Restmüll
Kinderstück von Ko van den Bosch [8+]
«Ich hatte keine Ahnung, dass unser Sofa innendrin bewohnt wird…» Boris
Gustaf und Boris hausen ohne Eltern im Wohnzimmer. Die waren mit einem Mal irgendwann weg. Seitdem sammelt Boris draussen alles, was auf die Eltern hinweisen könnte. Seinem älteren Bruder geht er damit richtig auf die Nerven. Als die beiden eines Tages vom hauseigenen Sofa verschluckt werden, machen sie eine erstaunliche Entdeckung: Da sitzt ihr Vater, der sich nach dem Tod der Mutter aus Überforderung einfach verkrochen hat. Jetzt gilt es, alles zu versuchen, um den Sofamann wieder zu einem Papa zu machen.
«Restmüll» ist ein freches und sensibles Stück des Niederländers Ko van den Bosch. Für Jungs, die sich mit Brüdern rumschlagen, für Väter, die nicht immer perfekt sind und für alle, die schon immer ins Innere eines Sofas wollten.
- Inszenierung Teresa Kolbe
- Ausstattung Noemi Stoll
- Musik Bubble Beatz
- Boris Julian Sigl
- Gustaf Oliver Losehand
- Hermann Alexandre Pelichet
BORIS Guck doch mal, ein Handschuh.
GUSTAF Fieses Ding.
BORIS Lag auf der Straße, und alles Mögliche fuhr drüber hinweg, Lastwagen, Fahrräder,
Mal lag er auf der einen,
dann wieder auf der anderen Straßenseite.
Ich hab mich auf den Bordstein hingehockt und geguckt.
Dann fing es an zu regnen,
und alles wurde zu Matsch,
und der Handschuh lag da einfach auf der Straße,
und ich bekam Mitleid.
GUSTAF Mitleid, mit so einem fiesen Ding?!
BORIS Ja, irgendwann war er bestimmt mal schön, mit einer Hand drin,
die er in der Kälte wärmte.
Ich musste an unsere Eltern denken.
Vielleicht liegen sie auch irgendwo verloren
im Regen oder im Matsch,
vielleicht fahren schwere Lastwagen über sie drüber.
GUSTAF Glaubst du etwa wirklich, dass die zwei wunderbaren Menschen,
die mich gezeugt haben, sich auf einer öffentlichen Straße ein bisschen in den Matsch legen
und sich von Lastwagen überfahren lassen. Denk doch mal nach.
BORIS Vielleicht ist es eine Spur.
Und ein Stückchen weiter liegt der andere Handschuh.
Und hundert Meter weiter ein Schuh oder ein Strumpf.
Und eine Tagesreise weiter vielleicht sogar ein Stückchen rotes Kleid oder blaue Luft.
Und wenn du dann noch weiter suchst,
hinter den Wäldern, wo es dunkelgrün und still ist,
liegt da vielleicht sogar das eierschalenfarbene Kostüm in Stücken,
und an den Zweigen hängt die Sternennacht.
Und wenn du noch weitergehst, findest du vielleicht ...
GUSTAF Brot?
BORIS Was?
GUSTAF Hast du Brot mitgebracht?
Weißes Toastbrot ... in ordentlich geschnittenen Scheiben.
BORIS Brot ...
GUSTAF Ich verlange wirklich nicht viel ...
Ich meine, du lungerst ständig draußen rum,
während ich hier alles regeln muss. Alles, Boris. Hast du eine Ahnung, wie viel das ist?
ALLES regeln ist RICH-TIG viel. Und versteh mich nicht falsch: Ich tu’s auch.
Weil ich der Älteste bin und mich erwachsen benehme,
aber du könntest AUCH ein bisschen mithelfen und statt nasser Handschuhe einfach Brot holen.
Aber nein.
Nach draußen gehen, sich einen schlammigen Handschuh angucken und MITLEID bekommen.
Boris, ich finde es nicht schlimm, dass ich einen Bruder habe, aber warum muss er so
gottserbärmlich DUMM sein.
(Stückauszug aus Restmüll von Ko van den Bosch)


