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Tosca

Oper von Giacomo Puccini

  • Media: Tosca
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Ein amerikanischer Kritiker nannte Giacomo Puccinis modernste Oper einmal verächtlich einen „shabby little shocker“ und traf damit ungewollt genau die Punkte, die diese Oper zu einem dramaturgischen Meisterwerk machen. Ohne ein überflüssiges Wort, mit einer Musik, die ihr Publikum unmittelbar in Mark  und Herz trifft, gelang Puccini mit Tosca ein publikums- und bühnenwirksamer Thriller der Extraklasse, der mit seinen schnellen szenischen Schnitten und seinen atemberaubenden dramaturgischen Wendungen seine kunstvolle Anlage im besten Sinne vergessen macht. Alexander Nerlich, der am Theater St.Gallen bereits 2010 bei Alban Bergs Wozzeck und zuletzt 2013 bei Richard Wagner Der FIiegende Holländer Regie führte, hat das spannungsgeladene Drama um Freiheit, Kunst, Liebe, Gewalt und Macht im Bühnenbild von Stefan Mayer und den Kostümen von Christof Cremer in Szene gesetzt. Michael Balke dirigiert erstmals das Sinfonieorchester St.Gallen. 

Wer singt wann?

Die Produktion wird in grosszügiger Weise unterstützt von

Ort | Grosses Haus Zeit | 2 Stunden 30 Minuten inklusive einer Pause nach dem ersten Akt [Tickets]

Sturz aus dem Alltag

von Alexander Nerlich

Floria Tosca verlässt am Mittag des 17. Juni den Bühneneingang des Teatro Argentina in Rom, eines der grössten Opernhäuser Europas. Vermutlich kommt sie von einer Probe. Es ist ein sonniger Tag. Die Kirche Sant Andrea della Valle, wo ihr Geliebter Mario Cavaradossi arbeitet, ist nur ein paar Schritte entfernt, und auch der Obst- und Gemüsemarkt ist nah. Dort gibt es um diese Jahreszeit viele Blumen aus der Region zu kaufen. Sie macht also einen kurzen Abstecher und nimmt einen Arm voll Blumen mit. Vielleicht hat sie um den Preis gefeilscht, vielleicht hat man ihr aber auch Blumen geschenkt. Schliesslich ist Tosca eine gefeierte Sängerin.

Vor welchem Hintergrund nun spielt sich diese bunte, recht alltägliche Szene ab? In welchem sozialen und politischen Klima befinden wir uns? Durch was für eine Welt eilt die junge Diva? Was ist los in dieser Stadt?

Sehr viel. Denn Rom ist eine Stadt in der Krise. Von Machtkämpfen und Systemwechseln erschüttert. Die sogenannte Römische Republik ist gerade untergegangen, die französischen Truppen haben Rom verlassen, und alliierte Truppen aus Neapel, Österreich, England und Russland halten die Stadt besetzt. Der Vatikan, Jahre zuvor noch der politische wie ökonomische Fixpunkt Roms, ist aktuell ohne Oberhaupt, denn der von den Jakobinern deportierte Papst ist nicht wieder zurückgekehrt. Auch die Kardinäle, deren Aufgabe es gewesen wäre, bis zur Ernennung des neuen Papstes die Staatsgeschäfte zu führen, halten sich noch von Rom fern. So herrscht seit dem Scheitern der Republik ein gefährliches Machtvakuum. Ein Kampf der Weltanschauungen in einem rechtlosen Raum zeichnet sich ab.

Aber zurück zum 17. Juni, dem Tag, an dem die Oper beginnt und grösstenteils stattfindet. Die Römische Republik ist tot und viele Menschen leiden Hunger. Die Truppen der Restauration sind unterbezahlt und undiszipliniert, viele Bewaffnete marodieren führungslos durch die Strassen. Die Kriminalitätsrate steigt, die Polizeikräfte sind aufgrund ihrer Grausamkeit und Willkür gefürchtet, ihre Foltermethoden sind legendär. Die Agenten des Königs Ferdinand von Neapel haben sich vorgenommen, die Stadt bis zur Ankunft des neuen Papstes von der Plage der Demokratie zu befreien, wie es ihnen zuvor schon mit der blutigen Niederschlagung der Republik von Neapel gelungen ist. Ein Sizilianer namens Vitellio Scarpia hat sich hierbei hervorgetan, und ist nun auch mit dem Kommando der politischen Säuberungsaktionen in Rom betraut worden. Die 400 Kirchen und 250 Klöster der Stadt werden nach und nach wieder in Betrieb genommen, es finden wieder regelmässig Messen statt, die Glocken läuten den ganzen Tag, und die päpstlichen Chöre dürfen wieder geistliche Lieder singen. Die Juden müssen in die Ghettos zurückkehren und deutliche Erkennungszeichen tragen, wenn sie diese verlassen; die Pressefreiheit ist wieder aufgehoben und die Frauen werden dazu angehalten, an öffentlichen Orten Kopf und Schultern zu bedecken. Was für eine seltsame Melange aus Anarchie und Restauration, aus Chaos und erzwungener Schein-Ruhe.

Unabhängig von Jahreszahlen und historischen Fakten stelle ich mir also Toscas Rom als einen Ort im Umbruch vor. Es ist eine Stadt, die ihr inneres Gleichgewicht verloren hat, deren Achse gebrochen ist, die frei dreht, plötzlich stillsteht, dann wieder überdreht, in unterschiedliche Richtungen auseinanderdriftet, die ihre Identität und das rechte Mass verloren hat. Dabei war Rom wenige Jahre zuvor noch das touristische Zentrum schlechthin gewesen. Vor allem junge Menschen - Gelehrte, Architekten und bildende Künstler- waren in Scharen gekommen, um das kulturelle Erbe der Stadt zu besichtigen und ihr Handwerk an dem der alten Meister zu schulen.

Doch heute, am 17. Juni, an dem Floria Tosca plötzlich vor verschlossener Kirchentüre steht, weiss niemand, was die nächsten Stunden bringen werden, geschweige denn was Morgen sein wird. Es geht ums nackte Überleben. Es gibt keine Sicherheit mehr, kein Koordinatensystem, keine gemeinsamen Werte und Überzeugungen, keine Verfassung und kein bindendes Recht. Also praktisch nichts, woran man sich halten könnte. Alles kann passieren. Und es passiert dann auch.

Zu meiner persönlichen Vorbereitung gehört es unter anderem, allerlei Informationen und Gedanken zu den Hintergründen der Handlung und des Werkes zu sammeln und in meiner Phantasie neu aufzubereiten. Fakten und Fiktionen, Fragen und Interpretationen mischen sich frei miteinander. Eine phantastische Welt entsteht. Eine Welt, die es nicht gibt und auch nicht gegeben hat, eine eigene Bühnenwelt mit eigenen Gesetzen. Ich versuche weiter, in Libretto und Klavierauszug so viele Merkwürdigkeiten wie möglich zu finden, mich über alles zu wundern und Fragen zu stellen. Ich suche also nach Brüchen, Wendepunkten, Ambivalenzen und Kontrasten. Nach Situationen, die einen doppelten Boden haben. Nach Momenten und Begegnungen, in denen sich entgegen gesetzte Gefühle mischen, in denen die Handlung plötzlich die Richtung wechselt, unerwartete Biegungen macht oder in eine Sackgasse gerät. Nach Situationen, in denen man nicht auf Anhieb zu sagen weiss, was Wahrheit und was Lüge ist, was absichtsvoll oder unbewusst geschieht. Nach Realitätsbrüchen, sprich: nach Momenten, in denen die ganze Bühnenhandlung nicht mehr "echt" ist sondern gespielt. Bei Tosca lief diese Suche nun fast ein bisschen ins Leere, weil all diese Elemente ganz offen da liegen. Widersprüchlichkeiten, Störungen, Brüche und ineinander verkeilte Gegensätze sind hier überall, sie sind das dramaturgische Bauprinzip und gleichzeitig der inhaltliche rote Faden.

Ich glaube, dass der Konflikt um Weltanschauungen und Ideen bei Puccini vollkommen in die Personen und deren Interaktionen verlagert ist. Wir sehen Menschen die mit sich selber uneins sind, und denen vielleicht deshalb die ganze Empathie Puccinis gehört. Sie sind nicht identisch mit sich, sondern zerrissen. Sie sind immer ein Stück weit falsch in sich selbst und wechseln daher unvermittelt in etwas anderes hinein. Das Unverhältnismässige, das Komplizierte, das Obsessive, das Hin- und Hergerissensein, der Zweifel, die Selbstzerstörung, die Achtlosigkeit, die Weltflucht, die Gutgläubigkeit, der Idealismus, die Naivität, die Egozentrik - all die Eigenschaften, die die beiden Künstler im Stück haben,  dürfen sich ausbreiten. Puccini überprüft sie in einem rechtfreien, existentiell bedrohlichen Raum. Er wirft sie ohne Vorwarnung in einen grausamen Kontext hinein und setzt sie – urplötzlich - Missbrauch und Gewalt aus. Der Sturz aus dem halbwegs gesicherten Alltag. Aus dem Liebesspiel in die sadistisch amoralische Scarpia-Welt und dessen Spiele. Die Begegnung der Sinnsucher mit einem, der keinen Sinn mehr kennt. Eine Art schreckliche Bewährungsprobe für zwei scheinbare Egoisten. Die sie auf erschütterndste Weise meistern und dabei doch alles verlieren.

St.Galler Tagblatt

Aus dem «shabby little shocker» freilich wird bei Alexander Nerlich und Bühnenbildner Stefan Mayer passend zum Ausgangspunkt der Handlung - der leeren, reichlich düster wirkenden Kirche Sant' Andrea della Valle - eine Passionsgeschichte. [...]  Auf Schritt und Tritt ist Heuchelei im Spiel, kaum ein Gebet, das inbrünstig gesprochen würde. Bis auf eine Ausnahme: Toscas ergreifendes «Vissi d'arte». Katia Pellegrino singt es kniend vor dem Orchestergraben, in weiten Bögen - zum Niederknien schön. [...] Überragend ist Stefano La Colla als treuherziger Künstler und Sponti Revolutionär Cavaradossi. Spätestens bei den feurigen «Vittoria!»-Rufen ist er restlos aufgetaut; schluchzerfrei, mit geschmeidigem, heldisch auftrumpfendem Tenor [...] Das Premierenpublikum quittierte die musikalisch dichte, sängerisch überzeugende Produktion mit reichlich Applaus. Anhaltend, uneingeschränkt.

Südostschweiz

In der Premiere vom Samstag sang die italienische Hälfte der Doppelbesetzung, und damit ist nicht bloss die Herkunft der Solisten gemeint, sondern auch die Art, wie sie Puccinis grosse Linien mit viel vokaler Kraft, exzessiver Gestik, Schluchzern und Portamenti aufgeladen haben. Zu Puccini passt das wie kaum zu einem anderen Komponisten, und wenn man über eine so beneidenswert intakte, helle und strahlkräftige Tenorstimme verfügt wie Stefano La Colla, dann kann man die Lust nachvollziehen, Cavaradossis weit gespannte Linien bis zum Exzess auszukosten.

oper aktuell

Er (Stefano La Colla) singt einen Cavaradossi voll leuchtend tenoraler Strahlkraft, biegsam, leidenschaftlich, für die Revolution und auch
für die Liebe entflammend, trotzig Scarpia die Stirn bietend, sich über Toscas Eifersucht mokierend. Stefano La Colla ist das vokale Ereignis dieser
Premiere! Durch Mark und Bein gehen seine Beistandsbezeugung gegenüber dem verfolgten Angelotti (La vita mi costasse, vi salverò) im ersten Akt und seine triumphalen Vittoria-Rufe im zweiten Akt. Voller Wehmut gestaltet er wunderschön weich phrasierend die erwähnte Romanze im dritten, mit schwärmerischem Wohlklang die Arie Recondita armonia im ersten Akt, in welcher er die Vereinigung der reizvollen Schönheit der betenden Unbekannten mit der feurigen Ausstrahlung seiner Floria Tosca in der Kunst besingt. [...] Katia Pellegrino singt eine grossartige, differenzierte Tosca. Sie verfügt mit ihrer interessant timbrierten Stimme über vielerlei Ausdrucksmöglichkeiten, meistert die grossen, dramatischen Ausbrüche in der Auseinandersetzung mit Scarpia ebenso mühelos wie die träumerische Leichtigkeit des Ariosos vom Häuschen im Grünen im ersten Akt. [...] Als Scarpia erlebt man Alfredo Daza. Mit seiner markanten Baritonstimme porträtiert er diesen notgeilen, schleimigen und mit eigennütziger, rücksichtsloser Brutalität über Leichen gehenden Machtmenschen mit zwar ekelerregender, aber beeindruckender Intensität.

Südkurier

Gastregisseur Alexander Nerlich hält sich eng an das Libretto der Oper, vermeidet vor allem jede plakative Aktualisierung des Werks. Doch in der Kirche arbeitet Cavaradossi nicht an einem Madonnenbild, sondern an der Marmorskulptur einer monumentalen, halb knienden, halb auf dem Gesicht liegenden Maria Magdalena. Die Rückwand der Kirche öffnet und schließt sich in Kreuzform, hinter der gleißendes Licht aufscheint, und der Künstler, auf Befehl des Polizeichefs Scarpia aufs Grausamste gefoltert, trägt eine Dornenkrone, als er seiner Geliebten vorgeführt wird. Passionssymbolik, doch in diesem Zusammenhang wohl eher Zeichen für die blasphemische Verlogenheit der Gesellschaft, in der zur Schau getragene Frömmigkeit und erbarmungslose Grausamkeit sich keineswegs ausschließen. [...] Der szenischen Präsenz der Darsteller entspricht vollauf ihre stimmliche Dominanz: Kraftvoll, von äußerster Feinheit und Getragenheit bis hin zu schneidender Schärfe sich wandelnd Toscas Sopran, strahlend und wandlungsfähig der Tenor des Cavaradossi, selbst in hohen Lagen völlig unangestrengt, warm im Grundcharakter, doch durchwoben von einem Klang, der sich allen Facetten seines Charakters geschmeidig anpasst. [...] Ebenfalls hervorragend besetzt sind die zahlreichen kleineren, zum Teil fast stummen Rollen: Wenn Riccardo Botta als Polizeiagent Spoletta, Andrzej Hutnik als Schließer, David Maze als Mesner auftreten, löst allein ihre Anwesenheit ein Frösteln aus. Überaus differenziert die Chöre (Einstudierung: Michael Vogel) und der Kinderchor (Terhi Kaarina Lampi). Wesentlichen Anteil an der ebenso differenzierten wie packenden Aufführung hat schließlich das Sinfonieorchester St. Gallen. Gastdirigent Michael Balke arbeitet die oft scharfen, ja schneidenden Kontraste präzis heraus, spitzt sie bisweilen bis zur Schmerzgrenze zu

anzeiger

Ein hinreissender Abend am Theater St. Gallen: Puccinis Oper «Tosca». Grossartig die Italienerin Katia Pellegrino in der Hauptrolle, leidenschaftlich, wild, zart, zu Tränen rührend in ihrer grossen Arie. Kongenial Stefano la Colla als Cavaradossi. [...] Die schwelgerische Musik wird souverän gespielt vom verjüngten Sinfonieorchester unter Leitung von Michael Balke. Regisseur Alexander Nerlich inszeniert nah am Original, temporeich und bewegt im Spiel (Choreographie Jasmin Hauck). Grosse Gefühle, starke Bilder (Ausstattung Stefan Mayer, Christof Cremer, Licht Michael Bauer). So berührend und spannend kann Oper sein!