26
April 2019
Freitag
19:30-22:30
Der Kirschgarten
Komödie von Anton Tschechow in der Übersetzung von Thomas Brasch
Einführung um 19 Uhr

Zum Stück

Die Gutsbesitzerin Ranjewskaja kommt aus Paris zurück, wo sie ihr Geld zum Fenster rausgeworfen und Schuldenberge angehäuft hat. Aus der Heimat war sie vor Jahren geflohen, nachdem ihr kleiner Sohn in einem nahen Fluss ertrunken war. Jetzt soll der Kirschgarten, alter Familienbesitz, versteigert werden, um die Schulden zu tilgen. Zur Rettung des Guts und damit auch der Familie macht der ehemalige Leibeigene Lopachin, der mittlerweile zu Geld gekommen ist, den Vorschlag, den Kirschgarten abzuholzen und dort Sommerhäuser zu bauen und zu vermieten. Davon aber wollen die Schuldner, allen voran Ranjewskaja, nichts wissen. Die Entscheidung wird immer weiter aufgeschoben, bis der Tag der Wahrheit unmittelbar bevorsteht und die alte Heimat endgültig verloren zu gehen droht. Anton Tschechow verstrickt seine Figuren in ökonomische Diskussionen und lässt sie ihr Leben und ihre Lieben fast schon tragisch verfehlen, nicht ohne sie in hochkomische Konstellationen zu schicken. ‹Es ist kein Drama geworden, sondern eine Komödie, stellenweise sogar eine Farce.› So verteidigte Tschechow seinen Kirschgarten gegenüber all jenen, die darin nur einen wehmütigen Abgesang auf alte Traditionen sahen.

«Und wenn es schon nötig ist, den Garten zu verkaufen, dann verkauft mich zusammen mit ihm.»

Besetzung

Zugabe

Lachen und Weinen

Nachdem Anton Tschechow am 15. Juli 1904 im deutschen Kurort Badenweiler an Tuberkulose verstorben war, wurde sein Leichnam mit dem Zug nach Moskau verbracht, wo er eine Woche später beerdigt wurde. Einer Legende zufolge kam sein Sarg zeitgleich mit dem eines hochrangigen Generals am Bahnhof an, sodass die Menge dachte, der Tote werde mit militärischen Ehren empfangen, und tatsächlich zuerst dem falschen Sarg folgte – eine Geschichte, die Tschechow selbst nicht besser hätte schreiben können, lässt sich doch lächeln über eine eigentlich traurige Begebenheit, typisch Tschechow. Nach Aufklärung des Missverständnisses erwiesen dem schon zu Lebzeiten äusserst erfolgreichen Schriftsteller und Dramatiker Tausende die letzte Ehre. Da war die Uraufführung von Der Kirschgarten, seines letzten Stücks, gerade mal ein halbes Jahr her. Am Moskauer Künstlertheater übernahm Konstantin Stanislawski die Regie, der das Theater gemeinsam mit Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko leitete. Sie hatten die Premiere Tschechow zu Ehren sogar auf seinen 44. Geburtstag am 17. Januar (russischer Kalender) gelegt. Schon der erste Entwurf des neuen Stücks hatte in Moskau Begeisterung ausgelöst. So schrieb Nemirowitsch dem Autor gleich nach der Lektüre ein Telegramm: «Mein persönlicher erster Eindruck – als Bühnenwerk vielleicht mehr Theaterstück als alle vorausgegangenen. Das Sujet klar und fest. Im Ganzen als Stück harmonisch. […] Bemerkenswertester Akt in Stimmung, Dramatik und grausamer Kühnheit ist der letzte, in Grazie und Leichtigkeit der erste. Neu in Deinem Schaffen die grelle, saftige und einfache Dramatik.» Um den Text mit einigen Schauspielern zu lesen, hatte er extra eine Probe für ein anderes Stück unterbrochen. Den Plan, nach Drei Schwestern wieder für das Künstlertheater zu arbeiten, hatte Tschechow bereits wenige Wochen nach der Uraufführung im Januar 1901 gefasst. Und schon zu diesem Zeitpunkt war ihm klar, was für ein Stück es werden würde. Er schrieb an Olga Knipper, eine Schauspielerin des Künstlertheaters, die er im Mai 1901 heiraten sollte: «Das nächste Stück, das ich schreiben werde, wird unbedingt komisch, sehr komisch, zumindest im Plan.» Und er wiederholte sein Vorhaben sechs Wochen darauf: «Minutenweise überkommt mich das starke Verlangen, für das Künstl. Theater [Künstlertheater] ein Vaudeville in vier Akten oder eine Komödie zu schreiben. Und ich werde es auch tun, wenn mich nichts daran hindert, aber dem Theater werde ich das Stück nicht vor Ende 1903 geben.» Nun war es nicht so, dass Tschechow nicht auch andere Stücke bereits mit dem Untertitel «Komödie» versehen hätte. Die Möwe (Uraufführung 1898) nannte er so, auch die Urfassung des später zur Tragödie umgearbeiteten Iwanow. Das verwirrt zuweilen Leser und Theaterbesucher, die sich einen lustigen Abend mit viel Gelächter erwarten. Dabei ging es Tschechow eher wie Balzac mit dessen «Comédie Humaine» um das Nachdenken über letzte Dinge und grosse Fragen der Menschheit. Und oft sind es eben erhabene Momente, die schneller als gedacht ins Lächerliche kippen. Die sprichwörtliche russische Schwermut abzubilden, war nicht sein Anliegen.

Der Humorist
Tschechows literarische Karriere hatte mit humoristischen Erzählungen begonnen, mit denen er früh den Lebensunterhalt seiner Familie sicherte. Geboren 1860 als Sohn eines Kaufmanns im südrussischen Taganrog am Asowschen Meer, war er schon in der Schule wegen seiner Begabung für das Parodieren von Lehrern aufgefallen. Früh hatte er heimlich das örtliche Theater aufgesucht und ebenfalls früh mit dem Schreiben begonnen. Nachdem sein drakonischer Vater – übrigens Nachfahre von Leibeigenen – wegen der drückenden Schuldenlast die Stadt verlassen musste, schlug sich der junge Tschechow dort einen Sommer allein durch. Dann folgte er der Familie nach Moskau, nahm ein Medizinstudium auf und wurde mit dem Schreiben rasch zum Ernährer aller. Da das Schreiben ihm so leicht von der Hand ging und er zudem der Einzige war, der die Familienkasse füllen konnte, wurde er bald das Oberhaupt und in allen Fragen konsultiert. Jedoch erkrankte Tschechow bereits in Moskau an Tuberkulose, einer damals noch unheilbaren Krankheit, gegen die selbst er als examinierter Arzt nichts ausrichten konnte und an der auch sein Bruder Nikolai 1889 starb. Die Tuberkulose hatte ihn jedoch nie vom Schreiben abgehalten, im Gegenteil: Man könnte fast meinen, er habe gegen den Tod angeschrieben. Gerade im Kirschgarten ist das spürbar. Das Stück atmet eine Grosszügigkeit und Weite, arbeitet mit Wiederholungsmotiven und vor allem mit der Zeit. Man könnte meinen, mit dem Warten auf den Tod.

Ranjewskaja und ihre Familie
Der titelgebende Kirschgarten gehört zum Gut von Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, sie ist das Zentrum von Tschechows Stück und wurde in der Uraufführungsinszenierung von Olga Knipper gespielt. Ranjewskaja kehrt nach Jahren in Paris zurück auf ihr Landgut in Russland. Geld hat sie keines mehr, zudem sind Schulden abzubezahlen, was nur durch den Verkauf des Guts gelingen kann. Ranjewskaja kann und will das nicht akzeptieren, ist wie imprägniert gegen die heranrollenden Probleme, und verschenkt weiter Geld, statt sich um die Versorgung der Familie zu kümmern. Der um einiges jüngere Lopachin, ein ehemaliger Leibeigener, der mittlerweile zu Geld gekommen ist, macht ihr immer wieder gutgemeinte Vorschläge, wie sie von den Schulden befreit werden könnte – dafür müsste allerdings ihr geliebter Kirschgarten weichen. Davon will weder Ranjewskaja etwas wissen noch ihr Bruder Gajew, so sehr Lopachin auch drängt, was er über Monate immer wieder tut. Schliesslich wird der Familienbesitz wirklich versteigert, und zwar an Lopachin, der den Geldmangel gar nicht ausnutzen wollte, sondern am Ende einfach zugeschlagen hat. Olga Knippers Figur, die Ranjewskaja, ist verschwenderisch und naiv, sensibel und zugleich als Mutter verantwortungslos, doch dabei immer bezaubernd und faszinierend. Aber den Abschied von ihrem gewohnten Leben kann sie nicht vollziehen, die Notwendigkeit einer Veränderung nicht begreifen. So handelt das Stück nicht nur von Geld und Geldmangel, sondern auch von der Lethargie der ehemaligen Besitzenden, die die neuen Verhältnisse nicht anerkennen können. Ausserdem spielt Tschechow wie in seinen anderen Stücken mit den Beziehungen der auf dem Land versammelten Gesellschaft: Da gibt es Liebeleien, Eifersucht, die Sehnsucht nach einem Leben in Frankreich – und vor allem prägt die Abschaffung der Leibeigenschaft einige Jahre zuvor die Strukturen nachhaltig.

Liebe und Geld
Zwar stand der Titel schon länger fest, doch tatsächlich geschrieben hat Tschechow den Kirschgarten erst 1903, weil die kommende Spielzeit des Künstlertheaters definitiv geplant werden musste. Ein Grund für die Verzögerung findet sich in seinem Brief vom 24. November 1901 an Olga Knipper. «Draussen schneit und regnet es. Meine Hände sind kalt, in meinem Arbeitszimmer ist es düster und kalt, das Schreiben fällt schwer, die Finger wollen irgendwie nicht gehorchen, obwohl das Thermometer 12 Grad Wärme zeigt. Und so wird es den ganzen Winter gehen! Das heisst bis Ende April.» Neben der Kälte und seiner nicht aufzuhaltenden Erkrankung gab es noch zahlreiche andere Gründe dafür, dass es mit dem Schreiben nicht so recht voranging, unter anderem die Hochzeit mit Olga Knipper und einige Spannungen zwischen seiner frisch gebackenen Ehefrau und Tschechows Schwester Maria sowie ungezählte Gäste und Besucher, die Tschechow von der Arbeit in Jalta, wo er sich wegen seiner Lunge aufhalten musste, abhielten. Die Figuren des Stückes sah er bereits klar vor Augen, auch hatte er das Stück, wie schon im Fall der Drei Schwestern, auf einzelne konkrete, bekannte Schauspieler des Künstlertheaters hin konzipiert. Für seine Frau hatte Tschechow die komische Rolle der Charlotta Iwanowna vorgesehen; dass ihr schliesslich die grosse Rolle der Ranjewskaja zufiel, war einer der Gründe für die zahlreichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Autor und Theater hinsichtlich der Uraufführung.

Bei den Proben
Tschechow wollte sich natürlich selbst ein Bild machen von der Arbeit mit seinem vielleicht letzten Stück. Am 4. Dezember 1903 traf er in Moskau ein, am 5. Dezember besuchte er die erste Kirschgarten-Probe. Welchen Akt, welche Szenen er zu sehen bekam, ist nicht überliefert, doch muss das, was er gesehen hat, ihn vor den Kopf gestossen haben. Die Probenarbeit des Theaters wird in keinem der Briefe, die Tschechow in den sechs Wochen bis zur Premiere aus Moskau schrieb, erwähnt oder kommentiert. In seinen Memoiren erweckt Stanislawski den Anschein, als habe Tschechow an allen Proben teilgenommen, indem er dessen Auftreten auf Proben im Allgemeinen beschreibt und nur zwei konkrete Details benennt, die mit dem Kirschgarten zusammenhängen: seinen, Stanislawskis Wunsch, den Schluss des 2. Akts zu streichen, worauf Tschechow blass geworden sei, dann aber zugestimmt habe, sowie die berühmte ironische Spitze Tschechows an die Adresse des Regisseurs: «Hören Sie! – erzählte Tschechow jemandem, aber so, dass ich es hören musste –, ich werde ein neues Stück schreiben, und das wird so beginnen: ‹Wie wunderbar, wie still! Man hört weder Vögel, noch Hunde, noch Kuckucke, noch Käuzchen, keine Nachtigall, keine Uhr, keine Glöckchen und keine einzige Grille.›» Tschechow war mehr oder weniger verzweifelt – die Regie hatte aus seiner zarten Komödie ein Rührstück gemacht. Das kam zwar beim Publikum, nicht aber bei seinem Autor an. So besteht seitdem der Reiz für alle, die seine Komödien inszenieren, darin, die ganz besondere Atmosphäre seiner Stücke immer wieder aufs Neue zu erforschen und Tschechows Figuren zu interpretieren. (ab)

Presse

Ostschweiz am Sonntag

Manchmal wird es ganz still, geisterhaft wirken die Darsteller dann in Andreas Enzlers hellem Licht, während hinten Martin von Allmen ein verstimmtes Klavier spielt und der schwerhörige Diener Firs gravitätisch über die Bühne schleicht. Oft aber überrascht Mélanie Huber die Zuschauer mit wilder Pantomimik.

Nachtkritik

Dann hat Lopachin seinen grossen Auftritt. Er hat das Gut ersteigert. Er triumphiert: "Jetzt ist es mein Kirschgarten." Aber er spricht den Satz mit leiser Stimme und zitternder Hand. Darauf folgt ein langes Schweigen der Ranjewskaja. Ein grosser Moment der Inszenierung.

St.Galler Tagblatt

Mélanie Huber setzt dabei nicht nur auf den Text, sondern auch auf Bewegung, und verstärkt so das im Stück angelegte, nervöse Kommen und Gehen. Manche Szene wird zur grotesken Pantomime erweitert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler rücken dem Publikum nah auf den Leib, oft spielen sie weit vorn, den Blick in die Zuschauer gerichtet. Ja, wir sind mitgemeint.

Saiten

Und das ist die eigentliche Entdeckung dieses Abends: die erstmals in St.Gallen inszenierende, bereits mehrfach ausgezeichnete Zürcher Regisseurin Mélanie Huber. Sie hat ein musikalisches Auge und Ohr für Kippmomente, Untertöne, Stimmungsumschläge. Und sie erfindet mit dem Ensemble vielgestaltige Choreografien der Aussichtslosigkeit.

Südkurier

Die Inszenierung bietet ein beeindruckendes Bild für den Schrecken, den, wohlgemekrt, auch die Domestiken befällt, angesichts - von was eigentlich?

Termine & Tickets

Grosses Haus

Das Grosse Haus ist das Herzstück des Theaters St.Gallen. Über 400 Mal hebt sich jährlich der Vorhang in dem Bau von Claude Paillard im Museumsviertel, in dem 741 ZuschauerInnen Platz finden.

mehr erfahren