21
Dezember 2018
Freitag
19:30-22:20
Szenen einer Ehe
Schauspiel von Ingmar Bergman

Zum Stück

Johan und Marianne – beide im Beruf erfolgreich, seit zehn Jahren verheiratet, zwei Kinder – fühlen sich wohl in ihrem bürgerlichen Leben und scheinen eine vorbildlich moderne Ehe zu führen. Ganz im Gegensatz zu ihren Freunden Peter und Katarina, deren Beziehung einem Inferno gleicht. Als Johan der ahnungslosen und völlig überraschten Marianne von einer Affäre erzählt, gesteht er auch, dass er bereits seit vier Jahren über eine Trennung nachdenke. Dieser erste Riss bringt die bis dahin heile Konstruktion ihrer Ehe zum Bröckeln und setzt einen schmerzhaften Erkenntnisprozess über unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche, Wahrnehmungen und Interpretationen des Zusammenlebens in Gang. Das Psychogramm des Musterpaares Johan und Marianne spiegelt Fragen über die Möglichkeiten des glücklichen Zusammenlebens einer ganzen Generation wider. In der kleinsten sozialen Zelle, der Zweierbeziehung, bildet sich der Zustand einer Gesellschaft ab.
Ingmar Bergman, der 2018 seinen 100. Geburtstag feiern würde, zeichnet die sich über Jahre verändernde Beziehung in den Etappen ihres Zerfalls, Zusammenbruchs und ihrer Neuordnung nach. 1973 fegte Bergmans TV-Mehrteiler Schwedens Strassen leer und löste eine intensive Debatte über das Mass an Aufrichtigkeit im Zusammenleben von Ehepartnern aus. Auch die Kinoversion wurde ein internationaler Erfolg, der Titel sprichwörtlich. 1981 feierte Bergmans Theaterfassung in seiner eigenen Regie in München Premiere.

«Du hast deine grossen Augenblicke, aber dazwischen bist du unglaublich mittelmässig.»

Besetzung

Zugabe

Einführungs-Trailer
Paare reden über ihre Beziehung

Dramaturgin Anja Horst im Gespräch mit Suzanne Hüttenmoser Roth, Fachpsychologin für Psychotherapie


Sie sind seit 1996 als Psychologin und Psychotherapeutin in St.Gallen tätig. Die Beratung
von Menschen mit Beziehungs- und Eheproblemen macht dabei einen beträchtlichen Teil ihrer Arbeit aus. Mit welchen Problemen und Sorgen kommen Paare und Ehepaare zu Ihnen?


Vor allem mit Kommunikationsproblemen. Oft entsteht das Gefühl, in einer Sackgasse
gelandet zu sein, nicht mehr die gleiche Sprache zu sprechen, nicht auf der gleichen Ebene zu agieren. Dann häufig auch Aussenbeziehungen, also Affären. Manchmal aber auch nur das Empfinden, die Liebe wäre unmerklich verloren gegangen. Diese Paare erleben sich als gut funktionierendes Team, erfüllen ihre Rolle als Elternteil, als Arbeitnehmer, als Partner offensichtlich perfekt. Liebe, Leidenschaft und Sexualität bleiben aber auf der Strecke.

Wie hoch ist der Anteil verheirateter Paare, die Ihren Rat suchen?

Es ist der überwiegende Teil, mit weit über 60 Prozent. Der Grossteil davon liegt im mittleren Alterssegment, also zwischen vierzig und sechzig Jahren. Diese Paare blicken alle auf eine längere Beziehungszeit zurück. Meist kommen die Paare auf Betreiben eines Ehepartners, häufig der Ehefrau. Frauen tun sich leichter, emotionale Belange zu besprechen. Männer wenden sich in der Regel erst an mich, wenn es pressiert und die Frau schon ihre Koffer gepackt hat.

Mit welchen Erwartungen an die Therapie kommen die Paare zu Ihnen?

Sie erwarten Tipps, die Krise besser bewältigen zu können. Sie sehen in mir einen neutralen
Gesprächspartner, der ihnen unvoreingenommen Gehör schenkt. Sie wollen Hilfe in Bezug auf ihre Kommunikation, Hilfe beim Thema Lust/Unlust in der Beziehung oder Hilfe bei Verletzungen, wie sie durch einen Seitensprung entstehen. Erstaunlich ist, dass Männer, auch wenn sie sich zögerlich auf die Therapie eingelassen haben, sich im Laufe der Gespräche sehr öffnen und viel Geduld beweisen. Ihre Frauen hingegen erwarten, dass nach zwei oder drei Sitzungen Lösungen auf dem Tisch liegen.

Ingmar Bergman beschreibt in Szenen einer Ehe mit Johan und Marianne sozusagen ein
Traumpaar, das von allen um die glückliche Ehe beneidet wird. Nichts deutet auf eine Schieflage hin. So ist Marianne völlig unvorbereitet, als Johan ihr eröffnet, dass er sie für eine junge Studentin verlässt. Gibt es das häufig, so einen völligen Bruch ohne Vorankündigung?


Einen solch krassen Trennungsschritt, bei dem der Mann oder die Frau ihre Familie von jetzt auf gleich verlassen, erlebe ich eher selten. Wenn es Kinder in der Partnerschaft gibt, entsteht doch eine hohe Verantwortlichkeit. Es kommt dann zu einem ständigen Zögern und Abwägen, einem zähen Hin und Her. Heute sind es übrigens nicht nur die Männer, die ihre Frauen betrügen. Mittlerweile stehen die Frauen den Männern da in nichts nach.

Wenn Johan und Marianne zu Ihnen in die Therapie kämen, was würden Sie ihnen raten?

In der Regel geht es um enttäuschte Bedürfnisse. Ich würde vorrangig versuchen, zu erfahren, welche Bedürfnisse unbefriedigt geblieben sind und zu dieser Situation geführt haben. Was kann durch den Seitensprung gelebt werden, was in der Beziehung unerfüllt bleibt. Das anzuhören, kann für den Partner sehr verletzend sein, ist aber der erste Schritt einer ernsthaften Auseinandersetzung. Dann würde ich die beiden fragen, was in der Anfangszeit ihrer Beziehung im Schaufenster des anderen gelegen hat. Was hat sie gegenseitig angezogen? Dabei stellt sich oft heraus, dass es das, was man vermisst, einmal gegeben hat. Automatisch stellt sich dem Paar die Frage, wann und wie Spontaneität, Leidenschaft und Sexualität auf der Strecke geblieben sind.

Seitensprünge sind heftige Verletzungen, die einen enormen Vertrauensbruch mit sich ziehen. Ist so eine Situation wirklich überwindbar?

Erstaunlicherweise schon. Aber es setzt eine Menge Arbeit voraus. Wenn ich jedoch einen Menschen immer noch gern habe, kann ich ihm auch zugestehen, dass er mich einmal enttäuscht. Auch ich selbst muss mir zugestehen, andere zu enttäuschen. Wichtig ist, was nach der Enttäuschung folgt. Wie kann ich den Schmerz des anderen durch etwas Positives ersetzen? Es braucht einen Ausgleich, damit man wieder auf Augenhöhe ist.

Johan und Marianne treffen sich auch nach ihrer Scheidung in grossen zeitlichen Abständen immer wieder und fühlen sich sexuell plötzlich wieder angezogen, obwohl sie in neuen Partnerschaften leben. Führt sexuelle Frustration häufig zur Trennung?

In der Therapie wird die Unzufriedenheit mit der Sexualität in der Tat häufig angesprochen. Schaut man aber auf Forschungsberichte, die sich mit der Thematik auseinandersetzen,
ist Sexualität nicht unter den ersten drei Punkten, die für die Zufriedenheit einer Partnerschaft genannt werden. Hier werden Verlässlichkeit, Vertrauen und Sicherheit genannt.

Haben Männer eine andere Sexualität als Frauen, oder ist das ein Klischee?

Männer haben in der Regel ein stärkeres Bedürfnis nach genitalem Sex. Bleibt der aus, fühlen sie sich verunsichert. Ein Mann sagte mir einmal, er fühle sich in der Familie nur noch wie der Versorger, der Trainer seiner Kinder oder der Hauswart. Frauen sind verunsichert, wenn Zärtlichkeit und Kommunikation ausbleiben.

Ursprünglich wurden Ehen aus Schutz- und Versorgungsgründen geschlossen. Ist denn die Institution Ehe heute immer noch zeitgemäss?

In der Tat sind die Eheschliessungen in den letzten Jahren wieder nach oben geschnellt. Doch nur 13 Prozent der Ehen werden aus Versorgungsaspekten geschlossen, aus religiösen
oder moralischen Gründen. Liebe steht heute im Vordergrund. Es scheint dem Menschen ein inniges Verlangen nach einer Partnerschaft, nach ungeteilter Liebe innezuwohnen.

Warum dann die hohen Scheidungsraten?

Liebe ist ein Ideal, Nähe ist real. Was meist mit positiven Projektionen beginnt, führt im Alltag zur Desillusionierung und zu Enttäuschungen.

Gibt es eine positive Bilanz für das Fortschreiten einer Beziehung durch eine Therapie?

Unbedingt. Menschen, die zu mir in die Therapie kommen, bringen ja schon eine grosse
Bereitschaft mit, selbst Federn zu lassen und eine Entwicklung zu machen. Ein offener
Ausgang ist aber wichtig, damit es zu einer Auseinandersetzung, einem Ringen
kommen kann.

Ist Ehe für Sie persönlich ein funktionierendes Modell?

Ja. Wir führen seit 32 Jahren eine Beziehung. Seit 20 Jahren sind wir verheiratet.

Presse

Ostschweiz am Sonntag

Schon als Katarina und Peter zu Besuch kommen, meint Marianne: "Ein bisschen Abwechslung täte Johan gut." Es wird dann aber ziemlich viel Abwechslung, die Barbara-David Brüesch turbulent und, man wagt es fast nicht zu sagen, höchst unterhaltsam in Szene setzt. Was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass das Stück unbequeme Fragen für alle bereithält, die zu zweit zusammen leben. Und auch für jene, die davon träumen.

St.Galler Tagblatt

Dass aber "Szenen einer Ehe" kein psychologisch überfrachtetes Lehrstück geworden ist, dafür hat Barbara-David Brüesch gesorgt mit ihrem bunten, an komischen Einsprengseln reichen Kaleidoskop des Zusammenlebens. Und Diana Dengler und Matthias Albold tun es mit ihrem hinreissenden Spiel, das so viele Zwischentöne und auch durchaus eine gewisse Leichtfüssigkeit kennt.

SRF 2 Kultur

In der Zweierbeziehung, der kleinsten Zelle der Gesellschaft, widerspiegeln sich alle Fragen des Zusammenlebens. Individuelle, ideelle und auch kommerzielle. Regisseurin Barbara-David Brüesch gelingt es, diese Spiegelungen als ebenso zeitlos wie unvermeidbar darzustellen. Sie überlässt die parabelhafte Geschichte nicht einfach der Bühne, sondern nimmt die Zuschauer in die Pflicht, nimmt sie mit auf eine berührende und humorvolle Reise durch alle Extremzustände der Liebe.

Projekt Junge Kritik, Viviane Sonderegger

In scheinbarer Anspielung auf Bergmans Seelenentblössungen werden einige der Emotions-Momente in Grossaufnahme live auf die Leinwand projiziert. Zudem erscheinen in einzelnen Videosequenzen auch Beziehungs-Berichte und Erfahrungen heutiger Paare. Dieses Duett der beiden medialen Ebenen im schlichten Bühnenraum erweist sich als eine der vielen grossen Qualitäten der Inszenierung.

Saiten Online

Schon in dieser ersten Szene von Barbara-David Brüeschs Inszenierung wird eine breite Auslegeordnung zwischenmenschlicher Dramen offenbart. Selbsthass, Zweifel, Stagnation, Angst vor Nähe und Distanz zur gleichen Zeit. Als die Freunde weg sind und alle Krümel mit dem Handstaubsauger (grossartige Requisite!) aus den Sofaritzen gesaugt, bleibt ihnen plötzlich unangenehm viel Raum, über die eigene Beziehung laut nachzudenken.

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Das Grosse Haus ist das Herzstück des Theaters St.Gallen. Über 400 Mal hebt sich jährlich der Vorhang in dem Bau von Claude Paillard im Museumsviertel, in dem 741 ZuschauerInnen Platz finden.

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