Nathan der Weise
Dramatisches Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing
«Tretet ein, denn auch hier sind Götter.» Heraklit
Jerusalem, religiöses Zentrum des Christentums, Judentums und Islams im 12. Jh. Der Jude Nathan ist soeben von einer Reise zurückgekehrt als er erfährt, dass seine Tochter Recha nur durch die Hilfe eines christlichen Tempelherrn bei einem Brand gerettet werden konnte. Dieser war bei einem Kreuzzug gefangen genommen, jedoch vom Sultan Saladin begnadigt worden. Wenig später bittet der Sultan Nathan zu sich und stellt ihm die Frage: Welche der drei Religionen die wahre sei? Als Jude einem Muslimen darauf antworten zu müssen, erscheint Nathan eine nahezu unlösbare Aufgabe. Doch dann erzählt er von einem Vater und seinen drei Söhnen, denen er einen Ring zu vermachen hatte…
Die berühmte Ringparabel des Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing ist ein eindrucksvolles Gleichnis für gegenseitige Toleranz der Religionen.
Vor den Vorstellungen am 26.02. gibt es eine Einführung sowohl um 14:00 Uhr, als auch um 19:00 Uhr.
Am 11. März 2012 findet im Anschluss an die Vorstellung ein Expertengespräch statt.
Ausgangspunkt der Gesprächsrunde wird die Ringparabel sein: Lesssings Plädoyer für ein tolerantes Miteinander der Religionen. Wie aktuell ist dieser Gedanke heute noch? Oder haben sich die Grenzen und Mauern zwischen den Menschen im 21. Jahrhundert sogar verstärkt? Ausgehend von der aktuellen Inszenierung des Stücks diskutieren wir einige zentrale Fragen mit Vertretern unterschiedlicher Religionen und Wissenschaftlern. Mit uns am Podium sind:
Helmut Kramer, Hamburg, Agnostiker. Verstandsmitglied des KORSO Koordinationsrat säkularer Organisationen, Deutschland
Franz Kreissl, Bischöfliches Ordinariat, Leiter Amt für Pastoral und Bildung
Jens Mayer, Pfarrer, Beauftragter für Mission, Ökumene, interreligiösen Dialog und Entwicklungszusammenarbeit der Evang.-ref. Kirche des Kantons St. Gallen
Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems
Rifa’at Lenzin, Islamwissenschaftlerin und Publizistin
Alois Riklin, Politikwissenschaftler, Professor im Ruhestand und ehemaliger Rektor der Universität St.Gallen, Mitherausgeber des Buches "Die Ringparabel und das Projekt Weltethos".
Moderation: Tim Kramer, Schauspieldirektor des Theaters St.Gallen und Regisseur der Inszenierung sowie Karoline Exner, Schauspieldramaturgin.
Die Vorstellung dauert von 17.00-20.00h; die anschliessende Diskussion dauert ca. 60 Minuten.
Diese Produktion wird in grosszügiger Weise unterstützt von BMR, Mörschwil und der Ostschweizer Stiftung für Musik und Theater
- Inszenierung Tim Kramer
- Bühne Gernot Sommerfeld
- Kostüme Natascha Maraval
- Musik Heinz Fallmann
- Daja Diana Dengler
- Recha Hanna Binder
- Sittah Boglárka Horváth
- Nathan Marcus Schäfer
- Tempelherr Julian Sigl
- Saladin Oliver Losehand
- Al Hafi David Steck
- Klosterbruder Anselm Lipgens
- Patriarch Bruno Riedl
Der Junge war zwölf Jahre alt, als er in der Aufnahmeprüfung seiner Schule sass. Verlangt war eine lateinische Übersetzung über den Einfluss des Christentums bei der Überwindung antiker Vorurteile gegenüber barbarischen Völkern. Als nach getaner Arbeit noch Zeit übrig blieb, fügte er aus eigenem Antrieb (offenkundig schon damals von erstaunlicher Unerschrockenheit, Scharfsinnigkeit und Wortgewandtheit) einige wohlgesetzte Sätze hinzu – auf Latein wohlgemerkt:
Es sei barbarisch, zwischen den Völkern einen Unterschied zu machen, da doch alle von Gott geschaffen und mit Vernunft ausgestattet worden seien; besonders Christen gezieme es, den Nächsten zu lieben; Christus zufolge sei derjenige der Nächste, der unserer Hilfe bedürfe, und – so folgerte er – da wir alle der Hilfe der anderen bedürften, seien wir alle untereinander Nächste.
„Deshalb wollen wir die Juden nicht verurteilen, obwohl sie Christus verurteilt haben“ forderte der Zwölfjährige, „wollen wir die Mohammedaner nicht verurteilen; auch unter Mohammedanern gibt es anständige Menschen“. „Schliesslich ist niemand ein Barbar, ausser der inhuman und grausam ist“.
Merkwürdig ist es schon, welch innere Stetigkeit sich mit solchen Sätzen im Leben dieses äusserlich Unsteten abzeichnet. Man hätte sie als Motto seines allerletzten Dramas erwarten können, dessen Aufführung er nicht mehr erlebte. Aus dem spielend leicht lernenden Knaben, der in einem zwar toleranten, aber hochorthodoxen sächsischen Pfarrhaus im Januar 1729 geboren wurde und der 1781 – im Jahr von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ – starb, war der gefürchtetste Literaturkritiker seiner Zeit und zugleich ihr einfalls- und ideenreichster Dramatiker geworden: Gotthold Ephraim Lessing.
(Quelle: Hans Küng, in: Die Ringparabel und das Projekt Weltethos, Wallstein 2010)
St.Galler Tagblatt
«Besonders auch, weil Marcus Schäfer dem Nathan starke Konturen gibt, der Bürde seiner Rolle in jedem Augenblick mehr als gewachsen ist. Mag er im Businessanzug vermeintlich austauschbar daherkommen, so zeigt er sich doch am verletzlichsten als Vater, als Mensch. Natürlich leicht geht ihm der Blankvers über die Lippen: nie wirkt das deklamiert - was im übrigen für das gesamte Ensemble gilt. Sei es Hanna Binder als unsentimentale Recha, Oliver Losehand als Saladin, sei es der Tempelherr, den Julian Sigl geradezu hyperaktiv Sturm laufen lässt in Liebes- und Glaubensdingen, oder Diana Dengler als Schicksal spielende Daja: Sie fächern die Skala an Komödientypen weit auf, bis hin zur Witzfigur des Patriarchen, für die ein vergeistigter Professor (Bruno Riedl) in roter Pelerine einspringen muss.»
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Vorarlberger Nachrichten
«Die finale familiäre Umarmung der Protagonisten verschiedener Religionen wird hier durch gegenwärtige Gewalt behindert bzw. aufgeschoben. Die Hauptfigur liest den Text zu Ende. Die Botschaft Lessings ist weiterhin zu verbreiten, vermittelt ein souveräner Marcus Schäfer frei von Pathos und energiegeladen wie die gesamte Truppe, die das Publikum heftig beklatscht.»
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Südkurier
«Diese Stimmigkeit der Inszenierung von Tim Kramer überträgt sich auch auf das Spiel des ganzen Ensembles. Marcus Schäfers Nathan stünde das mönchisch ernste Gewand eines Weisen so schlecht wie Oliver Losehands Saladin die Prachtsrobe eines Sultans; beide sind sie Menschen mit ihren Zweifeln, ihren Fragen und Ungewissheiten, bedächtiger und fürsorglicher der eine, seines Throns und seiner Macht scheinbar überdrüssig und doch an ihnen hängend der andere.»
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