21
April 2021
Mittwoch
19:00-20:00

Eintritt frei

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Schleifpunkt
erzählt für Bildschirm und Kopfhörer nach dem gleichnamigen Theaterstück von Maria Ursprung
LIVESTREAM Salon 3 | Die (Nicht-) Aufführungsgeschichte von «Schleifpunkt»

Zum Stück

Berlin, Graz, Aarau, St. Gallen, Zürich; an keinem der geplanten Orte konnte das Stück aufgeführt werden. Die (Nicht-) Aufführungsgeschichte von «Schleifpunkt»

Der dritte Teil, der kurz vor der Premiere und Lancierung unseres Streams stattfindet, öffnet nochmals den Blick auf das Stück «Schleifpunkt» und seine Rezeption. In Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Graz und Vertreter*innen der Autorentheatertage Berlin zeichnen wir den Weg nach, den das Stück seit seiner Entstehung im Dramenprozessor 2018/2019 genommen hat. Es wurde zur Uraufführung an den Autorentheatertagen in Berlin ausgewählt, erfuhr eine Inszenierung durch Marie Bues am Schauspielhaus Graz und wartet seit Monaten auf die Konfrontation mit der Öffentlichkeit, weil es wegen der aktuellen Bestimmungen weder in Berlin noch in Graz noch in der Schweiz aufgeführt werden konnte.
 

Die Kontrolle behalten oder abgeben? Die Tochter ziehen lassen, den Polizisten, der sich für sie interessiert, näher kennenlernen – und weiter Fahrlehrerin bleiben? Renate würde am liebsten einfach so weiterleben. Doch gerade sie, die ihren Schüler*innen Disziplin und Beherrschtheit vorlebt, wird aus ihrem Alltag gerissen, als sie – mit ihrer Tochter auf dem Beifahrersitz – eine Frau anfährt. Die beiden bringen die Bewusstlose zu sich nach Hause. Zwischen Renate und dem mysteriösen Unfallopfer entwickelt sich ein Psychokrimi, in den auch die Tochter und der Polizist hineingezogen werden. Die Unbekannte hat sich im Leben von Renate eingenistet.
Maria Ursprung untersucht das Unheimliche im Alltäglichen und bringt in Schleifpunkt eine akkurate kleinbürgerliche Ordnung ins Wanken. In einer lakonischen Kunstsprache, mit feinem, skurrilem Humor, ringen die Figuren um alte Gewissheiten, das soziale Miteinander und ihr Verhältnis zur großen Welt da draußen. Schleifpunkt entsteht als Koproduktion mit dem Theater Marie und der Bühne Aarau sowie dem Theater Winkelwiese in Zürich.
 
Zur Produktion
Aufgrund der zurzeit geltenden Beschränkungen im Kulturbereich wird das Stück nicht im klassischen Sinne inszeniert werden. Vielmehr wird die Geschichte mit vier Schauspieler*innen in einer digitalen Form und einer entsprechend adäquaten Umsetzung für den digitalen Raum produziert. Dabei wird die theatrale Herangehensweise mit technischem Zubehör in Verbindung gesetzt: Mikrofone und Kameras werden zu Mitspieler*innen im Theaterraum. Hörspielsequenzen lösen filmisch festgehaltene tableaux vivants ab und bringen die Geschichte im Kopf der Zuhörenden zum Leben. Das Publikum ist gebeten, einzeln mit Kopfhörern und Computer der Fahrlehrerin Renate und ihren Nächsten zu begegnen.
Geplant ist eine öffentliche Lancierung dieser Arbeit am 21. April 2021 im Theater Winkelwiese. Theater Marie präsentiert das entstandene Resultat in einer live Version und erläutert den erlebten Prozess.
 
Theater Marie
Schleifpunkt ist anlässlich des DRAMENPROZESSORS 2018/2019 entstanden. Theater Marie hat die Abschlusspräsentation eingerichtet und inszeniert nun die Schweizer Erstaufführung. Das Stück von Maria Ursprung wurde zu den Autorentheatertagen 2020 am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Theater Marie ist das Kompetenzzentrum für Theaterproduktion im Kanton Aargau und besteht aus einem zweiköpfigen Leitungsteam, drei Festangestellten und einem Pool freischaffender Theatermenschen. Das Tourneetheater arbeitet eng mit Gastspielhäusern der freien Szene zusammen. Die Inszenierung Zersplittert wurde 2017 zum Schweizer Theatertreffen nach Bellinzona eingeladen. Frau im Wald war zu Gast am biennal stattfindenden internationalen Theaterfestival DramaFestMX (2018) in Mexico City und am Heidelberger Stückemarkt (2019).

Unterstützungsprojekt des Deutschen Literaturfonds
Unter dem Leitwort «Neustart Kultur» hat der Deutsche Literaturfonds ein Unterstützungsprogramm für Bühnenschriftstellerinnen und Bühnenschriftsteller ins Leben gerufen. Mit der Initiative reagiert die Institution auf die prekäre, durch COVID19 verursachte Situation, in der sich Theater befinden. Der Ausfall von Produktionen oder die Besuchereinschränkungen führen zu einer viel geringeren Reichweite und Wahrnehmbarkeit der dramatischen Literatur. Das Programm des Deutschen Literaturfonds sieht vor, dass Theatertexte auf die theatereigenen Webseiten gestellt werden und somit einem breiteren Publikum zugänglich sind. Darüber hinaus richtet der Literaturfonds den ersten 100 Bewerberinnen und Bewerbern ein Honorar von je 1'000 EURO aus. Von der Zuwendung profitieren können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, deren Theaterstücke in den Spielzeiten 2019/2020 und 2020/2021 in deutscher Sprache zur Premiere kamen und kommen.

 

«Ich hätte Sie liegenlassen sollen.»

Besetzung

Zugabe

"Wir und die Theaterformen entwickeln uns laufend"
Dramaturg Patric Bachmann im Interview mit dem Theater Winkelwiese Zürich.

Was genau hat es mit der «Salon»-Reihe auf sich, was ist das? 
Seit einigen Jahren bieten wir in einer intimen Veranstaltungsreihe Interessierten und Austauschfreudigen Einblick in unsere Arbeitsweise während der Produktionsphase einer neuen Inszenierung. Nun verlagern wir unseren Salon in den digitalen Raum und kommen so direkt zu den Menschen nach Hause.

Im ersten Salon geben Maria Ursprung und Andreas Sauter Auskunft über ihre Arbeit. Wie habt ihr zueinandergefunden?  
Theater Marie und das Theater St.Gallen sind Partner von DRAMENPROZESSOR, der Plattform des zeitgenössischen Autor*innentheaters. Im Werkstattjahr haben wir mit Maria und Andreas wiederholt am Text von Schleifpunkt gearbeitet, z.B. bei der Abschlusspräsentation. Diese Zusammenarbeit konnten wir nun vertiefen.

Zoom bestimmt gerade den Alltag vieler Leute. Weshalb lohnt es sich, am 5. März um 20 Uhr einzuschalten?  
Nach einer kurzen Phase der Enttäuschung, dass Schleifpunkt nicht in einem Theaterraum auf ein Theaterpublikum treffen wird, haben wir uns lustvoll in eine neue Art der Arbeit gestürzt. Diese Freude werden wir beim Salon vermitteln.

Das Stück ist keine Eins-zu-eins-Umsetzung ins Digitale, was sprach dagegen?
Ich halte wenig von abgefilmtem Theater, das für ein physisch anwesendes Publikum inszeniert wurde. Wir haben uns deshalb gefragt, wo und wie wird unser Publikum Schleifpunkt geniessen können. Die neue Form ist für Kopfhörer und Bildschirm inszeniert.

Was bietet das neue digitale Format, was eine Bühnenproduktion nicht bieten kann?
 Diese Inszenierung versetzt die Geschichte direkt in die Köpfe unserer Zuschauer*innen. Das Unheimliche im Alltäglichen, das Maria Ursprung in Schleifpunkt thematisiert, befällt unser Publikum zuhause, genauso wie die Hauptfigur Renate.

Produziert ihr gerade das Theater der Zukunft? Wie wird dieses Projekt Theater Marie verändern, oder auch nicht? 
Wir eignen uns gerade neue Sicht- und Arbeitsweisen an; neue Möglichkeiten für die Spieler*innen mit einem Theatertext umzugehen. Diese werden wir von nun an bewusst einsetzen oder weglassen, je nach Projekt. Wir und die Theaterformen entwickeln uns laufend. Im letzten Jahr traten die digitalen Mittel und Möglichkeiten stark in den Vordergrund. Diese werden wir gezielt weiter nutzen.


 

Presse

Saiten

In der Lokremise wird gerade das Theater neu erfunden: Das Stück "Schleifpunkt" von Maria Ursprung um eine Fahrlehrerin im Krisenmodus wird als Online-Produktion, «erzählt für Bildschirm und Kopfhörer» inszeniert.[...] Schon früh habe das Team entschieden: Spielen geht nicht, im Februar und auch im März nicht, und verschieben oder streamen war keine Option, erklärt Dramaturg Patric Bachmann in einer Dreh- beziehungsweise Spielpause. So haben das Theater St.Gallen und das Aargauer freie Theater Marie als Koproduzenten aus dem Stück ein Hybrid-Format entwickelt: eine Mischung aus Theaterszenen, Filmdreh und Hörspielsequenzen. Einen «filmischen Essay» könnte man es vielleicht nennen, sagt Bachmann. Kein Spielfilm, aber auch kein abgefilmtes Theater. Eine Form, gesucht und gefunden, ein bisschen wie der «Schleifpunkt» im Auto, der dem Stück den Titel gibt.

Nachtkritik

Den Akteuren, vor allem Diana Dengler als Renate, gelingt es bewundernswert, den Weg vom Spiel auf der grossen Bühne zur Gesichtstotalen vor der Kamera zu gehen. Dengler nimmt man die Seelenqualen, denen sie ausgesetzt ist, voll ab, wenn sie steif vor Angst nervös die Finger knetet oder wütend dem Objektiv die Stirn bietet. Tabea Buser spricht Tochter Rieke faszinierend natürlich, als kämen ihr wirklich gerade die Worte in den Sinn. Judith Cuénod, als einzige Akteurin nicht Mitglied des St. Galler Ensembles, spielt die fremde "Sie" in einer Mischung aus luftiger, unfassbarer Materielosigkeit und sturer Daseinskraft. Matthias Albold gibt den Polizisten adäquat unspannend und beamtig. Als ihn Renate gedankenlos-brutal abserviert, offenbart sein Gesicht, wie tief verletzt er ist. In Momenten wie diesen zeigt das Film-Theater-Hörspiel, wie souverän es mit seinen Mitteln umgehen kann.

SRF 2 Kultur

... und feststelle, wie ungewohnt und gleichzeitig attraktiv die neuen Erzählweisen sein können, die das Theater coronabedingt entwickelt hat.

Das Kulturblog

Betont minimalistisch ist der Stil des 75minütigen Hybrids aus Theaterfilm und Hörspiel: als digitale szenische Lesung könnte man die „Schleifpunkt“-Co-Produktion der vier Schweizer Bühnen bezeichnen. Sie konzentriert sich ganz auf den Text von Maria Ursprung, ein klassisches psychologisches Kammerspiel über eine geheimnisvolle Frau, die nur Sie genannt wird (Judith Cuénod) und nach einem Unfall ins Leben der Fahrlehrerin Renate (Diana Dengler) und ihrer Tochter (Tabea Buser) tritt. Anders als die derzeit angesagten Textflächen erzählt „Schleifpunkt“ sehr klassisch im Stil von Hitchcock, wie die Figuren versuchen, sich mit Lügen hinters Licht zu führen und Bündnisse zu schliessen. Sie rätseln über ihre Motive und spielen sich in dem dialoglastigen Stück mit Halbwahrheiten gegeneinander aus.

Termine & Tickets

Lokremise

Im November 2008 haben die St.Gallerinnen und St.Galler einem Kulturzentrum in der Lokremise am Hauptbahnhof zugestimmt. Eröffnet wurde die neue Spielstätte des Theaters St.Gallen Mitte September 2010

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