29
November 2020
Sonntag
19:00-21:45
Giulio Cesare in Egitto
Oper von Georg Friedrich Händel

Zum Stück

Zwei der berühmtesten Persönlichkeiten der Antike stehen im Mittelpunkt dieser Geschichte um Macht, Liebe, Verrat, Rache und Mord: Caesar und Kleopatra. Im Herbst des Jahres 48 v. Chr. verfolgt C. Iulius Caesar seinen Gegenspieler Cn. Pompeius Magnus bis nach Ägypten. In Alexandria wird er in die Rivalität des Geschwister-Königspaares Ptolemaios XIII. und Kleopatra VII. verwickelt. Die junge Königin weiss ihre Reize einzusetzen, um die Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Georg Friedrich Händel schrieb zu diesem Stoff seine am aufwendigsten instrumentierte Oper. Die Uraufführung mit zwei berühmten Sopranistinnen und zwei gefeierten Kastraten (u. a. Senesino in der Titelpartie) wurde zu einem von Händels grössten Londoner Erfolgen. Wie alle seine Opern geriet sie bald in Vergessenheit, konnte sich aber seit ihrer Wiederentdeckung und ersten Aufführungen in den 1920er Jahren in Göttingen und Darmstadt zur beliebtesten Händel-Oper entwickeln. Die Neuinszenierung von Fabio Ceresa präsentiert den berühmten Stoff als exotische Fantasie, die die Legenden um Kleopatra und den Orient aufgreift und das Aufeinandertreffen von westlicher und östlicher Kultur bebildert.

Oper in drei Akten

St.Galler Erstaufführung

Uraufführung: 20. Februar 1724, King’s Theatre Haymarket London

Musik von Georg Friedrich Händel
Libretto von Nicola Francesco Haym nach Giacomo Francesco Bussani

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

«Caesar kam, sah und siegte.»

Besetzung

Partner

Zugabe

Händels beliebteste Oper - eine Video-Einführung von Dramaturg Marius Bolten


Veni, vidi, vici

„Ich kam, ich sah, ich siegte“ – mit diesen berühmten Worten kommentiert C. Iulius Caesar gleich zu Beginn von Georg Friedrich Händels Oper Julius Caesar in Ägypten seinen Sieg über seinen Gegenspieler Cn. Pompeius Magnus, den er bis nach Ägypten verfolgt. In Alexandria wird er in die Rivalität des Geschwister-Königspaares Ptolemaios XIII. und Kleopatra VII. verwickelt, was reichlich Gelegenheit für effektvolle Opernszenen gibt.

Nach der historischen Überlieferung soll Caesar seine alliterierende Siegesmeldung erst ein Jahr später, nach dem Sieg über Pharnakes II. von Pontos im Sommer 47 v. Chr., nach Rom geschrieben haben, aber um historische Exaktheit geht es in der Oper wie zumeist in der Kunst nicht. Ausserdem erschien der sogenannte Alexandrinische Krieg, Caesars ägyptische Expedition und Begegnung mit Kleopatra, dem letzten weiblichen Pharao, schon den römischen Zeitgenossen als exotisches Abenteuer. Obwohl oder weil der junge Ptomlemaios und seine Ratgeber Pompeius, Caesars Gegner im römischen Bürgerkrieg, haben töten lassen, stellt Caesar sich auf die Seite Kleopatras, der ihr Bruder die vom Vater verfügte Mitregentschaft verweigert. Hinzu kommt – oder mitursächlich dafür ist – Kleopatras erotische Faszination. Zahlenmässig weit unterlegen und in fremdem Land, besiegt Caesar schliesslich den jungen Pharao und seine Truppen. Er setzt Kleopatra als Alleinherrscherin ein. Der Beziehung der beiden entstammt der vermutlich einzige Sohn des römischen Alleinherrschers, Ptolemaios XV. Caesar oder Caesarion. Ägypten blieb als Klientelstaat bis zur Eroberung Alexandrias durch Octavianus und dem Selbstmord von Marcus Antonius und Kleopatra 30 v. Chr. nominell unabhängig.

Bereits die antiken, gut 100 Jahre später entstandenen Geschichtswerke schmücken diese historischen Ereignisse mit spektakulären Legenden aus: Plutarch berichtet vom Brand der weltbekannten Bibliothek von Alexandria als Folge des von Caesar im Hafen gelegten Feuers, was wenig wahrscheinlich ist, da die Bibliothek nicht am Hafen lag und auch später noch bestand. In der Naturgeschichte Plinius’ des Älteren steht folgende Anekdote über Kleopatra, die drei Jahre nach Caesars Tod spielt: Um den neureichen Plebejer Marcus Antonius zu beeindrucken, habe sie mit ihm gewettet, sie könne 10 Millionen für ein Abendessen ausgeben. Und indem sie eine ihrer kostbarsten Perlen in Essig auflöste und trank, habe sie die Wette gewonnen. In Asterix und Kleopatra ist aus dieser einmaligen Extravaganz das Lieblingsmahl der prunksüchtigen Königin geworden; in der Realität lösen sich Perlen in Essig nicht so leicht auf. Aber in der Kunst ist alles möglich.

Entsprechend den Konventionen der italienischen Barockoper fächert Nicola Francesco Hayms Libretto – eine Bearbeitung eines 50 Jahre älteren Librettos Giacomo Francesco Bussanis – das Geschehen als Abfolge mehr oder weniger stereotyper Affekte von Stolz über Wut und Trauer bis zu Koketterie und Liebe auf, die Händel zu einigen der schönsten Arien in seinem ganzen Œuvre inspirierte. Die Uraufführung 1724 in London wurde zu einem der grössten Erfolge des 1685 in Halle (Saale) geborenen Komponisten, der seit 1712 bis zu seinem Tod 1759 in London lebte. Giulio Cesare in Egitto geriet – wie alle Opern Händels – für fast 200 Jahre in Vergessenheit, wurde im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und ist heute ein fester Bestandteil des Opernrepertoires.

Der Mythos Kleopatra lebt fort, nicht zuletzt dank des Monumentalfilms Cleopatra von 1963 mit Elizabeth Taylor, dessen Aufwand und Prunk sich nahtlos in die Geschichte der schönen und selbstbewussten Königin einfügen. Für die szenische Umsetzung am Theater St.Gallen haben Regisseur Fabio Ceresa, Bühnenbildner Massimo Checchetto (Künstlerischer Leiter des Carnevale di Venezia 2020), Kostümbildner Giuseppe Palella und Choreograf Mattia Agatiello sich entschieden, das Spiel mit Klischees aufzugreifen und weiterzuspielen. Ceasar kommt als eine Art Indiana Jones oder Hiram Bingham in einen orientalischen Phantasie-Urwald. Die westliche Gesellschaft steigt im Old Cataract Hotel in Assuan ab; so wird die Welt Agatha Christies evoziert, und Caesar entkommt denn auch nur dank seiner Schwimmkünste einem Tod auf dem Nil (bzw. im Hafen von Alexandria). Ptolemaios residiert in einem maurischen Palast mit Serail; seine gebildete Schwester Kleopatra hat sich in die Bibliothek zurückgezogen. Dem entsprechen die abwechslungsreichen und farbigen Kostüme, auch wenn das Theater es nicht ganz mit den berühmten 65 Kostümwechseln von Elizabeth Taylor in der Titelrolle des Films aufnehmen kann.

Die musikalische Leitung dieser Neuproduktion hat der argentinische Dirigent Rubén Dubrovsky. Er dirigiert an verschiedenen europäischen Theatern vor allem italienisches Opernrepertoire von Monteverdi bis Rossini. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf den Werken Händels, so zuletzt Alcina in Hannover und Serse in Bonn. Gemeinsam mit dem Regisseur hat er die Spielfassung für St.Gallen entwickelt. Händels Partitur umfasst 44 durch zumeist kurze Rezitative verbundene Musiknummern, die meisten davon sogenannte Da-capo-Arien, d.h. Sologesangsnummern, bei denen der erste Teil nach einem kurzen zweiten Teil wiederholt und dabei mit virtuosen Verzierungen variiert wird. Dies entsprach der barocken Theaterpraxis, doch wurden damals während der Akte weder die Saaltüren verschlossen noch das Licht im Zuschauerraum gelöscht. Die für heutige Theatergewohnheiten ermüdende Abfolge langer Arien galt es behutsam und beherzt zu straffen und dabei die Charakteristika der Barockoper zu bewahren.

Seit der Uraufführung lebt eine Oper wie Giulio Cesare von den Sängerinnen und Sängern. Wir freuen uns, dass unser hauseigenes Solistenensemble durch renommierte Gäste ergänzt wird, darunter drei Countertenöre: Vasily Khoroshev als Nireno, Luigi Schifano, der 2018 als Luc Meynet in Matterhon in St.Gallen debütierte, als Tolomeo und Terry Wey in der Titelpartie. Terry Wey wurde in Bern geboren und in Wien ausgebildet. Er hat in den letzten Jahren insbesondere Händel-Partien an Häusern wie der Deutschen Oper am Rhein, dem Nationaltheater Mannheim, Badischen Staatstheater Karlsruhe und den drei Berliner Opernhäusern gesungen. Als Cleopatra kehrt Jeanine De Bique nach St.Gallen zurück. Die auf Trinidad geborene Sopranistin gab ihr St.Gallen-Debüt 2017 als Musetta in La bohème. Sie ist seitdem u.a. als Annio (La clemenza di Tito) an De Nationale Opera Amsterdam, in der Titelpartie von Händels Rodelinda an der Opéra de Lille und am Théâtre des Champs-Elysées Paris, als Donna Anna (Don Giovanni) an der Opéra National du Rhin, als Susanna (Le nozze di Figaro) an der San Francisco Opera und als Helena (A Midsummer Night’s Dream) an der Deutschen Oper Berlin aufgetreten. (mb)
 

Presse

Online Merker

Mit der Produktion von Händels «Giulio Cesare» ist dem Theater St.Gallen eine Lehrstunde in Sachen Barockoper gelungen. Ein Sinfonieorchester spielt Barock, ein grandioses Sängerensemble ist mit unbändiger Spielfreude am Werk und Bühne und Regie entführen den Zuschauer in phantastische Welten. Noch dazu hat die Produktion, die eigentlich im März hätte Premiere haben sollen, sowohl die Corona-Adaption wie auch den Umzug vom Theater am Stadtpark ins Provisorium UM!BAU bestens überstanden.

Journal21.ch

Die St. Galler Inszenierung holt die Oper ins Jetzt. Darum trägt Cleopatra eine Brille, wird mit Pistolen geschossen, mit Regenschirmen gefochten, fotografiert, telefoniert und Benzin aus Kanistern auf Kleider geschüttet, um sie als Erinnerung an die Vergangenheit zu verbrennen. Die Bühne hat ihre eigene Realität. Nein, eine verpönte und peinliche Modernisierung der Vorlage ist es nicht. Es handelt sich um elegante, witzige Drehungen mit der Botschaft, wie heutig, wie stark und lebendig Händels Oper ist. In der Tat. Eine grossartige Leistung.

Roccosound

Denn am Werk ist ein Ensemble, das die virtuosen riesigen Hürden dieser immer wieder akrobatischen Musik ansprechend bis hervorragend meistert, und das Sinfonieorchester St. Gallen ist energisch dicht präsent, nicht zuletzt Solo-Horn, -Violine und -Oboe konzertierend mit den Solisten. Unter der Leitung von Rubén Dubrovsky hat der Abend seine Farbigkeit und sein stimmiges Tempo, viel Drive im Allegro und Fluss auch in den besinnlichen Arien.

St.Galler Tagblatt

Am Samstagabend hatte mit Georg Friedrich Händels «Giulio Cesare in Egitto» die erste Oper im Provisorium des Theaters St. Gallen Premiere: Im Foyer blieb die Stimmung kühl und gedämpft, auf der Bühne überwiegen Witz und üppig bunte Kostüme. [...] Kurz zusammengefasst bekommt Caesar nach dem Sieg über seinen Widersacher Pompejus in Alexandria dessen Kopf überreicht. Es folgen tränenreiche Arien (besonders von Sonja Runje als trauernde Cornelia), Entsetzen, Rachepläne (bei Jennifer Panara haben sie viel vokalen Charme) und Intrigen, Liebe – und andere Leidenschaften. All diese Affekte kommen unter der Leitung von Rubén Dubrovsky differenziert aus dem Graben, in dem das Sinfonieorchester St. Gallen, schlank besetzt, auf Abstand sitzt. Bebildert sind die Arien und Szenen üppig; besonders zu Beginn wird es recht eng auf der etwas kleineren Bühne des Provisoriums. «Giulio Cesare» war ursprünglich im Grossen Haus geplant. Das kleinere Provisorium eignet sich akustisch gut für Barockmusik. Auch Laute und Theorbe gehen nicht unter, die Stimmen können sich locker entfalten.

Saiten

Das Hauptverdienst am Seh- und Hörvergnügen haben aber nicht diese Regieeinfälle, sondern Solisten und Orchester. Letzteres legt unter der souveränen Leitung von Rubèn Dubrovsky ein packendes und federndes Fundament. Die Tempi sind, von der forsch genommenen Ouvertüren-Fuge an, in den Zorn- und Wutarien rasant, und auch die Trauerpartien bleiben stets bewegt und innerlich bebend. Streicher, Holzbläser, die von Händel luxuriös eingesetzten Hörner und allen voran das Continuo mit Cembalo und Theorbe spielen historisch bestens informiert; das St.Galler Sinfonieorchester braucht den Vergleich mit Alte-Musik-Spezialisten nicht zu scheuen. Und der UM!BAU, das hölzerne Provisorium klingt bemerkenswert transparent.

Termine & Tickets

UM!BAU

Der UM!BAU ist für rund zwei Jahre die provisorische Theaterspielstätte des Theaters St. Gallen, dessen Stammhaus einer Totalsanierung unterzogen wird und dadurch nicht für den Theaterbetrieb zur Verfügung steht. Der UM!BAU befindet sich auf dem Unteren Brühl, in unmittelbarer Nähe zum Theater und zur Tonhalle.

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