9
Juli 2020
Zum letzten Mal
Donnerstag
20:00-21:00
2 Meter Theater - ausgespu(c)kt
Schauspiel (Eintritt frei, Zählkarten erforderlich)

Zum Stück

Dieses Projekt ist in jeder Hinsicht aussergewöhnlich. Erst seit Kurzem wissen wir, dass wir überhaupt wieder spielen dürfen. Während mehrerer Wochen war das Theater geschlossen, und wir verbrachten – wie viele von Ihnen – viel Zeit zu Hause. Unser von langer Hand geplanter Saisonabschluss fiel komplett ins Wasser. Dann kamen die erlösenden Signale vom Bundesrat: Sobald Lockerungen für Kulturveranstaltungen in Sicht waren, machten wir uns an die Arbeit. Ein neues Projekt sollte entstehen, an der freien Luft, wo die Gefährdung am Geringsten ist. Nach langer Zeit und voller Spielenergie trafen wir uns, Ensemblemitglieder und Team. Doch nichts war wie zuvor: Das Schutzkonzept für Theater-, Konzert- und Veranstaltungsbetriebe in der Schweiz verbot uns lautes Sprechen, die Weitergabe von Requisiten ohne Desinfizieren, längeres Beisammensein, Berührung, Intimität, Nähe – kurz, alles, was Theater ausmacht.
Bewaffnet mit Hygienemasken, Desinfektionsmittel und Fiebermesser beschlossen wir, aus der Not eine Tugend zu machen. Die Devise war, nicht so zu tun, als wäre alles wie vorher, und explizit zu thematisieren, wie man unter diesen Umständen und zu diesem Zeitpunkt Theater machen kann. Wie das geht, wussten wir noch nicht, weil es keinen Erfahrungswert gab, und so machten wir uns auf eine gemeinsame Suche, basierend auf unseren persönlichen und subjektiven Erfahrungen der letzten paar Monate. Diese Erfahrungen sind – das ist uns bewusst – vollkommen unterschiedlich. Je nach Beruf, finanzieller Situation oder politischem Kontext hatte die Pandemie radikal verschiedene Auswirkungen auf die eigene Existenz. Die Folgen der Krise sind in einem globalen Sinne noch längst nicht abschätzbar.
Was wir als Künstlerinnen und Künstler aber wissen: Das Theater ist als Ort der Begegnung und des Live-Ereignisses sehr vulnerabel. Mit diesem Aspekt wollten wir uns spielerisch und trotz allem humorvoll und poetisch auseinandersetzen und dabei mit herkömmlichen Theaterstoffen unter der Prämisse von Corona experimentieren. Wir suchten uns den Klassiker aus, bei dem der Widerspruch zwischen Einhaltung der Schutzmassnahmen und organischer Darstellung am sichtbarsten werden würde: Romeo und Julia von William Shakespeare.
So setzt sich unser Abend zusammen aus einer versuchten Annäherung an klassisches Theater in Zeiten von Corona und aus Sequenzen, in die ganz persönliche Erfahrungen und Erlebnisse des Ensembles während der Zeit des allgemeinen Stillstands einfliessen.
 
 
Erinnerungen aus dem Lockdown
 
MATTHIAS ALBOLD
Es war direkt vor den ersten Lockerungen im Mai, als meine Tochter mich fragte, ob sie Freunde zu ihrem Geburtstag einladen dürfte. Ich war etwas erstaunt und sagte: „Natürlich, ist ja jetzt wieder ok.“ Sie sagte: „Bist du sicher? Ich mache mir Sorgen um dich.“ Da verstand ich, dass sie an meine schwere Lungenentzündung vom letzten Jahr dachte. Das hat mich sehr berührt, dass meine Tochter sich um mich sorgte.
 
ANNA BLUMER
Die Nonna einer Freundin von mir – sie lebt in Sizilien: „Es kann ja nicht sein, dass ich den Zweiten Weltkrieg überlebt habe, damit ich mir jetzt von Leuten mit Megaphon auf der Strasse sagen lassen muss, was ich zu tun habe. Ich will nicht alleine sterben.“
 
DIANA DENGLER
Ich kenn einen Typen, das ist so ein Sammler von allem Möglichen. Kurz bevor es hier losging, hatte er Kontakt nach China und kaufte billig Masken. Er bestellte richtig viele davon und stapelte sie in einem Zimmer. Dann erreichte Corona die Schweiz, und er sagte voller Freude zu seiner Freundin: „Hey, jetzt machen wir das grosse Geld!“ Aber leider biss er bei ihr auf Granit, es gab richtig Krach. Am Ende hat er die Masken dann verschenkt.
 
DAVID MAZE
Eine Freundin von mir ist Gesangslehrerin in Paris und New York. In Paris unterrichtete sie im Januar eine Studentin aus Wuhan – und wurde krank. Die Ärzte konnten damals nichts finden, aber sie dachte, sie muss sterben. Dann kam sie wieder nach New York, direkt zum Lockdown. Als sie wieder nach Paris wollte, konnte sie nicht ausreisen. Mit ihren Freunden zerstritt sie sich über Politik, dann brannten die Autos wegen George Floyd. Sie sitzt immer noch in New York fest.
 
FABIAN MÜLLER
Eine Freundin hatte einen schweren Fahrradunfall, sie lag auf der Strasse und niemand hat ihr geholfen, weil die Leute ihr nicht zu nahe kommen wollten.
 
BRUNO RIEDL
Am Anfang schlief ich soviel ich wollte und lief auch tagsüber im Pyjama rum. Irgendwann dachte ich: Jetzt wäre eigentlich Zeit, sich um die Verwandtschaft zu kümmern. Ich ging dann regelmässig mit meiner Schwiegermutter spazieren. Sie ist mittlerweile 82 aber noch eine tolle Spaziergängerin. Diese mir lieb gewordenen Begegnungen will ich über den Lockdown hinaus beibehalten.
 
MARCUS SCHÄFER
Meinen Onkel Karl Heinz erinnerte das Stillhalten an das Jahr 1945. Als er 16 wurde, bildetet man ihn kurz an der Waffe aus und schickte ihn nach Hause, um auf seinen Einsatzbefehl zu warten. Der kam aber nicht. Ein paar Freunde fielen noch in den letzten Kriegstagen. Er hat stillgehalten und Glück gehabt. Jetzt vielleicht wieder.
 
ANJA TOBLER
Mein Sohn hat die ganze Corona-Sache sehr gelassen aufgenommen. Wir hatten eine gute Zeit. Einmal, das war etwa nach einem Monat Lockdown, hat er in der Nacht erst geschrien und dann bitterlich geweint. Ich habe ihn gefragt, was ihn denn traurig macht. Er hat gesagt, es sei wegen Papa. Er will nicht, dass er krank wird und stirbt.
 

Besetzung

Presse

St.Galler Tagblatt

Die erste Premiere nach dem Lockdown wird eine sommerlich-leichte Farce. Der Shakespeare-Klassiker verknüpft mit Lockdown-Persiflagen: ein knallig-bunter Abend im St.Galler Stadtpark. [...] In nur vier Wochen haben Ensemble, Schauspieldirektor Jonas Knecht und Regisseurin Barbara-David Brüesch den knallbunten Abend erschaffen. Ein Sommerabendvergnügen, in dem sich die Schauspieler gegenseitig auf die Schippe nehmen, die Theaterregeln in Zeiten von Corona genüsslich breitwalzen und das Leben im Lockdown persiflieren. Und wenn Opernsänger David Maze ein Liebeslied von Cantautore Luigi Teno singt, ist es zum Dahinschmelzen.

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