What's on

Alle Veranstaltungen

Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
Lade Sparten...
 

Vrenelis Gärtli

Nach dem Roman von Tim Krohn | In einer Theaterfassung von Anita Augustin und Jonas Knecht

  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli
  • Media: Vrenelis Gärtli

Wie das weltberühmte Heidi ist auch das Vreneli aus dem Glarnerland ein Kind der Berge. Aber Vreneli ist ein Quatemberkind, also ein ‹bsundriges›, eines, das in der wilden Welt der Sagen und Mythen lebt.
Das Vreneli kommt in einem Stall zur Welt, und ihre Mutter hat nicht viel Zeit für die Geburt. Kühe melken ist dort oben auf der Alp genauso wichtig wie Kinder auf die Welt bringen. So sieht es das Vreneli auch, macht sich wenige Minuten nach der Geburt auf und davon, läuft in ein Leben voller Geister, Hexli und Schrättli, erlebt eine verwinkelte und meineidig schöne Liebesgeschichte mit dem Waisenknaben Melk, stirbt, aufersteht und ‹brünzlet› Blumen auf den weissen Firn.
In einer Spielfassung von Anita Augustin und Jonas Knecht unternimmt ein Team aus vier Schauspielern und zwei Live-Musikern mit dem Publikum eine Bergtour der besonderen Art.

Uraufführung: 20. Januar 2010, Theater Chur
Koproduktion mit theater konstellationen, Theater Chur, Sophiensaele Berlin, Fabriktheater Rote Fabrik Zürich

Ort | Grosses Haus Zeit | 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause [Tickets]

Was bist du? Zopf oder Wurst?

Vrenelis Gärtli von Tim Krohn als Schauspiel der Verwandlungen

„Der eint lebt ds Gotts Namen ein Leben wie eine Wurst. Das fangt am Anfang an und hört am Ende auf, und dazwischen ist alles das Gleiche. Der andere dagegen führt ein Leben wie ein Zopf, da ist erst der säb Strang oben, dann wieder ein anderer und gleich darauf ein dritter, und eine lange Zeit mag es scheinen, das Ganze sei ein ebiges Gnuusch. Bei der Wurst jedoch ebenso wie beim Zopf zählt einzig, dass zum Ende hin süüferli geknüpft wird, ansonsten rünnt die Wurst aus, und der Zopf geht wieder auf. Ist aber so ein Zopf am Ende erst sauber gebunden, ist er mit einem Mal überhaupt kein Gnuusch mehr, sondern vielmehr ein meineids schönes Lugen und tausendmal gattliger als jede Wurst.“ (Tim Krohn, Vrenelis Gärtli)

In den Bergen ist alles hoch, spitz, steil, rau. Und so sind auch die Menschen dort: Menschen mit stolzen Seelen und rauen Gemütern, die wortkarg auf das Flachland hinunterschauen, als hätte der Herrgott sie aus dem stummen Fels geschlagen, auf dem sie stehen. Und es muss immer erst ein kleines Mädchen kommen und die störrischen Gemüter weich klopfen, damit des Bergmenschen Zunge sich lösen kann. Dann spricht er das eine oder andere Wort, und ein Hauch von Paradies weht durch den Kommunikationsnotstand der Alpen.

„So, so“, sagt zum Beispiel der Alpöhi in Johanna Spyris Roman Heidi und schaut lange auf die friedliche schlafende Titelfigur.

So viel zur Folklore.

Bei Tim Krohn sind die Berge hoch, spitz, steil und rau, aber die Menschen dort sind weder besonders stumm noch besonders stolz. Sie sind wie überall. Sie machen ihre Arbeit, hoffen auf besseres Wetter, sind manchmal stolz, manchmal nicht, und wenn sie reden, dann tun sie es so, wie es Menschen eben so tun. Mal miteinander, mal gegeneinander, mal nur, um etwas gesagt zu haben. Und wie überall verwandeln sich auch bei Tim Krohn die Menschen gerne in Hummeln oder Füchse. Sie kämpfen gegen böse Hexer und zaubern sich gutes Wetter herbei, wenn es von selbst nicht kommen will. „Wie überall“ heisst, dass es überall dort, wo Menschen leben, auch Magie gibt, sofern man darunter die Kunst der Verwandlung versteht. Anders formuliert: den Willen zur Metamorphose, bisweilen den Zwang dazu.

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?

Wer bist du? Und wenn nein, wie lange?

Identität ist ein Konstrukt, kompliziert und fragil, man weiss nie, wie lange es hält, manchmal genügt ein Windstoss, und das ganze Gebäude kracht zusammen. Dann steht der Mensch auf den Trümmern seiner selbst und muss sich neu errichten.

Die Magie, mit der Tim Krohn das Glaner Land ausgestattet hat, ist weder dekorativ noch metaphorisch. Sie ist keine Hintertür, durch die das Folkloristische wieder hineinschlüpfen darf in einen Mikrokosmos, den sich die Liebhaber des „modernen Märchens“ gerne fremd und putzig zugleich wünschen. Vielmehr bilden die Zaubereien in Vrenelis Gärtli den harten, realen Kern einer Erzählung, in der es genau darum geht: um die Verwandlung des Menschen in etwas anderes.

Nicht zufällig ist es vor allem die Titelfigur, die den Zauber so selbstverständlich beherrscht wie der Bauer das Melken. Vreneli irrlichtert und „füchselt“ durch das Glaner Land, spricht mit den Gemsen, rettet Menschen vor dem bösen Hexer und hext ihrerseits den Jägern einen soliden Hagelsturm um die Ohren. Ausserdem geht sie nicht zur Schule, arbeitet in der Fabrik im Tal, ist verliebt und will irgendwann nach Paris.

Es sieht so aus, als könnte auch Tim Krohn auf das unvermeidliche kleine Mädchen nicht verzichten, das im rauen Bergland eine gelungene Sozialisation durchläuft. Aber an Vreneli ist keine Heidi verloren gegangen. Und Vrenelis Gärtli ist kein Entwicklungsroman. Denn dieses Meitli entwickelt sich nicht. Was wie die Lehr- und Wanderjahre eines Wildfangs anmutet, ist nur das Paradox einer statischen Bewegung: Was immer Vreneli auch erlebt, was immer ihr auch zustösst – aus allem geht sie unbeschadet hervor. Vreneli ist kein Teil der magischen Zusammenhänge in Tim Krohns Erzählung, sie partizipiert nicht am Zauber. Sie ist der Zauber. Und während sie alles verwandelt, während den Menschen um sie herum das wurstförmige Leben aus dem Leim geht und zum ungeflochtenen Zopf wird, bleibt Vreneli, was sie ist: der harte, magische Kern.

Am Theater St.Gallen können wir alle Teil des Zaubers werden. Und wer weiss, ob nicht der eine oder andere unter uns als Wurst hineingeht und als Zopf wieder herauskommt. (Anita Augustin)

------

Saiten

Das ist offensichtlich Teil der Knecht’schen Ästhetik: Musik nicht als Illustration oder Dekoration, sondern als gleichwertige Stimme neben dem Text. Mehr als das: Die Musik ist die eigentliche Verzauberungskraft. So hext die Musik, zusammen mit Lichtregie und irrwitziger Wandtrommlerei, ein gewaltiges Gewitter auf die Bühne. Ein andermal bläst die Berglertruppe auf Trinkflaschen einen uuchoge schönen Choral. Und noch ein andermal irrlichtert von Geige und Bass her ein verwehtes Motiv aus Schuberts Der Tod und das Mädchen über die Bühne.

Mittendrin in diesem klingenden Verwandlungszauber: Vreneli oder Vriine, die lieber ein Füchsli als ein Mäntsch sein will. Die kaum geboren schon herumchroslet und der im Glarnerschlitz alles zu eng ist, wie schon ihrer Mutter, dem Maarteli. Und die beim wildzottligen Bersiäneli in die Kunst des Hexens eingeführt wird. Bis zur höchsten Stufe, dem Sachen-Zaubern, geht alles gut. Nur die verstorbene Mutter ist nicht mehr lebendig zu machen: Tot bleibt tot, da hilft kein Zaubern, auch am Ende nicht, wenn der Tod, wetterfest ausgerüstet mit Skistöcken und Norwegerpulli, das Vreneli abholt. Zum Glück lässt oben im Himmel der leicht angestaubte Herr Gott mit sich dealen.

Es ist eine mittelalterliche Welt, die Autor Tim Krohn und Regisseur Jonas Knecht im Vrenelis Gärtli entwerfen. Es geht um Magie, schwarze und weisse, und es geht um Schuld. Es geht um eine Gesellschaft, in der sich schuldig macht, wer seinen eigenen Weg geht wie der Fessisbauer und das Vreneli. Wo einer rasch der Hexerei verdächtigt wird, wenn seine Kühe feister sind als die der Talbauern. Wo kein Platz ist für eine junge Frau, die es mehr mit den Gemsen als mit  den Menschen hat. Was diese magische Welt heute zu bedeuten haben könnte, bleibt allerdings vage. Was uns Regisseur Knecht und Dramaturgin Anita Augustin mit ihrer raffinierten Bühnenfassung des Romans sagen wollen, ist am Ende weniger ein Diskurs um Schuld und Sühne – dieser ernste Kern des Stoffs wird eher verklamaukt, der Hexer ist einem billigen Horrorfilm entsprungen, der Gott ein schussliger älterer Herr. Vielmehr geht es allem voran um die Verzauberungskraft des Theaters.

Die vier Spieler, Eleni Haupt, Anja Tobler, Matthias Flückiger und Mathis Künzler schlüpfen von einer Rolle in die nächste, stürzen sich mit vollem Körpereinsatz ins Berglerleben, klettern und jodeln und tanzen, gröölen und bislen sich durch den Stoff und den noch immer unübertroffenen Kunst-Dialekt, den Autor Tim Krohn für seine Glarner Heimatsaga und seine Quatemberkinder erfunden hat. Vrenelis Gärtli, von Jonas Knecht für das freie Theater Konstellationen entwickelt und seit der Uraufführung 2010 in Chur vielerorts in kleineren Räumen gespielt, behält auch auf der grossen Bühne des Theaters St.Gallen seinen Zauber.

St.Galler Tagblatt

Sechs Jahre nach der Churer Premiere, fünf Jahre nach der Grabenhalle ist Jonas Knechts «Vrenelis Gärtli» im Theater St.Gallen angekommen: ein bildstarkes Vergnügen mit einer Sagenspielerei.

Eine Stahlwand und rote Gartenbeiztische - schon ist klar: Wir sind in den Bergen. Mehr braucht Jonas Knecht nicht, um die Bühne in Tim Krohns Glarner Sagenwelt zu verwandeln. Hier gerät das Tiermenschli Vreneli (Anja Tobler) in ein schicksalhaftes «Gnuusch». Vreneli verliert seine Mutter, lernt das Zaubern, rettet seinen Liebsten vor einem Hexer, erfriert aber selbst auf dem Gletscher, wo es verzweifelt das Kunstwerk seiner Liebe in den Schnee «brünzlet». Am Ende war das Ganze aber bloss ein Versehen, die tödliche Schicksalsspirale, ausgelöst von «nun ja ... einem bürokratischen Lapsus». Matthias Flückiger als Herrgott im Himmel sagt das so zerknirscht und kleinlaut, dass man das einfach lustig finden muss. Die Bergwelt mit ihren düsteren Sagen, mit ihren Untoten, Hexen und dem aggressiven Neid der Bergler ist also am Ende humoristisch ausgelüftet. Der Bann gebrochen. Immerhin gibt's vom Herrgott als Entschuldigung eine Wiederauferstehung für das geplagte Vreneli.

Ein Kinderstück? Mitnichten. Die Figuren stellen durchaus eine moderne moralische Frage: Richten wir das Allerschrecklichste nur nebenbei an, ohne Absicht? Vrenelis Vater quält genau dies: Dass er unüberlegt einer armen Bäuerin das Wasser weggetrunken hat, weshalb sie und ihr Kind starben. Das schlechte Gewissen im Diesseits hat das Fegefeuer im Jenseits abgelöst. [...] Die Hauptrolle an diesem Abend spielt die Szenerie: Die Stahlwand ist abwechselnd turmhoher grauer Fels, weisser Gletscher, Wetterwand für Blitz und Donner. An ihr lässt sich klettern, zornig poltern und gen Himmel steigen. Auf ihr wird am Ende der Herrgott sein Missgeschick einräumen. Dicker Theaternebel, Schneeflocken und dramatische Lichtwechsel sorgen für das stimmige Ambiente.

Und zu sehen ist hier ein deftiges, ironisches, poetisches, mystisches Kasperletheater für Erwachsene mit Anja Tobler, Eleni Haupt, Matthias Flückiger und Mathis Künzler, die ihre Rollen tauschen, mal als Erzähler aus der Geschichte heraustreten und so die knalligen Szenen miteinander verbinden.