18
Mai 2019
Samstag
20:00-21:10
Coppél-A.I.
Tanzstück von Felix Landerer

Zum Stück

Warum verlieren immer wieder Menschen die Verbindung zu ihren Mitmenschen? Was fasziniert uns an künstlichen Welten und Geschöpfen? Inwieweit sind sie perfekter als echte Menschen, und warum haben sie trotzdem oder gerade deswegen Defizite? Vom antiken Bildhauer Pygmalion, der sich von den Menschen abwendet und sich in sein Kunstwerk, die Statue Galatea, verliebt, bis zur Handy- und Internetsucht und Flucht in virtuelle Welten in unseren Tagen bleibt das Thema aktuell. Damit verbunden ist die Frage nach dem, was den Menschen so besonders macht: der eigene Wille, die Unberechenbarkeit und Spontaneität; diese umgekehrte Perspektive zurück auf die Menschen hat Steven Spielberg in seinem Film A. I. – Künstliche Intelligenz gewählt. Nicht nur der Film, auch das Theater hat sich immer wieder dieses spannenden und unerschöpflichen Themas angenommen; Paradebeispiele sind das Ballett Coppélia und die Oper Hoffmanns Erzählungen, die beide auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann basieren, in der sich der Protagonist in eine Puppe verliebt.

Beate Vollack hat den Choreografen Felix Landerer, der am Theater St.Gallen bereits bei Es ist was ... choreografiert hat, eingeladen, sich mit dem zeitlosen Thema des Verhältnisses von Mensch und künstlichen Wesen auseinanderzusetzen.

«Du lebloses, verdammtes Automat!»

Besetzung

Partner

  • Hedy Kreier

Zugabe

Coppélia und Artifical Intelligence
Felix Landeres neues Tanzstück Coppél-A.I.

Künstliche Intelligenz ist ein grosses Thema unserer Zeit. Die Universität St.Gallen hat seit einem halben Jahr eine Professur für Artifical Intelligence and Machine Learning. KI ist auch in allen Medien präsent, und regelmässig mischt sich ein leichtes Schaudern in die technische Faszination. Einschlägige Schlagzeilen lauten: «Roboter auf dem Vormarsch», «Was Roboter zu sagen haben», «Sophia, warum siehst du aus wie eine Frau?», «Clevere Roboter bedrohen 300.000 Arbeitsplätze» und «Wehe, die Computer sagen einmal ‹ich›».

Die Frage, wie aus toter Materie lebendige, intelligente Wesen mit eigenem Willen und Persönlichkeit werden, beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. Und fast ebenso alt ist der Wunsch, dieses Schöpfungswunder selbst vollbringen zu können, – verbunden mit der Angst vor den Konsequenzen.

In Ovids Metamorphosen ist es eine Utopie: Der Bildhauer Pygmalion verliebt sich in seine Statue, und die Liebe bewirkt das Wunder, dass sie wirklich lebendig wird. Die mittelalterliche jüdische Figur des Golems dagegen ist eine ambivalente Figur, und Frankensteins Kreatur aus Mary Shelleys Roman wird zum Monster. Im Roman Frankenstein wie auch in modernen Varianten des Golem-Themas (z.B. Eugen d’Alberts 1926 uraufgeführter Oper Der Golem) wird auch die Perspektive des künstlichen Geschöpfes geschildert, das ein Aussenseiter bleibt und von den Menschen nicht als ihresgleichen akzeptiert wird. Steven Spielberg hat diese Perspektive in seinem Film A.I. – Künstliche Intelligenz von 2001 fortgesetzt.

In E.T.A Hoffmanns 1816 veröffentlichter Erzählung Der Sandmann gibt es den unheimlichen Alchimisten Coppelius und seinen Wiedergänger Coppola, der dem Studenten Nathanael ein Perspektiv verkauft, durch das ihm die Puppe Olimpia seines Professors wie ein lebendiges Mädchen erscheint. Nathanael zerbricht daran, dass er sich an die Illusion eines lebendigen Wesens verliert. Im darauf basierenden Ballett Coppélia von Léo Delibes nach einem Libretto von Charles Nuitter und Arthur Saint-Léon, das 1870 an der Pariser Opéra uraufgeführt wurde, heisst der Puppenmacher Coppélius und nennt er seine künstliche Tochter Coppélia. Das Thema der Flucht in virtuelle Welten und das Risiko, nur noch mit Automaten zu kommunizieren und diesen die Kontrolle zu überlassen, sind heute vielleicht aktueller denn je. Was man bei Google und Instagram sieht, wird weitgehend von Algorithmen bestimmt, und der Direktor der KI-Forschung bei Facebook sagt: «Ohne Künstliche Intelligenz funktioniert Facebook nicht.»

Beate Vollack, Leiterin der Tanzkompanie, hat den deutschen Choreografen Felix Landerer, der am Theater St.Gallen bereits bei Es ist was … choreografiert hat, eingeladen, sich unter dem Titel Coppél-A.I. mit dem Verhältnis von Mensch und künstlichen Wesen zu beschäftigen. Ausgangspunkt von Felix Landeres Choreografie ist der Puppenmacher, der seine Geschöpfe quasi als Menschen sieht; und so verhalten sie sich auch zu ihm und probieren ihr Menschsein aus. Er seinerseits wird durch die Fixierung auf die künstlichen Wesen selbst ein stückweit puppenhaft. Doch schliesslich wird die Wand seiner selbstgewählten Isolation eingerissen. Ausstatter Till Kuhnert stellt einen abgeschlossenen, klinisch weissen Innenraum in die Lokremise, hinter dessen Wänden die inneren und äusseren Dämonen schattenhaft pulsieren. Christof Littmanns Musik verbindet die mathematische Strenge Johann Sebastian Bachs mit modernen Klängen. (mb)
 

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