31
Oktober 2019
Donnerstag
19:30-22:30
Faust
Oper von Charles Gounod
Einführung um 19 Uhr

Zum Stück

‹Rien›. Nichts. Mit diesem einsilbigen Seufzer des Protagonisten beginnt Charles Gounods auf Goethes Faust I basierende Oper. Faust ist vom Leben enttäuscht, weil er ihm weder Erkenntnis noch Sinn abgewinnen kann. Der Nihilismus personifiziert sich in der Gestalt des dämonisch-zynischen Méphistophélès. Er verspricht Faust die Erfüllung eines Wunsches: noch einmal die unbesonnenen Leidenschaften und rauschhaften Freuden der Jugend zu erleben. Der Anblick Marguerites entflammt Fausts Gefühle, und Méphistophélès macht sich ans Werk.
Gounods Oper besticht durch effektvolle Chorszenen (Osterspaziergang, Auerbachs
Keller), virtuose Arien und leidenschaftliche Duette und Ensembles. Regisseur Ben Baur, der in St.Gallen bereits Il pirata inszeniert hat, interessieren besonders die einerseits kirchlichen und andererseits kriegerischen Hintergründe des Werks.

Uraufführung: 19. März 1859, Théâtre-Lyrique Paris

Oper in fünf Akten

Musik von Charles Gounod
Libretto von Jules Barbier und Michel Carré nach der Tragödie Faust I von Johann Wolfgang von Goethe
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

«Ich will Jugend!»

Besetzung

Partner

  • Müller-Lehmann-Fonds

Zugabe

Charles Gounod und der Faust-Mythos: Videoeinführung von Marius Bolten, Leitender Dramaturg und Referent Musiktheater und Tanz



Faust und Margarete
Zur Neuinszenierung von Charles Gounods Oper Faust
Der französische Komponist Charles Gounod machte aus Goethes Tragödie Faust eine der erfolgreichsten französischen Opern aller Zeiten. Das Musiktheaterensemble und internationale Gäste unter der musikalischen Leitung unseres Ersten ständigen Gastdirigenten Michael Balke proben für die Premiere am 26. Oktober, während in den Werkstätten Bühne und Kostüm entstehen. Der Faust-Stoff und Gounods Oper haben eine faszinierende Geschichte, die nicht erst mit Goethe beginnt und auch nicht mit der Uraufführung der Oper 1859 aufhört.
Johann Georg Faust war ein Wunderheiler und Alchemist, der vermutlich um 1541 in Staufen im Breisgau starb; schon bald nach seinem Tod wurde er zur Sagenfigur und literarischen Gestalt. Susanna Margaretha Brandt war eine Frankfurter Magd, die 1771 ihr uneheliches Kind aus Angst vor Schande tötete und 1772 als Kindsmörderin hingerichtet wurde. Der junge Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der den Strafprozess verfolgt hatte, verband die beiden Motive zu einem Sturm-und-Drang-Sozialdrama, dem später sogenannten Urfaust (1772–1775). Jahrzehntelang überarbeitete Goethe sein Drama und erweiterte es um zahlreiche metaphysische und mythologische Aspekte. Sein 1808 erschienener Faust I wurde Grundlage für zahlreiche Bearbeitungen und Vertonungen, darunter mehrere Opern.
Der französische Schriftsteller Michel Carré bearbeitete Goethes Tragödie zu einem Fantastischen Drama Faust et Marguerite, das 1850 im Pariser Théâtre du Gymnase-Dramatique uraufgeführt wurde. Er reduzierte das Drama auf die sogenannte Gretchentragödie, womit er Goethes Urfassung teilweise recht nahe kam. Wesentliche Zutat ist die Aufwertung Siebels zu einem Freund und Verehrer Marguerites. Der Komponist Charles Gounod hatte sich bereits seit den 1840er-Jahren mit Goethes Faust, den er in der Übersetzung Gérard de Nervals gelesen hatte, beschäftigt. Doch erst als der Librettist Jules Barbier ihm 1855 vorschlug, die Bearbeitung Carrés zur Grundlage für ein Drame lyrique zu machen, nahm das Projekt konkrete Gestalt an. 1856 konnte Léon Carvalho, der soeben die Leitung des Pariser Théâtre-Lyrique übernommen hatte, als Auftraggeber gewonnen werden. Da an seiner Bühne gesprochene Zwischentexte obligatorisch waren, wurde die Oper zunächst ohne Rezitative komponiert. Die 1858 während Gounods Sommeraufenthalt in der Schweiz fertiggestellte Partitur wurde – mit einigen Kürzungen – 1859 am Théâtre-Lyrique uraufgeführt.
1860 erfolgte in Strassburg die erste Aufführung mit den nachkomponierten Rezitativen an Stelle der gesprochenen Dialoge, und in dieser Form wurde die Oper bald auch höchst erfolgreich in Belgien, Deutschland, Österreich, Italien, England und den USA gespielt, und zwar zumeist in der jeweiligen Landessprache. Für den Sänger des Valentin der Londoner Erstaufführung komponierte Gounod 1864 das Gebet Even Bravest Heart (Avant de quitter) auf einen Originaltext des Verfassers der englischen Übersetzung der Oper. 1869 wurde Faust von der Pariser Opéra ins Repertoire genommen, für die Gounod die dort obligatorische Balletteinlage nachkomponierte. 1883 wurde die New Yorker Metropolitan Opera mit Faust eröffnet.
Faust wurde zu einer der erfolgreichsten und bekanntesten französischen Opern überhaupt; beispielsweise findet im Roman Das Phantom der Oper von Gaston Leroux eine Vorstellung dieser Oper statt. Dies ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der Faust-Mythos und Goethes Faust-Dramen gemeinhin als typisch deutsch gelten. So wurde Gounods Oper in Deutschland denn auch zunächst gelobt, weil man deutsche musikalische Traditionen in ihr erkannte, und später, als man mehr die pompöse und sentimentale französische Oper in dem Werk sah, mit Herablassung behandelt. International und zumal in Frankreich hatte man aber offensichtlich kein Problem, das Werk unabhängig von seinem nationalen Hintergrund zu goutieren. Besonders auffällig wird das bei dem nationalistischen Soldatenchor, den Gounod für sein Opernprojekt Iwan der Schreckliche komponiert hatte, aber auf Drängen der Theaterleitung in Faust einfügte: Von welcher «Mutter Vaterland» («mère patrie»), für die sie sterben wollen, singen die Soldaten eigentlich?
Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur und Kostümbildnerin Uta Meenen, die am Theater St.Gallen bereits Bellinis Il pirata atmosphärisch dicht in Szene gesetzt haben, nehmen das deutsch-französische Zwitterwesen dieser Oper zum Anlass, die Handlung irgendwo zwischen Deutschland und Frankreich zur Zeit des Ersten Weltkriegs zu verorten: Faust und Méphisto treffen hier auf eine dörfliche Welt mit klaren Werten, traditionellen Moralvorstellungen und einer naiven Vorfreude auf Kriegsruhm. Nicht nur für Marguerite wird diese heile Welt untergehen. (mb)
 

Presse

Roccosound

So schön in Szene gesetzt, so subtil und prächtig musiziert und gesungen, ist die grossartige "Faust"-Oper von Charles Gounod ein einziger Traum.

St.Galler Tagblatt

Des öfteren während der knapp dreistündigen, von Goethes Tragödie inspirierten Oper, melodienselig, lyrisch blühend und dramatisch dicht, wird die Regie die Partitur sanft gegen den Strich bürsten – manchmal auch etwas drastischer ironisch. [...] Tragend aber sind auch der Chor und insbesondere das ­Orchester, das Gounod mit viel Gespür für dramatische Effekte und Direktangriffe auf die Seele einsetzt – deren Hang zu Sentimentalität eingerechnet. Unter Michael Balkes Leitung gelingt das so geschmackvoll wie gekonnt: so fesselnd, als wisse man nicht von Anfang an, welchen Lauf die Tragödie nimmt.

Südostschweiz

Michael Balke, Ständiger Gastdirigent in St.Gallen, zeigte mit viel Herzblut und Können, dass er auch die Klangfarben des französischen Fachs virtuos aus dem Orchester zaubern kann. Eher rasch in den Tempi, aber nie verhetzt, oft delikat zart im Streicher-Sound klang sein Gounod, gleichzeitig formte er die Dramatik der Partitur mitreissend aus, ohne zu laut aus dem Graben zu klingen.

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Grosses Haus

Das Grosse Haus ist das Herzstück des Theaters St.Gallen. Über 400 Mal hebt sich jährlich der Vorhang in dem Bau von Claude Paillard im Museumsviertel, in dem 741 ZuschauerInnen Platz finden.

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