindruckend zu nennendes Ensemblespiel überführt, das ein eindrückliches Beziehungs- und Bedingungsgeflecht entwirft und auch schauspielerisch überzeugt.

Saiten

Das Geniale daran ist, wie es Melle und Schauspieldirektor Jonas Knecht gelingt, begreifbar zu machen, dass der Kranke sich in seiner Manie als den Gesunden sieht. Ihm scheinen alle anderen den Verstand zu verlieren. Die Kombination von sprachlichen und schauspielerischen Mitteln, die zu diesem Zweck eingesetzt werden, ist äusserst gelungen.

St.Galler Nachrichten

Thomas Melle ist selber manisch-depressiv - gerade deshalb wirkt das Drama "Versetzung" in der Lokremise geradezu beängstigend realistisch. Hauptdarsteller Fabian Müller spielt sich dabei in einen regelrechten Spielrausch.

Termine & Tickets

Lokremise

Im November 2008 haben die St.Gallerinnen und St.Galler einem Kulturzentrum in der Lokremise am Hauptbahnhof zugestimmt. Eröffnet wurde die neue Spielstätte des Theaters St.Gallen Mitte September 2010

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