14
Januar 2021
Premiere
Donnerstag
20:00-22:00
Die Orestie
Tragödie frei nach Aischylos

Zum Stück

Am Beginn der europäischen Theatertradition steht mit der Orestie eine Trilogie, die von Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, Moral und Tradition handelt. Über allem schwebt der Fluch der Atriden, nach dem Blut mit Blut vergolten werden muss, Ehebruch, Mord und zahllose Grausamkeiten sich nahezu zwanghaft wiederholen und Versöhnung unmöglich scheint.
Nach dem Sieg über Troja kehrt Agamemnon heim zu seiner Frau Klytaimestra. Er hatte bei der Abreise nach Troja seine Tochter Iphigenie opfern müssen, weswegen seine Frau ihm zur erbitterten Feindin wurde. Sie sinnt von da an sehnsüchtig nach Vergeltung für dieses Opfer und stiftet ihren neuen Mann Aigisthos, den Cousin von Agamemnon, an, diesen im Bad zu ermorden. Nun nimmt ein erbitterter Rachefeldzug seinen Lauf: Orest und Elektra,
die weiteren gemeinsamen Kinder, wollen Genugtuung für den Mord am Vater, und Orest richtet die eigene Mutter. Dafür erhalten sie zwar vom Volk Zuspruch, aber auch erzürnte Gegenspielerinnen in Form der von Klytaimestra herbeigerufenen Rachegöttinnen Erinnyen. Gott Apollon rät zu einem Gerichtsverfahren in Athen, wo die Stadtgöttin Athene mit ihrer Entscheidung dem Instrument der Blutrache eine neue Form der Rechtsprechung entgegensetzt. Der Fluch der Atriden ist gebannt, der Kreislauf aus Mord und Rache durchbrochen.
Die Orestie wurde um 458 v. Chr. in Athen uraufgeführt und geriet zum gefeierten Stück über die Geburt der Demokratie. In der Fassung von Regisseur Martin Pfaff stehen die Frage nach der Änderbarkeit der Verhältnisse und die Rolle des Theaters bei dieser Änderung im Vordergrund.

Besetzung

Zugabe

Den Fluch besiegen

Ein Kindsopfer aus Staatsraison, die jahrelange Belagerung von Troja, Ehebruch, Blutrache und Elternmord, und das alles vor dem Hintergrund eines nicht zu tilgenden Fluchs – es sind harte Themen, die in der Orestie des Aischylos verhandelt werden. Doch bleibt es nicht bei diesen grausamen Taten. Die älteste Tragödien-Trilogie der europäischen Literatur endet nach all der Gewalt vielmehr versöhnlich. Und sie verweist mit der Überwindung der Blutrache und dem Ende eines Fluchs, der Generationen belastet hatte, in eine Gegenwart, deren Zersplitterung scheinbar nicht aufgehalten werden kann.
 
Uraufgeführt wurde Aischylos' Dichtung in Athen im Zuge der alljährlich stattfindenden Festspiele zu Ehren des Dionysos, des Gottes von Spiel, Tanz und Rausch, im Jahre 458 v. Chr. Mit seiner Tetralogie, einem Zyklus von vier Dramen, gewann der Abkömmling eines Adelsgeschlechts den ersten Preis. Das die Tetralogie abschliessende Satyrspiel Proteus, die Komödie nach den Tragödien, ist verschollen, wie auch der Grossteil seiner der Überlieferung nach über 70 Dramen – es sollen sogar 90 gewesen sein. Erhalten sind nur 7, Die Orestie ist unter ihnen die einzige Trilogie. Bereits zu Lebzeiten war Aischylos ein berühmter Dramatiker. Geboren ca. 525 v. Chr., gewann er 13 Mal mit seinen Dramen die Wettbewerbe und wurde wiederholt an Königshöfe eingeladen. Aischylos hatte selbst 490 v. Chr. an der Schlacht von Marathon gegen die Perser sowie an der Seeschlacht von Salamis teilgenommen, was er später in Die Perser literarisch verarbeitete. Neben den Kriegen erlebte er auch andere wichtige Ereignisse der athenischen Geschichte im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. hautnah mit: die demokratischen Reformen des Kleisthenes (510 v. Chr.) und die Reformen des Ephialtes (462 v. Chr.), die die Polis durch die Entmachtung des Adelsrats zu einer für ihre Zeit radikalen Demokratie machten. Er starb 456 v.Chr. auf Sizilien.
 
Normalerweise durften die für die Festspiele geschriebenen Tetralogien nur einmal aufgeführt werden, doch für Aischylos machte man eine Ausnahme, die seinen konnten auch in den folgenden Jahren gezeigt werden. So war er auch nach seinem Tod auf den Bühnen Athens präsent. Und nicht nur für seine zahlreichen Dramen wurde er bekannt: Aischylos soll die Dramatik entscheidend weiterentwickelt haben. Einige dramaturgische Innovationen wie etwa die Einführung eines zweiten Schauspielers wurden ihm zugewiesen, sodass nun Dialoge zwischen Figuren, nicht nur zwischen Schauspieler und 12-köpfigem Chor, möglich waren. Allerdings sind diese Veränderungen nicht mit letzter Gewissheit Aischylos′ Erfindungen gewesen, sondern ihrerseits vielleicht literarische Fantasien seiner Dramatiker-Kollegen.
 
Jede Tat fordert Rache
Die Geschichte von der zehnjährigen Belagerung und schlussendlichen Eroberung Trojas, die den Hintergrund der Orestie bildet, war dem zeitgenössischen Publikum bestens bekannt. Aischylos hat sich wie die anderen antiken Dramatiker häufig jener Mythen bedient, die vor allem mit den beiden grossen Epen Homers verbunden werden: der Ilias und der Odyssee. In ihnen werden die Schicksale der Menschen mit denen der griechischen Götter verbunden, ja, die Götter greifen – nicht selten aus sehr menschlichen Motiven – in das Leben der Menschen ein. Frevelhafte Taten haben Flüche für die Nachkommen zur Folge, denen niemand entkommen kann. Schuld häuft sich auf Schuld, Sühne wird schier unmöglich. Der Fluch wirkt. Oder, wie es der Chor in der Orestie formuliert: «Alte Hybris zeugt junge Hybris.» Zur Erinnerung: Der Krieg ist ausgebrochen, nachdem der trojanische Prinz Paris die schöne Helena, die schönste Frau der Welt und Ehefrau des Spartaner-Königs Menelaos, nach Troja entführt hat. Eine eigene, komödiantische Version dieser Geschichte erzählt übrigens Jacques Offenbach in Die schöne Helena, der Operette, die im Dezember 2019 bei uns Premiere feierte. Gemeinsam mit seinem Bruder Menelaos und einer Heerschar griechischer Krieger macht sich der mykenische Herrscher Agamemnon auf den Rachefeldzug zu der Stadt in Kleinasien, auf die andere Seite der Ägäis. Doch seine Flotte kommt nicht voran, die Göttin Artemis verlangt von ihm, seine Tochter Iphigenie zu opfern. Agamemnon will Iphigenie auch wirklich für besseren Wind opfern, im letzten Moment wird sie von Artemis gerettet und nach Tauris am Schwarzen Meer entführt. Agamemnon kann fahren. Zehn lange Jahre wird die Belagerung dauern, unzählige Heldentaten und brutale Tode später hat der listige Odysseus die rettende Idee: Die Belagerer gaukeln den Trojanern den Abzug vor und lassen ein angebliches Opfer für die Göttin Athene vor ihren Toren zurück – das trojanische Pferd. In seinem Bauch sind Krieger versteckt, die die siegestrunkenen Trojaner schliesslich überrumpeln werden. Agamemnon kann als strahlender Sieger nach Mykene zurückkehren, begleitet von der Seherin Kassandra.
 
Machtspiele
Doch in seiner Heimat hat mittlerweile seine Frau Klytaimestra die Macht übernommen und Aigisth, sein Cousin, ist ihr Liebhaber. Und hier setzt die Handlung der ersten Tragödie, Agamemnon, ein: Nach der Heimkehr ermorden Klytaimestra und ihr Liebhaber den Krieger mit einem Beil in der Badewanne, Kassandra gleich im Anschluss. Klytaimestra nennt als Motiv die angebliche Opferung ihrer Tochter und bekennt sich laut zu der monströsen Tat. Der Fluch der Atriden, der über der Familie von Agamemnon und Menelaos schon seit der ersten Freveltat ihres Grossvaters Tantalos liegt, setzt sich fort. Tantalos hatte angeblich den Göttern Nektar und Ambrosia gestohlen und war dafür mit ewigen Qualen bestraft worden. Sein Sohn Atreus, Vater der beiden Heerführer, hatte die Söhne seines Bruders Thyestes geschlachtet und ihm als Mahlzeit vorgesetzt. Nun fällt Agamemnon dem Fluch zum Opfer. Seine Kinder werden ihn rächen. Im zweiten Teil, Die Weihgussträgerinnen, kommt Orest an den Hof seines toten Vaters. Er gibt sich seiner Schwester Elektra zu erkennen, täuscht die eigene Mutter und ermordet Klytaimestra und Aigisth. Zuerst voller Genugtuung, überkommen ihn bald Schuldgefühle. Er sieht die Erinyen, Rachegöttinnen, die ihn zur Rechenschaft ziehen wollen: «Aus ihren Augen triefen sie grauenhaftes Blut». Voller Panik flieht er.
 
Im dritten Teil, Die Wohlmeinenden, schildert Aischylos schliesslich Orests Flucht in den Tempel des Apollo in Delphi. Apollon befiehlt ihm, sich unter dem Schutz des Hermes nach Athen zu begeben, um dort sein Urteil zu empfangen und eventuell Erlösung zu finden. Die Erinyen aber verfolgen Orest bis nach Athen, wo es zum Showdown kommt. Wird Orest die gerechte Strafe für seinen Mord erhalten – oder kann der Atriden-Fluch doch gebrochen, die ewige Abfolge von Tat und Rache beendet werden? Die Göttin Pallas Athene setzt als Rettung vor den Erinyen ein neues Gericht, den Areopag, ein, weil sie sich selbst nicht imstande sieht zu einer Entscheidung. Die elf Richter werfen ihre Steine in die dafür vorgesehene Urne. Athene ist es schliesslich, die als letzte ihre Stimme abgibt und so für ein Unentschieden sorgt. Damit wird Orest freigesprochen. Die unversöhnlichen Erinyen werden quasi gezähmt und nach Attika gesandt, um dort zu Eumeniden zu werden, den titelgebenden «Wohlmeinenden». So ist der Fluch gebrochen und zugleich eine demokratische Institution ins Leben gerufen worden. Zwar ist Orest des Mordes schuldig, doch die höhere Idee vom notwendigen Ende der Gewalt übertrifft diese Schuld. Die Staatsraison hat gesiegt, es beginnt eine neue Ära der Polis.
 
Wie wollen wir leben?
Martin Pfaff inszeniert diesen Stoff vor dem Hintergrund der Erosion der Werte. Wie kann ein zivilisiertes Zusammenleben aussehen? Und wie kann heute, wo der common sense vollständig infrage steht, das Theater darauf reagieren? Ja, was kann Theater überhaupt ausrichten? Es scheint fast, als hätte der mythische Sisyphos, der zur Strafe immer wieder einen Stein einen Berg hinaufrollen muss, nur damit er umgehend wieder herunterrollt, den Stein auf der Brust liegen. Zeit, ihm diesen Stein abzunehmen. Auch nach Corona.
 
Armin Breidenbach, Terzett April 2020

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Wie wollen wir leben?
 
Wie wollen wir leben? Diese Frage hat sich während der Monate des Frühjahrs-Lockdowns als eine der Fragen für die Zeit «danach» herauskristallisiert. Nun sind wir mitten in der zweiten Welle der Pandemie – und die Frage nach dem, was wirklich von Wert ist, stellt sich weiterhin, wenn nicht verschärft. Ist es die Demokratie selbst, die weltweit unter Beschuss steht? In der Orestie des Aischylos, der ältesten erhaltenen Tragödientrilogie, wird am Ende mit dem Prinzip der Blutrache gebrochen. An ihre Stelle tritt die Versöhnung, die Zukunft soll zivilisierter werden. Eine Auseinandersetzung mit dem antiken Klassiker ist darum immer eine Auseinandersetzung mit dem politischen Gehalt von Theater.
 
In der Orestie wird jeder Mord gerächt, Mord folgt auf Mord. Seinen Anfang nimmt diese Abfolge lange, bevor die Handlung überhaupt einsetzt. Das Schicksal der Familie des Agamemnon nämlich ist geprägt von frevelhaften Gräueltaten seiner Vorfahren: Bereits Stammvater Tantalos und dessen Sohn Pelops hatten schwere Schuld auf sich geladen, die immer neue Schuld hervorbringen sollte. Der Fluch der Tantaliden liegt fortan über allen Nachkommen.
 
Das erste Stück der Trilogie, Agamemnon, beginnt mit dem Ende des Trojanischen Kriegs. Heerführer Agamemnon kehrt nach zehn Jahren heim nach Mykene. Um überhaupt nach Troja fahren und die seinem Bruder geraubte Helena zurückholen zu können, hatte er die eigene Tochter Iphigenie der Göttin Artemis opfern müssen. Seine Ehefrau Klytaimestra hat ihn während seiner Abwesenheit mit Aigisth betrogen und ermordet den Heimkehrer aus Rache für ihre Tochter im Bad. Im zweiten Teil, Die Totenspende, sind Agamemnons und Klytaimestras Kinder Orest und Elektra die Protagonisten. Orest kehrt aus der Fremde zurück, wird von Elektra erkannt und rächt seinen Vater, indem er Aigisth und seine Mutter ermordet. Geplagt von den Rachegeistern, den Erinnyen, flieht Orest nach Delphi zum Tempel Apolls, wo der dritte Teil, Die Eumeniden (Die Wohlmeinenden), seinen Ausgang nimmt. In Athen kommt es später zum Prozess gegen den Muttermörder. Den Vorsitz des Geschworenengerichts hat Athene selbst, die schliesslich mit ihrer Stimme die Entscheidung zugunsten Orests fällt. Der ewige Kreislauf der Rache ist durchbrochen.
 
Was hat uns diese Geschichte rund um Rache und Versöhnung also zu sagen heute, wo der demokratische Konsens zu bröckeln beginnt und die Idee von Versöhnung vielleicht ein hehres Ziel ist, aber leider unrealistisch? Martin Pfaff untersucht Aischylos’ Text unter diesen Vorgaben. Nicht mehr, wie für die ursprünglich im April geplante Premiere, im Grossen Haus, sondern im intimeren Rahmen der Lokremise.
 
Armin Breidenbach, UM!SCHAU Dezember 2020

 

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