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Mai 2021
Donnerstag
20:00-21:30
Die Orestie (revisited)
Tragödie von Aischylos in einer Fassung von Martin Pfaff

Zum Stück

Am Beginn der europäischen Theatertradition steht mit der Orestie eine Trilogie, die von Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, Moral und Tradition handelt. Über allem schwebt der Fluch der Atriden, nach dem Blut mit Blut vergolten werden muss, Ehebruch, Mord und zahllose Grausamkeiten sich nahezu zwanghaft wiederholen und Versöhnung unmöglich scheint.
Nach dem Sieg über Troja kehrt Agamemnon heim zu seiner Frau Klytaimestra. Er hatte bei der Abreise nach Troja seine Tochter Iphigenie opfern müssen, weswegen seine Frau ihm zur erbitterten Feindin wurde. Sie sinnt von da an sehnsüchtig nach Vergeltung für dieses Opfer und stiftet ihren neuen Mann Aigisthos, den Cousin von Agamemnon, an, diesen im Bad zu ermorden. Nun nimmt ein erbitterter Rachefeldzug seinen Lauf: Orest und Elektra,
die weiteren gemeinsamen Kinder, wollen Genugtuung für den Mord am Vater, und Orest richtet die eigene Mutter. Dafür erhalten sie zwar vom Volk Zuspruch, aber auch erzürnte Gegenspielerinnen in Form der von Klytaimestra herbeigerufenen Rachegöttinnen Erinnyen. Gott Apollon rät zu einem Gerichtsverfahren in Athen, wo die Stadtgöttin Athene mit ihrer Entscheidung dem Instrument der Blutrache eine neue Form der Rechtsprechung entgegensetzt. Der Fluch der Atriden ist gebannt, der Kreislauf aus Mord und Rache durchbrochen.
Die Orestie wurde um 458 v. Chr. in Athen uraufgeführt und geriet zum gefeierten Stück über die Geburt der Demokratie. In der Fassung von Regisseur Martin Pfaff stehen die Frage nach der Änderbarkeit der Verhältnisse und die Rolle des Theaters bei dieser Änderung im Vordergrund.

Besetzung

Zugabe

Videoblog
Teaser 1 - Marcus Schäfer als Bote
Teaser 2 - Oliver Losehand und die Zeit
Teaser 3 - Matthias Albold und wie er die achtstündige, werktreue Inszenierung gespielt hätte...
Teaser 4 - Anja Tobler geht noch einmal zurück auf Anfang

Den Fluch besiegen

Ein Kindsopfer aus Staatsraison, die jahrelange Belagerung von Troja, Ehebruch, Blutrache und Elternmord, und das alles vor dem Hintergrund eines nicht zu tilgenden Fluchs – es sind harte Themen, die in der Orestie des Aischylos verhandelt werden. Doch bleibt es nicht bei diesen grausamen Taten. Die älteste Tragödien-Trilogie der europäischen Literatur endet nach all der Gewalt vielmehr versöhnlich. Und sie verweist mit der Überwindung der Blutrache und dem Ende eines Fluchs, der Generationen belastet hatte, in eine Gegenwart, deren Zersplitterung scheinbar nicht aufgehalten werden kann.
 
Uraufgeführt wurde Aischylos' Dichtung in Athen im Zuge der alljährlich stattfindenden Festspiele zu Ehren des Dionysos, des Gottes von Spiel, Tanz und Rausch, im Jahre 458 v. Chr. Mit seiner Tetralogie, einem Zyklus von vier Dramen, gewann der Abkömmling eines Adelsgeschlechts den ersten Preis. Das die Tetralogie abschliessende Satyrspiel Proteus, die Komödie nach den Tragödien, ist verschollen, wie auch der Grossteil seiner der Überlieferung nach über 70 Dramen – es sollen sogar 90 gewesen sein. Erhalten sind nur 7, Die Orestie ist unter ihnen die einzige Trilogie. Bereits zu Lebzeiten war Aischylos ein berühmter Dramatiker. Geboren ca. 525 v. Chr., gewann er 13 Mal mit seinen Dramen die Wettbewerbe und wurde wiederholt an Königshöfe eingeladen. Aischylos hatte selbst 490 v. Chr. an der Schlacht von Marathon gegen die Perser sowie an der Seeschlacht von Salamis teilgenommen, was er später in Die Perser literarisch verarbeitete. Neben den Kriegen erlebte er auch andere wichtige Ereignisse der athenischen Geschichte im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. hautnah mit: die demokratischen Reformen des Kleisthenes (510 v. Chr.) und die Reformen des Ephialtes (462 v. Chr.), die die Polis durch die Entmachtung des Adelsrats zu einer für ihre Zeit radikalen Demokratie machten. Er starb 456 v.Chr. auf Sizilien.
 
Normalerweise durften die für die Festspiele geschriebenen Tetralogien nur einmal aufgeführt werden, doch für Aischylos machte man eine Ausnahme, die seinen konnten auch in den folgenden Jahren gezeigt werden. So war er auch nach seinem Tod auf den Bühnen Athens präsent. Und nicht nur für seine zahlreichen Dramen wurde er bekannt: Aischylos soll die Dramatik entscheidend weiterentwickelt haben. Einige dramaturgische Innovationen wie etwa die Einführung eines zweiten Schauspielers wurden ihm zugewiesen, sodass nun Dialoge zwischen Figuren, nicht nur zwischen Schauspieler und 12-köpfigem Chor, möglich waren. Allerdings sind diese Veränderungen nicht mit letzter Gewissheit Aischylos′ Erfindungen gewesen, sondern ihrerseits vielleicht literarische Fantasien seiner Dramatiker-Kollegen.
 
Jede Tat fordert Rache
Die Geschichte von der zehnjährigen Belagerung und schlussendlichen Eroberung Trojas, die den Hintergrund der Orestie bildet, war dem zeitgenössischen Publikum bestens bekannt. Aischylos hat sich wie die anderen antiken Dramatiker häufig jener Mythen bedient, die vor allem mit den beiden grossen Epen Homers verbunden werden: der Ilias und der Odyssee. In ihnen werden die Schicksale der Menschen mit denen der griechischen Götter verbunden, ja, die Götter greifen – nicht selten aus sehr menschlichen Motiven – in das Leben der Menschen ein. Frevelhafte Taten haben Flüche für die Nachkommen zur Folge, denen niemand entkommen kann. Schuld häuft sich auf Schuld, Sühne wird schier unmöglich. Der Fluch wirkt. Oder, wie es der Chor in der Orestie formuliert: «Alte Hybris zeugt junge Hybris.» Zur Erinnerung: Der Krieg ist ausgebrochen, nachdem der trojanische Prinz Paris die schöne Helena, die schönste Frau der Welt und Ehefrau des Spartaner-Königs Menelaos, nach Troja entführt hat. Eine eigene, komödiantische Version dieser Geschichte erzählt übrigens Jacques Offenbach in Die schöne Helena, der Operette, die im Dezember 2019 bei uns Premiere feierte. Gemeinsam mit seinem Bruder Menelaos und einer Heerschar griechischer Krieger macht sich der mykenische Herrscher Agamemnon auf den Rachefeldzug zu der Stadt in Kleinasien, auf die andere Seite der Ägäis. Doch seine Flotte kommt nicht voran, die Göttin Artemis verlangt von ihm, seine Tochter Iphigenie zu opfern. Agamemnon will Iphigenie auch wirklich für besseren Wind opfern, im letzten Moment wird sie von Artemis gerettet und nach Tauris am Schwarzen Meer entführt. Agamemnon kann fahren. Zehn lange Jahre wird die Belagerung dauern, unzählige Heldentaten und brutale Tode später hat der listige Odysseus die rettende Idee: Die Belagerer gaukeln den Trojanern den Abzug vor und lassen ein angebliches Opfer für die Göttin Athene vor ihren Toren zurück – das trojanische Pferd. In seinem Bauch sind Krieger versteckt, die die siegestrunkenen Trojaner schliesslich überrumpeln werden. Agamemnon kann als strahlender Sieger nach Mykene zurückkehren, begleitet von der Seherin Kassandra.
 
Machtspiele
Doch in seiner Heimat hat mittlerweile seine Frau Klytaimestra die Macht übernommen und Aigisth, sein Cousin, ist ihr Liebhaber. Und hier setzt die Handlung der ersten Tragödie, Agamemnon, ein: Nach der Heimkehr ermorden Klytaimestra und ihr Liebhaber den Krieger mit einem Beil in der Badewanne, Kassandra gleich im Anschluss. Klytaimestra nennt als Motiv die angebliche Opferung ihrer Tochter und bekennt sich laut zu der monströsen Tat. Der Fluch der Atriden, der über der Familie von Agamemnon und Menelaos schon seit der ersten Freveltat ihres Grossvaters Tantalos liegt, setzt sich fort. Tantalos hatte angeblich den Göttern Nektar und Ambrosia gestohlen und war dafür mit ewigen Qualen bestraft worden. Sein Sohn Atreus, Vater der beiden Heerführer, hatte die Söhne seines Bruders Thyestes geschlachtet und ihm als Mahlzeit vorgesetzt. Nun fällt Agamemnon dem Fluch zum Opfer. Seine Kinder werden ihn rächen. Im zweiten Teil, Die Weihgussträgerinnen, kommt Orest an den Hof seines toten Vaters. Er gibt sich seiner Schwester Elektra zu erkennen, täuscht die eigene Mutter und ermordet Klytaimestra und Aigisth. Zuerst voller Genugtuung, überkommen ihn bald Schuldgefühle. Er sieht die Erinyen, Rachegöttinnen, die ihn zur Rechenschaft ziehen wollen: «Aus ihren Augen triefen sie grauenhaftes Blut». Voller Panik flieht er.
 
Im dritten Teil, Die Wohlmeinenden, schildert Aischylos schliesslich Orests Flucht in den Tempel des Apollo in Delphi. Apollon befiehlt ihm, sich unter dem Schutz des Hermes nach Athen zu begeben, um dort sein Urteil zu empfangen und eventuell Erlösung zu finden. Die Erinyen aber verfolgen Orest bis nach Athen, wo es zum Showdown kommt. Wird Orest die gerechte Strafe für seinen Mord erhalten – oder kann der Atriden-Fluch doch gebrochen, die ewige Abfolge von Tat und Rache beendet werden? Die Göttin Pallas Athene setzt als Rettung vor den Erinyen ein neues Gericht, den Areopag, ein, weil sie sich selbst nicht imstande sieht zu einer Entscheidung. Die elf Richter werfen ihre Steine in die dafür vorgesehene Urne. Athene ist es schliesslich, die als letzte ihre Stimme abgibt und so für ein Unentschieden sorgt. Damit wird Orest freigesprochen. Die unversöhnlichen Erinyen werden quasi gezähmt und nach Attika gesandt, um dort zu Eumeniden zu werden, den titelgebenden «Wohlmeinenden». So ist der Fluch gebrochen und zugleich eine demokratische Institution ins Leben gerufen worden. Zwar ist Orest des Mordes schuldig, doch die höhere Idee vom notwendigen Ende der Gewalt übertrifft diese Schuld. Die Staatsraison hat gesiegt, es beginnt eine neue Ära der Polis.
 
Wie wollen wir leben?
Martin Pfaff inszeniert diesen Stoff vor dem Hintergrund der Erosion der Werte. Wie kann ein zivilisiertes Zusammenleben aussehen? Und wie kann heute, wo der common sense vollständig infrage steht, das Theater darauf reagieren? Ja, was kann Theater überhaupt ausrichten? Es scheint fast, als hätte der mythische Sisyphos, der zur Strafe immer wieder einen Stein einen Berg hinaufrollen muss, nur damit er umgehend wieder herunterrollt, den Stein auf der Brust liegen. Zeit, ihm diesen Stein abzunehmen. Auch nach Corona.
 
Armin Breidenbach, Terzett April 2020

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Wie wollen wir leben?
 
Wie wollen wir leben? Diese Frage hat sich während der Monate des Frühjahrs-Lockdowns als eine der Fragen für die Zeit «danach» herauskristallisiert. Nun sind wir mitten in der zweiten Welle der Pandemie – und die Frage nach dem, was wirklich von Wert ist, stellt sich weiterhin, wenn nicht verschärft. Ist es die Demokratie selbst, die weltweit unter Beschuss steht? In der Orestie des Aischylos, der ältesten erhaltenen Tragödientrilogie, wird am Ende mit dem Prinzip der Blutrache gebrochen. An ihre Stelle tritt die Versöhnung, die Zukunft soll zivilisierter werden. Eine Auseinandersetzung mit dem antiken Klassiker ist darum immer eine Auseinandersetzung mit dem politischen Gehalt von Theater.
 
In der Orestie wird jeder Mord gerächt, Mord folgt auf Mord. Seinen Anfang nimmt diese Abfolge lange, bevor die Handlung überhaupt einsetzt. Das Schicksal der Familie des Agamemnon nämlich ist geprägt von frevelhaften Gräueltaten seiner Vorfahren: Bereits Stammvater Tantalos und dessen Sohn Pelops hatten schwere Schuld auf sich geladen, die immer neue Schuld hervorbringen sollte. Der Fluch der Tantaliden liegt fortan über allen Nachkommen.
 
Das erste Stück der Trilogie, Agamemnon, beginnt mit dem Ende des Trojanischen Kriegs. Heerführer Agamemnon kehrt nach zehn Jahren heim nach Mykene. Um überhaupt nach Troja fahren und die seinem Bruder geraubte Helena zurückholen zu können, hatte er die eigene Tochter Iphigenie der Göttin Artemis opfern müssen. Seine Ehefrau Klytaimestra hat ihn während seiner Abwesenheit mit Aigisth betrogen und ermordet den Heimkehrer aus Rache für ihre Tochter im Bad. Im zweiten Teil, Die Totenspende, sind Agamemnons und Klytaimestras Kinder Orest und Elektra die Protagonisten. Orest kehrt aus der Fremde zurück, wird von Elektra erkannt und rächt seinen Vater, indem er Aigisth und seine Mutter ermordet. Geplagt von den Rachegeistern, den Erinnyen, flieht Orest nach Delphi zum Tempel Apolls, wo der dritte Teil, Die Eumeniden (Die Wohlmeinenden), seinen Ausgang nimmt. In Athen kommt es später zum Prozess gegen den Muttermörder. Den Vorsitz des Geschworenengerichts hat Athene selbst, die schliesslich mit ihrer Stimme die Entscheidung zugunsten Orests fällt. Der ewige Kreislauf der Rache ist durchbrochen.
 
Was hat uns diese Geschichte rund um Rache und Versöhnung also zu sagen heute, wo der demokratische Konsens zu bröckeln beginnt und die Idee von Versöhnung vielleicht ein hehres Ziel ist, aber leider unrealistisch? Martin Pfaff untersucht Aischylos’ Text unter diesen Vorgaben. Nicht mehr, wie für die ursprünglich im April geplante Premiere, im Grossen Haus, sondern im intimeren Rahmen der Lokremise.
 
Armin Breidenbach, UM!SCHAU Dezember 2020

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«Oh, Greul… Weh!» - «Das machen wir gleich nochmal»
 
Chorisches Sprechen muss immer intensiver geprobt werden, und die Spielerinnen und Spieler müssen noch genauer aufeinander hören als sonst. Wie wird das für die moderne Inszenierung der antiken Orestie? Ein Bericht von einer Sprechchorprobe in der Regie von Martin Pfaff.
 
Ein Vormittag im Dezember 2020 in der Lokremise: Die sieben Spielerinnen und Spieler des Ensembles von Die Orestie proben mit Regisseur Martin Pfaff eine der zahlreichen Chorszenen. Und es ist in dieser modernen Fassung wie im antiken Drama immer ein Wechsel zwischen monologischen und chorisch gesprochenen Passagen. Heute geht es immer wieder hin und her zwischen Diana Dengler und den übrigen Ensemblemitgliedern. Diana Dengler führt das Wort, der Chor reagiert auf sie. Die Chormitglieder sprechen dabei zwar chorisch, doch spielen sie ihre je eigene Haltung. Denn dieser Chor ist zwar ein Chor, seine Mitglieder sind aber nicht uniform. Im Gegenteil, der Chorkörper besteht aus ganz unterschiedlichen Schauspieler-Körpern in ganz unterschiedlichen Kostümen. Ausserdem, das fällt beim genauen Hinschauen auf, führen alle Mikrobewegungen aus, die unmerklich scheinen, doch ihre Figuren schärfen.
 
Schon bei den ersten Durchgängen ist deutlich zu bemerken, wie exakt die Chorpassagen geprobt werden müssen, um immer zusammen zu sein. Bei allen Beteiligten herrscht höchste Konzentration. Sind bei Proben sonst auch immer alle wach und auf Sendung, so ist hier noch einmal deutlicher zu sehen, wie ausserordentlich fokussiert alle sind. Martin Pfaff beharrt auf Kleinigkeiten, immer wieder lässt er kurze Passagen wiederholen, verbessert die Sprechhaltung, gibt noch ein assoziatives Bild dazu, um seine Idee der Tonfärbung zu verdeutlichen. Sobald eine Kleinigkeit geändert wird, werden die Stifte gezückt – schliesslich will jede Nuance notiert sein, um für das nächste Mal perfekt vorbereitet zu sein. Und nicht zuletzt wollen die Vorstellungen, die nach dem Lockdown gespielt werden, gut vorbereitet sein. Also heisst es «üben, üben, üben» – und eben notieren, um es dann wiederholen zu können.
 
Für Regisseur Martin Pfaff ist der Chor «im Grunde meine Hauptperson». In seinem Aktionismus – in der St. Galler Version jedenfalls – findet er ihn «oft sehr rührend und komisch in seiner Panik und Hilflosigkeit». Jetzt aber ist keine Panik angesagt, und Hilflosigkeit wäre auch fehl am Platz.
 
Die Rolle des Chors in der Antike
Die ersten Stücke der griechischen Antike entstanden anlässlich der Festspiele zu Ehren des Dionysos, des Gottes des Tanzes. War der Chor in den Festspielen anfänglich allein für das Vortragen von Liedern und ein wenig Tanz zuständig, so wurde ihm über die Jahre der Entwicklung immer mehr Text geschrieben. Eine kleine Revolution war die Einführung eines Schauspielers durch den Dichter Thespis, der sich mit dem Chor abwechselte; eine grössere Revolution die Einführung eines zweiten durch Aischylos. Jetzt konnten richtige Dialoge auf der Szene verhandelt werden, die der Chor kommentieren konnte. So heisst es in der Poetik des Aristoteles: «Die Zahl der Schauspieler hat von einem auf zwei als erster Aischylos geführt und die Partien des Chores verringert und das gesprochene Wort zum Hauptakteur gemacht.» Tatsächlich ist der Chor bei Aischylos noch am stärksten ins Geschehen eingebunden. Einen dritten Schauspieler schliesslich führte Aischylos’ jüngerer Kontrahent in den Dichterwettbewerben Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. ein: Sophokles. Ab jetzt spielten und sprachen diese drei Schauspieler alle im Drama vorkommenden Rollen, egal, wie viele das waren. Aischylos übernahm diese Weiterentwicklung auch prompt für sein Opus magnum, die Orestie. Diese gilt als ein erster Höhepunkt des europäischen Theaters. Doch ist diese Würdigung nicht allein dem Einsatz des Chores geschuldet, so vielfältig dieser auch agiert, indem er kommentiert, reflektiert, die Vorgeschichte erzählt, dann auch versucht, die Protagonisten zu beeinflussen (etwa Orest im zweiten Teil der Trilogie). Vor allem ist es die inhaltliche Auseinandersetzung mit Krieg und Blutrache, die ein versöhnliches Ende findet. Aischylos’ Orestie wurde als einzige Tragödien-Trilogie mehrfach aufgeführt, was ihre Ausnahmestellung in der Dramengeschichte noch untermauert.
 
Im 20. Jahrhundert haben nicht wenige Dramatiker sich mit dem Chor und seinem Einsatz beschäftigt. Eine regelrechte Renaissance richtig grosser Chöre gab es vor ca. 25 bis 30 Jahren. War er zuvor manchen verdächtig, wegen seiner schieren Wucht faschistisches Gedankengut ästhetisch zu transportieren, so nahmen Regisseure wie Einar Schleef sich der Aufgabe an, neue Wege zu finden. Hatten schon Brecht und später auch Heiner Müller und nicht zuletzt Max Frisch Chorpassagen in ihre Stücke eingeschrieben, machte Schleef aus Textflächen von Elfriede Jelinek überbordende Theaterereignisse mit zum Teil über 100 Beteiligten und forderte mit diesem Überwältigungstheater das Publikum heraus. Sein Ansatz war die Neuentdeckung des Tragischen im Konflikt von Individuum und Kollektiv, von einzelnem Schauspieler und Chor. Mittlerweile sind Chöre aus dem Sprechtheater nicht mehr wegzudenken, weder aus Inszenierungen noch aus Stücken. In den letzten Jahren hat sich der Regisseur Ulrich Rasche mit seinen wuchtigen Chorinszenierungen einen Namen gemacht. Für die St. Galler Hausautorin der Spielzeit 2020/2021, Maria Ursprung, ist «der Chor diejenige Instanz, mit der sich beim Schreiben nochmals ganz neue Perspektiven erzählen lassen, die das Geschehen auf der Bühne ganz anders beleuchten und die zentralen Fragen aussprechen, die ich die Figuren so deutlich nicht aussprechen lassen würde. Der Chor kann immer gleichzeitig nach innen und nach aussen schauen. Und er gibt die Möglichkeit, formal zu überraschen, er kann Festgefahrenes aufbrechen, allein durch seine Existenz.»
 
Bei dieser Probe in der LOK im Dezember 2020 kitzelt Martin Pfaff aus dem Text überraschende Einwürfe und Kommentare heraus, wenn er die Beziehung von Diana Dengler und den anderen immer neu beleuchtet. Die zentralen Fragen der Orestie jedoch werden in den Monologpassagen verhandelt.
 
Armin Breidenbach, UM!SCHAU Januar / Februar 2021

 

Presse

St.Galler Tagblatt

Ob Marcus Schäfer, Anja Tobler, Bruno Riedl oder Oliver Losehand solo, ob alle zusammen als antiker Chor, die Damen als Erinnyen – sie bieten immer eine tolle Show. Als solche ist die Orestie auch inszeniert, mitsamt «Applaus!»-Einblendung fürs Publikum, Talkelementen und kurzer Saalrunde: Da geht das Licht an für ein kurzes Empathietraining. Soll nun vor allem der Kopf aktiv werden oder darf die gute alte «Seelenwaschmaschine» der Katharsis in Gang kommen, soll Theater «reinigen» von Mordlust, Eifersucht, Kummer? Darf man lachen? «Die Orestie (revisited)» packt alles das in einen kurzen, kurzweiligen Abend. Und nährt die Hoffnung, dass das Theater noch in den nächsten paar tausend Jahren solche Fragen lebendig hält. Und unbeantwortet.

Saiten

Das Schlussbild im Tempelrund bringt die Moral der Geschicht’ auf den Punkt: Wir Menschen können das Zepter übernehmen, den Göttern den Laufpass geben, wir können uns einschalten, Verantwortung übernehmen, «handelnd eingreifen in diese zunehmend verrohende Welt».

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Im November 2008 haben die St.Gallerinnen und St.Galler einem Kulturzentrum in der Lokremise am Hauptbahnhof zugestimmt. Eröffnet wurde die neue Spielstätte des Theaters St.Gallen Mitte September 2010

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