26
April 2019
Freitag
20:00-21:20
sterben helfen
Schauspiel von Konstantin Küspert - Schweizer Erstaufführung

Zum Stück

Die erfolgreiche Managerin und werdende Mutter Lucy erfährt bei einer Routineuntersuchung während ihrer Schwangerschaft, dass sie Krebs hat. Die Erkrankung zwingt sie zu einer Abtreibung und zum Beginn einer Chemotherapie, von der der behandelnde Arzt allerdings abrät. Lucy lebt in einer Gesellschaft, die den langsamen, qualvollen Tod ächtet und jede aussichtslose medizinische Behandlung als Kostenfaktor zählt. Deshalb hat jeder volljährige Mensch Zugriff auf ein schnell wirkendes, tödliches Gift. Ein Leben, das nicht mehr lebenswert erscheint, kann selbstbestimmt beendet werden. So hat es auch Lucys Mutter getan und ihre eigene Beerdigung vorbereitet. Ihr Abschied wird zum versöhnlichen, fröhlichen Fest. Lucy dagegen entscheidet sich für den schmerzhaften Weg: den qualvollen Tod an der Seite ihrer Ehefrau und ihres kleinen Sohnes. Sie stellt sich der Krankheit, klammert sich an ihr Leben und provoziert mit ihrer Haltung ihr Umfeld und dessen Werte.
Konstantin Küspert greift in sterben helfen ein kontrovers und emotional diskutiertes Thema auf und ermöglicht uns einen radikalen Perspektivwechsel. Das Stück entwirft eine Gesellschaft, die der unseren ähnelt, allerdings das selbstbestimmte Sterben zelebriert.

«du wirst sterben, lucy. ich werde sterben, schon bald. du kannst das nicht verhindern. niemand kann das!»

Besetzung

Zugabe

«Lebensqualität lässt sich zu einem gewissen Grad adaptieren»
 
Eine Gesellschaft, die das Sterben von eigener Hand zelebriert, sobald die Diagnose «unheilbar» gestellt wird – Menschen, die zur Entlastung der Krankenkassen und der Angehörigen freiwillig abdanken. Ist das womöglich unsere Zukunft? Das Schauspiel sterben helfen entwickelt genau diese makaber anmutende Vision und rückt damit die Begriffe Sterbehilfe und Autonomie in ein neues Licht. Dr. med. Daniel Büche, Leitender Arzt des Palliativzentrums des Kantonsspitals St.Gallen und Roland Buschor, Geschäftsleiter des Hospizes St.Gallen, geben Dramaturg Stefan Späti Auskunft über das begleitete Sterben, die Möglichkeiten der Betreuung und die Verantwortung des freien Willens.

Daniel Büche, in welchem Zustand kommen Patienten zu Ihnen auf die Palliativstation?

Nahezu 90 Prozent der Menschen auf unserer Station leiden an Krebserkrankungen, meist in sehr fortgeschrittenem Stadium. Gegen den Krebs lässt sich dann kaum mehr etwas ausrichten, vielmehr geht es darum, Symptome wie Schmerzen oder Atemnot zu behandeln und auf Ängste und Kummer einzugehen. Zum andern übernehmen wir eine beratende Funktion: Welche therapeutischen Massnahmen sind noch sinnvoll, wie viel Zeit bleibt? Ist eine Pflege zu Hause möglich oder braucht es das Pflegheim? Die Summe dieser Beratung und Betreuung nennt sich Palliative Care, vom lateinischen «pallium», eine Art Ummantelung, abgeleitet. Sie bezeichnet die Versorgung eines Patienten mit allem, was er benötigt von Ärzten und Pflegepersonal, aber auch von den Angehörigen. Das Wichtigste für die Menschen hier auf der Station ist, zu spüren, dass nicht einfach das schwarze Loch kommt. Wir zeigen den Betroffenen Möglichkeiten für Lebensqualität und Lebensinhalt auf – auch im fortgeschrittenen Verlauf. Und es geht darum, in der krankheitsbedingten Enge trotzdem noch gewisse Freiheiten zu haben.
 
Roland Buschor, unter welchen Umständen ziehen Menschen zu Ihnen ins Hospiz?

Wenn ein Patient die akute Phase auf der Palliativstation hinter sich hat, jedoch die Betreuung im Pflegheim oder zu Hause durch die Spitex nicht mehr gewährleistet werden kann. Gründe dafür sind beispielsweise, dass jemand rund um die Uhr versorgt werden muss, keine Angehörigen hat oder aber wenn kleine Kinder da sind, die den Zustand eines betroffenen Elternteils nicht miterleben sollen. Im Hospiz steht das Pflegen im Vordergrund. Im Unterschied dazu überbrückt das ärztliche und pflegerische Fachpersonal auf der Palliativstation die akute Phase, stellt beispielsweise die Medikation richtig ein. Danach verlässt der Patient, falls möglich, die Station. Bei uns bleibt er bis zum Tod. Unser Pflegepersonale arbeitet selbständig nach einem Behandlungsplan, der auch ärztlich verordnete Medikamente beinhaltet. Voraussetzung ist, dass der Wille und die Bereitschaft zum Sterben da sind.
 
Führen Sie im Hospiz Sterbehilfe durch?

RB: Das ist ein sehr brisantes und kontroverses Thema. Die Sterbehilfeorganisation Exit wollte ursprünglich ein Sterbehospiz betreiben, wo sowohl Pflege als auch assistierter Suizid möglich sein sollten. Daraus entstand in der Schweiz ein leicht verzerrtes Bild, was ein Hospiz ist, während im Ausland der Begriff von Anfang an ein anderer war: Die Menschen kommen zum Sterben, jedoch wird der natürliche Verlauf bis hin zum Tod nicht von aussen gesteuert. Für dieses Konzept haben auch wir uns entschieden. Wir stehen betreffend Sterbehilfe beratend zur Verfügung, auch können Mitarbeitende von Sterbehilfeorganisationen bei uns vorbeikommen, jedoch werden hier im Hospiz keine begleiteten Suizide durchgeführt. Eine transparente Kommunikation dieser Entscheidung ist sowohl für Personal und Patienten als auch für Geldgeber sehr wichtig. Alle Involvierten müssen wissen, wo sie stehen, und was sie vertreten oder nicht vertreten können. Dazu kommt, dass dieses Thema oft mit Missverständnissen verbunden ist. Wir hatten eine Bewohnerin, die Sterbehilfe durchaus in Betracht zog, bis sie erfuhr, dass sie das Medikament selbst einnehmen muss. Das konnte sie sich nicht vorstellen, und somit war das Thema vom Tisch. Viele unserer Bewohner haben das begleitete Sterben als Reserveoption im Hinterkopf. Abschreckend kann jedoch bereits der grosse Vorlaufprozess mit Untersuchen und Gesprächen wirken. Und wenn sie dann sehen uns spüren, dass sie bei uns erhalten, was sie brauchen, entscheiden sich die meisten für den natürlichen Tod.

Sie sind beide in Ihrer Tätigkeit konstant mit dem Sterben, dem letzten Lebensabschnitt von Menschen konfrontiert und erleben die ganze Bandbreite an Emotionen, Verzweiflung, Hoffnung. Was ist Ihre persönliche Meinung zur Sterbehilfe?

RB: Es ist gut, dass es in der Schweiz die Option des assistierten Suizids gibt. Wer sie jedoch in Anspruch nimmt, trifft eine Entscheidung, deren Konsequenzen er nicht allein trägt. Ich habe oft festgestellt, dass Angehörige nach einem Freitod, auch wenn er offen geplant war, noch mehr Mühe haben mit dem Trauerprozess und der Verarbeitung. Hätte man mehr Einfluss nehmen können oder sollen? Diese Frage beschäftigt einen viel intensiver als bei einem natürlichen Tod. Angehörige können sich auch gezwungen fühlen, die Entscheidung eines Verwandten zu akzeptieren. Sie geraten in die Zwickmühle zwischen dem Wunsch, die Person nicht gehen zu lassen, sich aber gleichzeitig nicht gegen deren Bedürfnis zu stellen, ihr Leiden zu beenden.
 
DB: Ich persönlich kann mir derzeit nicht vorstellen, diese Begleitung für mich je in Anspruch zu nehmen. Trotzdem finde ich es gut, dass es die Möglichkeit gibt, und ich arbeite auch mit Exit und Dignitas zusammen. Wobei Zusammenarbeit hier auch heisst, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und einander herauszufordern. Ich glaube, es gehört zur modernen Gesellschaft, den Begriff der Autonomie zu beleuchten. Ein Verbot wäre ein klarer Fehler. Ganz wichtig ist es jedoch der Versuch, zu erfassen, worum es geht, was es mit sich bringt. Wenn ich ein Auto kaufe, informiere ich mich über technische Details, Preis, Vorzüge und allfälligen Nachteile. Das ist einfach. Aber: Ist es als Mensch überhaupt möglich, die Konsequenzen des Sterbens zu erfassen? Ich traue mir das nicht zu, weder als Arzt für andere noch für mich persönlich. Ich kann demnach niemandem einen assistierten Suizid empfehlen. Aber ich kann auch hier herausfordern, nach dem Warum fragen, Alternativen aufzeigen.
 
Welche Alternativen sprechen Sie an?

DB: Lebensqualität lässt sich zu einem gewissen Grad adaptieren, der Mensch ist dazu fähig. Ich spreche natürlich nicht von der Lebensqualität eines gesunden Menschen, aber wir können viele Symptome, vor denen die Menschen Angst haben, behandeln. Auch innerhalb der Krankheit ist es möglich, intensiv zu leben, vielleicht intensiver als je zuvor. Ich habe dieses Phänomen oft bei Patienten erlebt und bin dankbar dafür.
 
Das Stück sterben helfen zeichnet eine Gesellschaft, in der es Usus ist, sein Leben von eigener Hand zu beenden, wenn man unheilbar krank ist. Nicht, ohne davor noch sein eigenes Begräbnis organisiert zu haben. Weder Krankenkassen noch Angehörige sollen zu sehr belastet werden. Was löst diese Vorstellung in Ihnen aus?

DB: Mir wird komisch dabei, das muss ich sagen. Trotzdem glaube ich, wir müssen uns solchen Szenarien stellen. Vielleicht reichen 80 Jahre gut gelebt zu haben ja aus? Wozu noch all die teuren Krebsmedikamente mit ihren Nebenwirkungen, die vielleicht gar nicht mehr viel nützen? Soll dieses Geld nicht besser anders investiert werden? Das kann hinterfragt werden. Trotzdem ist meine Überzeugung: Der Mensch darf nicht ökonomisiert werden. Das geht gegen seine Würde.
 
Wie sieht es mit den sicherlich oft hilflosen und überforderten Angehörigen aus? Werden auch sie betreut?

DB: Bei der Palliative Care stehen neben den Erkrankten auch die Angehörigen im Fokus. Es gibt psychologische und seelsorgerische Unterstützung, Entscheidungen werden offen kommuniziert. Gerade, wenn Kinder beteiligt sind, ist eine Begleitung wichtig. Ist es gut, dass das Kind die sterbende Mutter noch besucht, oder ist es eine Überforderung? Was für Bilder bleiben zurück? Andersrum können Angehörige dazu drängen, eine weiterführende Therapie zu verhindern – besonders in finanzieller Hinsicht, so in der Art: «Schauen Sie bitte, dass es nicht mehr zu lange geht», ohne dass dies der Wunsch des Patienten ist. Da muss ich als Arzt dann gegensteuern. Ich bin primär dem Patienten verpflichtet. Er hat das Recht, über sein Leben, seine Bedürfnisse zu entscheiden.
 
RB: Ich habe Angehörige erlebt, die in ihrem schwierigen Zustand aus Trauer und Frust austicken und aggressiv reagieren können. Gerade da ist dann Zuhören und Erklären und das Verständnis ihrer Situation sehr wichtig. Sie befinden sich, wie auch die Sterbenden, in einer Extremsituation. Am Ende eines Lebens drängen oft ungelöste Probleme an die Oberfläche. Es wird wichtig, Frieden zu schliessen, sich mit Familienmitgliedern zu versöhnen, mit denen man vielleicht jahrelang zerstritten war. Manche Menschen können erst sterben, wenn die Angehörigen weg sind. Andere gerade dann, wenn eine gewisse Person im Raum anwesend ist.
 
Glauben Sie, dass die Entscheidung für einen Suizid auch mit einem gewissen Zwang verbunden sein kann, wenn man sich einmal entschieden hat?

DB: Das glaube ich, ja. Wir wissen aus der Suizidforschung, dass suizidale Menschen eingeengt sind im Denken. Möchte jemand von einer Brücke springen, und es wird verhindert, wird er nicht nach Hause gehen und eine Überdosis Medikamente nehmen. Er hat nach wie vor die Brücke im Kopf. Wir erleben diese Einengung auch, wenn Menschen sich zu Suizidbeihilfe entschlossen haben. Gerade, wenn es bereits im Umfeld kommuniziert wurde. Man will nicht die Berechtigung für sich selber verlieren, also fühlt man sich zur Durchführung verpflichtet, auch wenn insgeheim vielleicht Zweifel aufkommen. Das ist ein gefährlicher Zustand. Wie frei ist der Wille da wirklich noch? Wie gross die selbst auferlegte Verpflichtung?
 
Verändert Ihre Tätigkeit den Bezug zum eigenen Sterben?

RB: Ja, das tut sie. Ich bin täglich konfrontiert mit dem Sterben, wenn auch ohne den Aspekt der persönlichen Trauer, da es sich bei unseren Bewohnern nicht um Angehörige oder Freunde handelt. Theoretisch wissen wir alle um die Endlichkeit unseres Lebens. Wenn sie dir jedoch so intensiv vorgelebt wird, brennt sich diese Tatsache umso mehr ein. Die Konsequenz daraus ist, dass ich mein Leben und meine Zeit hier geniesse, bewusst lebe, und nach Möglichkeit keine Zeit verschwende. Das Leben ist zu kurz dafür.
 
DB: Ich erlebe extrem berührende Momente mit den Patienten, manchmal kommen mir dabei die Tränen. Ich kann die Menschen dabei unterstützen, am Ende ihres Lebenswegs an ihr Innerstes, ihren Kern vorzudringen und bekomme entsprechende Weisheiten mit. Das ermöglicht es mir, einen anderen Blick auf das Leben zu werfen. Ohne zu denken, ich weiss, wie alles geht. Das weiss ich nämlich nicht.
 

Presse

Neue Zürcher Zeitung

Schon wieder glückt dem Theater St.Gallen ein Meisterstreich. [...] Mit "sterben helfen" festigt das Schauspiel in St.Gallen seinen Ruf als Ur- und Erstaufführungstheater zeitgenössischer Stoffe von erheblichem Brennwert und gesellschaftspolititscher Brisanz.

St.Galler Tagblatt

Nach dem Burnout-Drama "Der Mann der die Welt ass" und dem Lehrerdrama "Versetzung" um einen Manisch-Depressiven dürfte auch "sterben helfen" zum Publikumserfolg werden. Stark ist das Stück, weil es kein Pamphlet für die eine oder andere Seite ist, sondern Argumente, Gefühle und Normen auf hohem Niveau verhandelt und in Szene setzt.

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Im November 2008 haben die St.Gallerinnen und St.Galler einem Kulturzentrum in der Lokremise am Hauptbahnhof zugestimmt. Eröffnet wurde die neue Spielstätte des Theaters St.Gallen Mitte September 2010

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