1
Juli 2022
Freitag
20:30-23:10
Giovanna d'Arco
Oper von Giuseppe Verdi

Zum Stück

Inspiriert von Friedrich Schillers Drama erzählt Giuseppe Verdis 1845 uraufgeführte Oper Giovanna d’Arco eine ganz eigene Version der Legende von Frankreichs Nationalheldin Jeanne d’Arc – dem einfachen Bauernmädchen, das das französische Heer zum Sieg über die englischen Besatzer führte. Verdi und sein Librettist Temistocle Solera porträtieren Giovanna nicht als heldenhafte, jungfräuliche Kriegerin, die am Ende einen glorreichen Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen stirbt. Vielmehr steht in ihrer Interpretation eine tiefreligiöse, verletzliche junge Frau im Zentrum, die durch ihre Liebe zum französischen König Carlo in einen tiefen Gewissenskonflikt gestürzt wird. Am Ende entscheidet sich Giovanna gegen ihre Gefühle und für die göttliche Mission und fällt am Ende für ihr Vaterland auf dem Schlachtfeld.
Im Klosterhof wird Verdis Oper, in der Momente intensivster Intimität mit grossangelegten Massentableaus im Stile der französischen Grand opéra kontrastieren, in der Inszenierung von Regisseurin Barbora Horáková zu sehen sein, die 2017 mit einem Preis beim Ring Award in Graz und 2018 als Newcomer des Jahres bei den International Opera Awards ausgezeichnet wurde.

Oper in drei Akten
 
Zuletzt in St.Gallen: 2007/2008
Uraufführung: 15. Februar 1845, Teatro alla Scala, Mailand
 
Musik von Giuseppe Verdi
Libretto von Temistocle Solera
 
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Besetzung

Zugabe

Zum Making of der Festspieloper

Presse

St.Galler Tagblatt

Mit Giuseppe Verdis «Giovanna d’Arco» feiern die 17. St.Galler Festspiele einen Triumph: Regie und musikalische Gestaltung sind aus einem Guss. - Ein Hauch Verona umwebt den Klosterhof alljährlich, wenn dort unter freiem Himmel Oper gespielt wird. Dieses Jahr umso mehr, stolziert da doch ganz verona-like ein Schimmel auf die Bühne: Elegant wie eine Primaballerina, stolz wie ein Torero, brav wie Lamm. Und menschlich wie eine Opernheldin, liess das Pferd doch inmitten der Bühne einen riesigen Haufen liegen. Bezeichnend, bietet das Theater St. Gallen auf dem Klosterhof doch einmal mehr keine Opern-Wohlfühloase wie die Mamma aller Opern-Openairs, sondern zeigt, wie viel Aktualität und Grossartigkeit in Verdis 187 Jahre altem Meisterwerk «Giovanna d’Arco» steckt. Denn anders als bei den italienischen Bebilderungskünstlern ist in St.Gallen eine klare Handschrift der Regie zu sehen – vielleicht mehr denn je. Barbora Horáková Joly beschönigt in Verdis Kriegsoper nichts, zeichnet ein düsteres, pessimistisches Tableau und schlägt mehrmals den Bogen in die Gegenwart - ohne blaugelbe Fahnen zu zeigen. Diese Regie zeigt, wie nahe es von Giovannas unbändigem Willen zum Wahn ist, lehrt uns aber geradezu, an etwas Grosses zu glauben und demonstriert dann deutlich, dass blinder Idealismus tödlich ist. Horáková sind nicht nur unglaublich einprägsame Bilder gelungen, sondern sie zeichnet die Charaktere der drei Protagonisten klar heraus und erzählt die oft als undramatisch und unlogisch bezeichnete Geschichte klug und stringent. […] Geschwelgt werden darf dennoch, wird doch die hinreissende Musik Verdis von Modestas Pitrenas meisterhaft dirigiert, das Sinfonieorchester St.Gallen ist bestens vorbereitet. Die Brüche, die Verdi in diese Oper hineinkomponierte, werden nicht geglättet, die Lyrismen aber umso zärtlicher betont. Die Koordination mit den Sängern und den Chormassen - aus St.Gallen, Prag und Winterthur – klappt bestens.

Neue Zürcher Zeitung

Nach einer aufsehenerregenden Programmänderung, die manche als «Russland-Boykott» verstanden, zeigen die Festspiele Verdis «Giovanna d’Arco». Die packende Produktion vor der Kathedrale nimmt das menschliche Drama hinter dem Kriegsgeschehen in den Blick. […] Barbora Horáková will vielmehr zeigen, dass der Krieg keinerlei Sieger kennt, erst recht keine strahlenden Helden – geschweige denn Heldinnen. Jeanne d’Arc erscheint bei Horáková durch und durch doppelgesichtig, und Marigona Querkezi, die Sängerin der zweiten Aufführung am Samstagabend, singt und verkörpert dies eindrucksvoll: Einerseits ist Jeanne die charismatische Kämpferin, die den Franzosen furchtlos vorangeht im Kampf gegen die Engländer, beseelt von ihren religiösen Visionen und einer klaren christlichen Agenda. […] Der Abend, der von Modestas Pitrenas und dem Sinfonieorchester St. Gallen spannungsvoll zusammengehalten und mit einem Schuss Italianità befeuert wird, endet mit einem Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit. Das wirkt konsequent, aber etwas gewollt. Von Kriegspropaganda könnte die Aufführung dennoch kaum weiter entfernt sein.

Bellini News

Die Inszenierung von Barbora Horáková überzeugt - auch dank der diachronen Kostüme von Annemarie Bulla, die vom Mittelalter bis in unsere Zeit reichen - sowohl auf ästhetischer als auch auf konzeptioneller Ebene.

Saiten

Der Krieg gegen die Ukraine inszeniert mit auf dem St.Galler Klosterplatz: Verdis «Giovanna d’Arco» kommt in der Inszenierung von Barbora Horáková Joly an den St.Galler Festspielen als konsequente Anti-Kriegsoper daher. Das geht bemerkenswert gut auf. […] «Stop», sagt die St.Galler Inszenierung zu diesem politisch-religiös-familiären Zerstörungswerk. In Akt 1, nach dem Prolog, tritt eine Gruppe weissgekleideter Frauen auf, in der Hand einen Kanister mit der Aufschrift «Stop War», aus dem sie sich mit blutroter Farbe übergiessen. Zwischen ihnen die Männer, zerlumpte Uniform, schleppender Schritt, fahle Blicke: die Überreste der englischen Armee. Einer der Veteranen hält sich die Pistole an die Schläfe, einer wiegt ein Felltier im Arm, einer tanzt irrgeworden mit dem Transistorradio am Ohr, einer kann nicht aufhören, um sich zu schlagen. Die Figuren, obwohl am Rand des Geschehens, ziehen den Blick auf sich. Männer, traumatisiert, zerrüttet, Opfer eines Kriegs, den man ihnen aufgezwungen hat, Opfer dieses sinnlosen Hundertjährigen Machtkampfs zwischen Englands und Frankreichs Adel. Und besiegt von einer jungen Frau, die auf Seiten der Franzosen Schlacht um Schlacht gewinnt. Gegen die «furia» und ihre Dämonen sei man machtlos, klagt der Soldatenchor. Regisseurin Barbora Horáková Joly gelingen solche starken Bilder, die Symbolkraft haben über die Geschichte der Jeanne d’Arc hinaus. Statt anonymen Massenszenen sehen wir Individuen, das abstrakte Leid trägt ein persönliches Gesicht. So gleich im ersten Auftritt im Prolog: Frauen und Männer stossen und tragen Kinderwagen, Kindersitze, Tragetücher auf die Bühne. Die Wagen sind leer, die Kinder tot. Die zum Berg aufgeschichteten Kinderwagen bleiben den ganzen Abend da als stumme Klagewand. […] Ein starkes Solistentrio erlebte man in der Erstbesetzung. Der Giovanna, Jungfrau und Kriegerin, Heilige und angebliche «Frevlerin», Kämpferin und Zweiflerin, gibt Ania Jeruc eine sich in höchste Höhen aufschwingende Stimme und eine Statur zwischen Zerbrechlichkeit und Standfestigkeit. Ihre Pianissimi sind berückend, von den erschwerten Bedingungen des Openair-Musizierens ist nichts zu spüren. Mit mächtigem Bass und intensivem Spiel verkörpert Evez Abdulla ihren Gegenspieler-Vater Giacomo. Mikheil Sheshaberidze singt den zögerlichen Carlo mit Noblesse. In den Soldatenrollen Maxim Kuzmin-Karavaev und Christopher Sokolowski. In einem betörenden Duett findet der Vater im dritten Akt zurück zu seiner Tochter – psychologisch unglaubwürdig, ideologisch ein Graus, weil sich sein ganzes verblendetes Denken um die «Reinheit» der Jungfrau dreht. Aber musikalisch frappant – solche Kippmomente kann nur die romantische Oper. Die Regie spielt sie sorgsam aus und hält zugleich tapfer dagegen. Vom Chorgerüst warnt ein Riesentransparent: «Blinder Idealismus ist reaktionär, gefährlich, tödlich». Oper unter freiem Himmel braucht deutliche Mittel. In der diesjährigen Festspielproduktion nimmt man sie, obwohl manchmal etwas gar didaktisch, gern in Kauf. Weil die Inszenierung so konsequent wie paradox aus der Hauptfigur heraus entwickelt ist. Weil sie ganz im Sinn Schillers «den Weg zum Kopf durch das Herz» öffnet. Und weil der Krieg da ist, jetzt, aktuell, knapp zweitausend Kilometer vom Klosterplatz entfernt.

Roccosound

Sängerisch verlangt die Partie der Titelheldin enorm viel ab, doch die polnische Sopranistin Anja Jeruc führt das Besetzungsglück der Premiere mit Stretta-Feuer im Duettfinale des Prologs und im vierten Akt, dann vor allem auch mit der lyrischen Kraft und Schönheit inniger Phrasen an. [...] Der Blick in die Ukraine, der die Festspiele von Tschaikowsky Abstand nehmen liess, scheint auch für Verdis Risorgimento-Oper den Zugang nicht leicht gemacht zu haben. Die Aufführung handelt auch davon, und sie hat für diese Reflexion eine kraftvolle Bildsprache entwickelt. Das macht sie, mit allen dramaturgischen Reibungen, zu einem Opernereignis der Stunde.

Oper und Kultur

Als abschliessende Produktion des Mottos "Herstory" bietet Barbora Horàkové Joly, allen Hindernissen zum Trotz, eine Inszenierung, die direkt unter die Haut geht. [...] Die Handlung bewegt sich unter den zerbombten Tempelresten. Wobei Susanne Gschwenders Bühnenbild sich perfekt in die Kulisse des UNESCO Weltkulturerbes einpasst. Darin fügt sich auch die Kostümierung von Annemarie Bulla perfekt ein. Diese schlägt eine Brücke zwischen Altertum und Moderne, nimmt durch die Gestaltung der Engel sogar einen futuristischen Touch an. Allzu sehr mahnen die aktuellen Geschehnisse. Hat die Menschheit bis heute nicht gelernt, dass ein Krieg nur Verlierer hervorbringen kann. So berührt auch die Schlussszene, in der "echte" Frauen, die mit kleinen und grossen Heldentaten für Zusammenhalt und Frieden propagieren. Damit leiten sie den Fokus, von der illusionsträchtigen Vorführung für einen Moment weg, in die Realität des Geschehens.

stgallen24

Festspiele fulminant gestartet - Eine einfach schöne, gelungene Darbietung: tolle Stimmen, eingängige Musik (selbst wenn Verdis Frühwerk die ganz grosse, bekannte Arie fehlt) und engagierte Darsteller von jung bis alt, von Hauptrolle bis zum Statisten.

Brugs Klassiker

So entstand eine grossflächig breitgepinselte Inszenierung, die aktivistisch authentisch die Weltlage anklagt, aber den historischen Stoff nicht aus dem Deuterauge verliert. Die Kathedrale spielt nur mit, mal lila, mal weiss angestrahlt, in der Krönungsszene zu Reims und bei der Verklärung der hier – im Gegensatz zur Historie – wie bei Schiller in der Schlacht gefallenen Jeanne. Und Horáková Joly macht von Anfang an deutlich, um was es geht: um die Lehren für das Jetzt und heute. Das zeigen schon die Kinderbuggies, die der Chor auf die Szene fährt und aus denen anklagend blutigrote Strampelanzüge gezogen werden. Im Spiel der Mächtigen muss halt am Ende immer wieder das Volk bezahlen.

Termine & Tickets

Klosterhof

mehr erfahren