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Written on Skin

Oper von George Benjamin und Martin Crimp

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George Benjamin gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten. Zusammen mit dem Autor Martin Crimp ergründet er in Written on Skin die verstörenden Konsequenzen der Selbsterkenntnis und die Grenzen der Macht, die Menschen über einander ausüben können. Aus heutiger Perspektive wird eine Troubadourgeschichte aus dem 13. Jahrhundert erzählt. Geschildert wird, wie ein Illustrator, der «Boy», von einem mächtigen Adeligen, dem Protector, dafür angestellt wird, dessen Taten in einem illustrierten Buch zu verewigen und ihn im Paradies darzustellen. Der Boy vertieft sich jedoch nicht nur in die Kreation seiner Bilderwelt, sondern lässt sich auch auf eine fatale Affäre mit Agnès, der Gattin seines Auftraggebers, ein. Diese sollte nicht nur sein eigenes Schicksal besiegeln: Der Protector ermordet ihn und setzt Agnès dessen Herz zum Essen vor. Doch anders, als es ihr Ehemann erwartet, verzweifelt sie nicht ob dieser Tat, sondern entscheidet selbst über Schicksal, indem sie aus dem Fenster springt. George Benjamin hat für die Vertonung dieses eindringlichen, ständig zwischen Traum, Erzählung und Realität changierenden Szenarios eine musikalische Sprache entwickelt, die von subtil ausgearbeiteten orchestralen Klangfarben geprägt ist. Written on Skin, diese Oper über Liebe und Erotik, über Macht und Tod wird in St.Gallen erstmals in der Schweiz zur Aufführung kommen.

Einführung in die Oper

Jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn wird im Studio oder im Foyer des Theaters St.Gallen eine Einführung in die Oper von George Benjamin und Martin Crimp stattfinden.

 

Ort | Grosses Haus Zeit | 1 Stunde 40 Minuten ohne Pause [Tickets]

Wort – Bild – Tat

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die seinesgleichen sucht: Seit der Uraufführung von Written on Skin in Aix-en-Provence im Jahr 2012 wurde die Oper in London, Paris, München, Bonn, Detmold und Stockholm aufgeführt, um nur einige der Stationen zu nennen. George Benjamin und Martin Crimp ist etwas gelungen, worauf die Musikwelt schon lange gewartet hat: ein Werk zu schaffen, das zugleich den spezifischen Anforderungen der Opernbühne wie auch dem heutigen Stand der klassischen Musik gerecht wird.

Den Kern der Handlung der Oper von George Benjamin und Martin Crimp bildet die überlieferte Lebensgeschichte des Troubadours Guillem de Cabestanh aus dem 13. Jahrhundert, bekannt auch unter dem Titel «Le cœur mangé». Martin Crimp hat den Minensänger durch einen Illustrator ersetzt, um die doppelte Repräsentation der Musik auf der Bühne zu vermeiden. Geschildert wird, wie dieser Schreiber, der «Boy», von einem mächtigen Adeligen dafür angestellt wird, dessen Taten in einem illustrierten Buch zu verewigen und ihn im Paradies darzustellen. Der Illustrator vertieft sich jedoch nicht nur in die Kreation seiner Bilderwelt, sondern lässt sich auch auf eine fatale Affäre mit Agnès, der Gattin seines Auftraggebers, ein. Diese sollte nicht nur sein eigenes Schicksal besiegeln: Der Adelige ermordet ihn und setzt Agnès dessen Herz zum Essen vor. Doch anders, als es ihr Ehemann erwartet, verzweifelt sie nicht ob dieser Tat, sondern antwortet: « Nichts, was ich je esse, wird je den Geschmack vom Herzen dieses Jungen aus diesem Körper nehmen» und stürzt sich aus dem Fenster.

Der Librettist Martin Crimp, einer der führenden Dramatiker im englischsprachigen Raum, schuf ausgehend von dieser Dreierkonstellation einen Text, der in sich mehrere Ebenen aufweist. So wird die Geschichte von Agnès und dem «Boy» nicht lediglich durch das Geschehen auf der Bühne vermittelt. Vielmehr erzählen die Figuren im Vollzug der Handlung zugleich auch ihre eigene Geschichte, so dass Handlung und Erzählung interagieren. Die Welt, in der sich die Figuren bewegen, ist folglich nicht die Welt von damals, sondern es ist die Welt von heute, die auf damals zurückblickt. Diese Vielschichtigkeit der Textstruktur bewirkt, dass das Geschehen ständig über dem Boden der Realität schwebt. Und dies wiederum kommt einer Einladung an die Musik gleich, dem Irrealen und zugleich höchst Nahbaren dieser Situation einen unmittelbaren Ausdruck zu verleihen.

George Benjamin hat für Crimps Text eine Musik komponiert, die sich durch Präzision, Klarheit und einen bemerkenswerten Farbenreichtum auszeichnet. Das Orchester besteht aus 60 Musikern, doch unterscheidet sich dieser Klangkörper radikal vom gewohnten klassischen Orchesterklang. So kommen etwa Instrumente wie die Glasharmonika zum Einsatz, die ein sehr zerbrechliches Klangbild zu evozieren vermag, oder auch eine Viola da Gamba, die von Benjamin bisweilen so eingesetzt wird, dass man fast den Eindruck von elektronisch generierten Klängen erhalten könnte. Daneben werden aber auch übliche Orchesterinstrumente auf unübliche Weise eingesetzt, so dass unbekannte Klangfarben entstehen. Schliesslich besetzte Benjamin den «Boy» mit einem Countertenor, was weniger als Anspielung auf die frühere Musikpraxis zu verstehen ist als vielmehr dazu dient, der Oper ein ganz spezifisches Klangbild zu verleihen. George Benjamin nutzt diese breite Palette an Klangfarben dazu, die Protagonisten differenziert voneinander abzuheben und die Dreiecksgeschichte in musikalischen Extremen zu schildern.

Die Regisseurin Nicola Raab und die Ausstatterin Mirella Weingarten werden sich für die szenische Darstellung dieses Werks einer abstrakten Bildersprache bedienen. Ein Bewegungschor von über 30 Menschen wird den Bühnenboden bedecken und durch choreographierte Bewegungsabläufe Formen und Zeichen entstehen lassen. Mit der Unterstützung von natur- und hautfarbenen Kostümen wird die Schrift, dieses zentrale und antreibende Element der Handlung, aus den Bewegungen der Menschengruppe entstehen und zugleich als Haut sichtbar werden. Und aus der Geschichte, die durch diese Schrift erzählt wird, erwachsen letztlich auch die Protagonisten der Handlung.

Wort und Schrift sind jedoch noch in einem weiteren Sinn thematisch. Agnès, die Frau des Protectors, kann nicht lesen. Der Auftrag ihres Mannes kommt in dieser Hinsicht einer weiteren Demonstration seiner Macht und Überlegenheit ihr gegenüber gleich. Agnès besucht den Boy zuerst, weil sie erfahren möchte, wie man ein Buch herstellt. Die Faszination schlägt jedoch schnell in Neugierde um und bald beginnt sie zu fragen, «was ist das für ein Baum?», «wer ist diese Frau?», die er zeichnet. Schliesslich bringt sie den Boy dazu, auf Bildern festzuhalten, was sie beide miteinander erleben. So verwandelt sich im Zuge der Affäre, die sich zwischen Agnès und dem Boy entwickelt, die Allegorie der Frau, die eigentlich Bestandteil des Buches sein sollte, in ein Portrait von Agnès. Doch diese Frau auf dem Bild ist nicht länger die unterdrückte Agnès, die die Entstehung des Buches mitverfolgt, sondern es ist Agnès als selbstbewusstes und selbstbestimmendes Individuum. Die Erschaffung der Welt in Bildern verschmilzt somit mehr und mehr mit der bewussten Manipulation der Ereignisse durch die Protagonisten – bis am Ende in der Miniatur mit der fallenden Frau, die stürzt und von den Engeln beobachtet wird, Bild und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind.

Witten on Skin ist eine Oper über Liebe und Macht, über Beherrschen und Beherrschtwerden, über ungestilltes Verlangen, Widerstand und die Bewusstwerdung der eigenen Identität. In ästhetischer Hinsicht ist das Werk aber ebenso eine künstlerische Manifestation der Macht des Wortes und der Kraft des Bildes durch das Medium der Musik. Genau darin liegt der Grund, weshalb Agnès sich letztlich nicht durch den Umgang mit dem Wort gegenüber dem Protector behauptet. Ihr Sieg ist kein Sieg der Intellektualität, sondern es ist ein Sieg der Sinnlichkeit. Denn am Ende sind die schönsten Bilder nicht in Büchern zu finden, sondern mit dem «cœur mangé», dem gegessenen Herz haben sich die wichtigsten aller Bilder wortwörtlich in die Haut von Agnès eingeprägt.

St. Galler Tagblatt

Neunzig Minuten lang hält die Musik in Atem, raffiniert instrumentiert, mit Farbwerten alter Musik, Gambe und Laute, mit Sphärenklängen von Glasharmonika und Streichern, gestopften Trompeten, Percussion, Pizzicati. Ein schönes Klanggespinst, das mehrere Zeitebenen durchschimmern lässt und seine Entsprechung in der szenischen Umsetzung findet. Umso einleuchtender erscheint es, dass das Sinfonieorchester St.Gallen im hinteren Teil der Bühne plaziert ist statt im Graben. [...]

Regisseurin Nicola Raab und Ausstatterin Mirella Weingarten haben sich für eine weitgehend abstrakte Lesart der alten Geschichte aus der «vida» des provenzalischen Troubadours Guilhem de Cabestanh entschieden. Das kostbare Buch, von Hand auf Pergament geschrieben - «written on skin» um das es im Kern der Oper geht, wird bei ihnen zur Projektionsfläche, zum Spiegelbild der ganzen Welt. Hölle und Himmel inbegriffen. Im wörtlichen Sinne: Die Bühne ist eine verspiegelte Rampe, über der ein weiterer Spiegel hängt. Die darauf drapierten Menschenkörper, aus denen sich zu Beginn zwei Engelsgestalten lösen, vervielfältigen sich und jede ihrer geschmeidigen Bewegungen ins Unendliche des Universums. Die Engel, Countertenor Benno Schachtner, Mezzosopranistin Theresa Holzhauser und Tenor Nik Kevin Koch, sind treibende Kraft und zugleich stilistisch flexible Zuschauer des Dramas, das in «Written on Skin» aus den Tiefen der Zeit ans Licht geholt wird. [...]  Die drei Hauptrollen sind mit Evelyn Pollock (Agns), Jordan Shanahan (Protector) und Benno Schachtner (Boy, First Angel) gut besetzt. Evelyn Pollock macht Agnès Entwicklung, das Erwachen ihrer Neugier und ihres Selbstbewusstseins eindringlich hörbar, auch ihr Zerbrechen, als der Protector ihr das Herz des ermordeten Schreibers auftischt. Ihr Sopran trägt unforciert in der Tiefe; in höchster Lage stellt sie extreme Erschütterungen in den Vordergrund, nicht Brillanz. Jordan Shanahans kerniger, markanter Bariton verleiht dem Protector die nötige Potenz, Countertenor Benno Schachtner spielt sinnlich mit der Ambivalenz seiner Figur und seiner Stimme: auf beeindruckende Weise lässt er den Boy schillern zwischen Mensch und Engel. Zur vierten Hauptfigur wird der stumme Bewegungschor aus mehr als dreissig Statisten. Unter Otto Tausk entfaltet die Partitur die ihr eigene Dringlichkeit und kommt dem Publikum bereitwillig entgegen. Luzide, das ist diese Oper, verkopft keineswegs.

NZZ

In dem Bariton von Jordan Shanahan als Protector fand dessen Dominanz voluminösen Ausdruck, und seiner Verunsicherungen angesichts der Abtrünnigkeit seiner Frau wusste er mit stimmlichen Schattierungen bedrängende Kontur zu verleihen. Evelyn Pollock setzte ihre Agnès, die im jungen Zeichner die wahre Liebe und damit letztlich den Tod findet, stimmkräftig aufbegehrend in Szene. Aber ihr Sopran fügte sich auch mit feinem Gespür in Benjamins irisierende Klangfarbenspiele und verschmolz mit dem glasklaren Countertenor des Boys und ersten Engels von Benno Schachtner. Schachtner gestaltete seine Rolle vielschichtig: stoische Ruhe, Leidenschaft und irritierende Gemütskälte traten im Charakter von Agnès' Liebhaber geheimnisvoll nebeneinander.

Südkurier

Insgesamt ist eine sehr feinsinnige Musik entstanden, die (um den auf das Pergament anspielenden Titel "Written on Skin" aufzugreifen) unter die Haut geht und auch ein weniger avantgardeaffines Publikum ansprechen dürfte. Zumal auch das Sinfonieorchester St.Gallen unter der Leitung von Otto Tausk grosse Sensibilität für die Partitur beweist.

Die Inszenierung von Nicola Raab greift die vielschichtigen Reflexionsmöglichkeiten des Stücks auf, indem sie es auf einer spiegelnden Fläche spielen lässt (Bühne und Kostüme: Mirella Weingarten). Darüber hängt, wie ein Himmel, eine weitere spiegelnde Fläche. Der Bewegungschor aus meist liegenden Leibern wird so mehrfach gespiegelt und erzeugt üppige Bilder, die bisweilen an apokalytptische Szenen vom Jüngsten Tag denken lassen. So werden auch die latent religiösen Implikationen des Stücks unaufdringlich auf die Bühne übertragen. Und das im Grunde kammerspielartige Stück gewinnt szenisch an Dimension.

Darüber hinaus arbeitet Raab mit wenigen Mitteln und setzt dem retardierten Tempo des Stücks keinen unnötigen entgegen. Das überzeugt. Auch das St. Galler Publikum, das bei der Premiere ausgiebig Beifall spendet.