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Wozzeck

Oper von Alban Berg

  • Media: Wozzeck
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«Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wann man hinunterschaut…»

Alban Bergs erste abendfüllende Oper Wozzeck wurde 1925 in Berlin uraufgeführt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr das Werk zahlreiche Aufführungen und eroberte sich seinen Platz im internationalen Opernrepertoire.

Wozzeck spielt in einer Kleinstadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Wozzeck dient dem Hauptmann, der ihm stets Vorwürfe wegen seines unehelichen Kindes macht. Marie, die Mutter seines Sohnes, führt ein Leben voller Sehnsüchte und ergibt sich dem Werben des Tambourmajors. Wozzeck, der als Versuchsperson auch dem Doktor zu Diensten ist, plagen schlimme Vorahnungen. Er verliert sich immer mehr

 

Programmeinführung 45 Minuten vor Beginn, Dauer ca. 15 Minuten, Theaterfoyer

Ort | Grosses Haus Zeit | ca. 2 Std. 5 Min. (eine Pause) [Tickets]

Im Gespräch mit dem Regisseur Alexander Nerlich

Du inszenierst zum ersten Mal am Theater St.Gallen. Gut angekommen und gut gestartet?

Es ist sehr schön, nach einer relativ langen Zeit wieder Musiktheater zu machen -  und dann gleich dieses tolle Werk! Zudem habe ich den Eindruck, dass hier alle begeistert dabei sind und wir gut im Team arbeiten. Das ist das Wichtigste. Nur so kann diese Arbeit gelingen.

Wie waren deine ersten und vor allem grundsätzlichen Überlegungen zur Umsetzung dieser Oper?

Wo setzt du deine Schwerpunkte?


Einer der Ausgangspunkte war, darüber nachzudenken, welche inhaltlichen Abweichungen von Büchners Woyzeck die Eigenständigkeit der Oper ausmachen. Das ist zum einen Wozzecks Fähigkeit zur Selbstreflexion. Er ist somit ein viel aktiverer Charakter. Eben doch: ein Täter. Zumindest subjektiv erlebt er Momente grosser Macht und Tatkraft, und die Musik macht diese Momente erlebbar!

Als nächstes kam Wozzecks starker Bezug zur Bibel ins Spiel, der mit Woyzecks ängstlichen Visionen nicht zu vergleichen ist - gewisse Wahn-Erlebnisse wirken auf Wozzeck geradezu stimulierend.  Der Angst-Anfall zu Beginn, der noch passiv erlitten wird, steht am Anfang eines Prozesses. Am Ende  steht der Mord, bei dem Wozzeck, selbstbewusst das Schwert der Apokalypse gegen Marie schwingt. Wozzecks Religiösität ist auf dem Weg in den Wahn, und damit zur Tat,  ein entscheidender Faktor. Er sieht sich selbst als von Gott auserwählt, als den Propheten, dem Gott die Zeichen zu sehen gibt, und der berechtigt ist, über die Frevler zu richten.

Grundsätzlich lege ich besonderen Wert auf die Arbeit an den zwischenmenschlichen Beziehungen, um deren Pervertierung es in diesem Werk geht. Der konkrete Ausdruck der Figuren und ihr Umgang miteinander, das Zusammenspiel auf der Szene – das ist der wichtigste Gegenstand der Inszenierung.

Wie siehst du die Figur Wozzeck?

Er lebte in einer chaotischen Zeit und ging zur Armee, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern. Er hatte eine grosse Fülle an Leben, wenn dieses auch eine Geschichte rastlosen Scheiterns war. Für mich eine wichtige Erkenntnis. Dem gegenüber steht die erbärmliche Existenz danach, die das Stück, wie auch die Oper beschreiben.

Erst nach der Entlassung aus dem Kriegsdienst beginnen bei Wozzeck die Verhaltensauffälligkeiten:  Trinkerei,  Gewaltausbrüche,  ständiges Misstrauen,  Halluzinationen, Stimmen hören,  Reizbarkeit, Panikattacken, Verschwörungstheorien, Gefühlskälte etc. Diese lassen sich als Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung, hier im Sinne eines schweren Kampf-Traumas eines Frontsoldaten deuten. Diese Deutung ist ein wichtiger Zugang zur Figur.

Wozzeck ist eine männerdominierte Oper. Welchen Raum nehmen da die wenigen Frauen Marie und Margret ein?

Die Figur der Marie ist wie bei Büchner so komplex und widersprüchlich gestaltet, dass sich jedes vorschnelle Urteil über ihr Verhalten verbietet. «Gut» und «Böse» stehen unverbunden nebeneinander. 

Ihr Verhalten wirkt sehr widersprüchlich, zerrissen und paradox. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass Marie in der Oper zum Ende hin noch mit Hilfe der Bibel versucht, Reue zu empfinden und an sich selbst zu glauben. Durch die Verknappung und stringente Handlungsführung bei Berg entsteht bei mir der Eindruck einer Vorhersehbarkeit des Endes, was auch für Marie selber gelten könnte, so konsequent, wie sie ihr Verhalten durchzieht. Will sie etwa, dass es so kommt?

An der Figur der Margret interessiert uns vor allem, wie schnell sie plötzlich Maries Rolle einnimmt, wenn auch nur für kurze Zeit. Bei aller behaupteten Abgrenzung gegen die Lebensweise Maries, wäre sie wohl gerne wie diese.

Würde Marie für verzweifelten Eigensinn und Freiheit der Entscheidung  auch in Extremsituationen stehen, stünde Margret wohl für eine -ebenfalls gefährliche- Form der Selbstaufgabe – hierin wäre sie Wozzeck ähnlich.

Die Fragen stellte Susanne Schemschies

Pressestimmen

Neue Zürcher Zeitung

«Die Aufführung von Wozzeck am Theater St.Gallen streicht die Bedeutung der instrumentalen Schicht kräftig heraus. Unter der Leitung seines Chefdirigenten David Stern musiziert das Sinfonieorchester St.Gallen beherzt und bringt die unterschiedlichen Charaktere der Szenen wirkungsvoll zum Klingen.»

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St.Galler Tagblatt

«Überhaupt diese Marie: Was für ein Weib! Der Überlebenswille dringt Maria Riccarda Wesseling aus allen Poren, strömt in ihrem farbenreichen Mezzo kraftvoll zwischen Lust und Leid, muss sich zwangsläufig zu Tode reiben an Wozzeck und dem Rest der Welt. Sie ist eine Marie aus Fleisch und Blut, stemmt ihre fordernde Partie mit der grössten Selbstverständlichkeit. »

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Schaffhauser Nachrichten

«Wozzecks Welt wird sehr plastisch zu einem irren Karussell der Vulgaritäten und menschlichen Abscheulichkeiten, sodass sein Kippen, sein Hinunterstürzen in den Abgrund plausibel wird. Alexander Nerlichs packende Inszenierung verdeutlicht dies – es wird einem buchstäblich schwindlig –, und so wird die grauslig-dramatische Spannung bis zum beklemmenden Schluss aufrechterhalten. Irrsinnige Effekte werden mit einer klugen Lichtregie im ansonsten kargen Bühnenbild erzeugt, die fast ein wenig an Hitchcocks «Vertigo» erinnern.»

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Südkurier

«Tatsächlich werden Regisseur Alexander Nerlich und seine Bühnenbildnerin Gisela Goerttler der Musik Alban Bergs aufs Schönste gerecht. Nicht nur, weil die Bühne nicht unnötig von der Partitur ablenkt, sondern auch weil sie die Klarheit und Strenge von Bergs Musik aufgreift.»

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Radiokritik

DRS2

Link zum Premierenbericht auf DRS 2