La damnation de Faust
Oper von Hector Berlioz
«O Erde, die für alle blüht, nur nicht für mich!»
Beim Sonnenaufgang preist Faust die Schönheit des anbrechenden Frühlings und den Frieden der Natur. Als er später in seiner Studierstube von Trübsinn gepackt wird, erscheint Méphistophélès, der ihm die Erfüllung aller seiner Wünsche verspricht. Faust folgt ihm und findet in Marguerites Liebe das höchste Glück. Um ihr Leben zu retten, verschreibt sich Faust seinem dämonischen Begleiter. Méphistophélès und Faust fahren zur Hölle, während Marguerites Seele in den Himmel aufgenommen wird.
Berlioz, der faszinierende Beherrscher des grossen Chor- und Orchesterapparats, evoziert in den grossen Volksszenen, im Tanz der Irrlichter, im Pandämonium des Höllenritts sowie im Gesang der Seraphim ein Tongemälde, das die Gattungsgrenzen sprengt und in der Aufführung auf dem Klosterhof seine ganze visionäre Kraft entfaltet.
- Musikalische Leitung Sébastien Rouland
- Inszenierung Carlos Wagner
- Bühne Rifail Ajdarpasic
- Kostüme Ariane Isabell Unfried
- Choreografie Ana Garcia
- Lichtdesign Guido Petzold
- Choreinstudierung Michael Vogel
- Marguerite Elena Maximova | Katja Starke
- Faust Giorgio Berrugi
- Méphistophélès Mirco Palazzi | Wade Kernot
- Tanzkompagnie des Theaters St.Gallen
- Chor des Theaters St. Gallen
- Opernchor des Theaters St.Gallen
- Theaterchor Winterthur
- Prager Philharmonischer Chor
- Sinfonieorchester St.Gallen
EIN MODELL DES KOSMOS
Der Regisseur Carlos Wagner gibt im Gespräch mit dem Dramaturgen Serge Honegger Auskunft zur Festspielproduktion auf dem Klosterhof
La damnation de Faust lebt von der Spannung zwischen den Einflüsterungen, Verlockungen und Wunschbildern des Teufels sowie der realen Welt, der Faust mit Gefühlen des Ekels begegnet. Wie setzt Du diese krassen Widersprüche szenisch um?
Da Faust selber aufgegeben hat, ist es sehr schwierig, ihn zu verführen. Jemand der nichts mehr sucht, macht vielleicht bei allem mit, aber eher aus Überdruss denn aus Leidenschaft oder Neugier. Das ist auch hier der Fall. Und deshalb hat Mephisto seine liebe Mühe Fausts Seele zu gewinnen. Aber wie es im kapitalistischen Sinn formuliert werden kann: Die Macht hat der, der Verlangen schafft. Und mit Marguerite gelingt es Mephisto, ein Verlangen in Faust zu erwecken, womit er ihn besiegt. Wir haben das Stück als eine Art Kabarett oder Gruselkabinett, als ein Varieté konzipiert, in dem Mephisto wie ein Zirkusdirektor oder Zeremonienmeister immer neue Welten «in Szene setzt», womiter Faust zu verführen versucht.
Der Platz vor der Kathedrale gibt schon sehr viel vor. Was hast Du zusammen mit Deinem Bühnenbildner Rifail Ajdarpasic für eine Lösung gewählt?
In der Tat ist die Kathedrale eine gewichtige Vorgabe. Im Fall von La damnation de Faust bildet sie glücklicherweise einen wichtigen Teil der Geschichte mit ihrem religiös-philosophischem Kontext. Unser erstes Anliegen für den szenischen Raum war es, eine Art «komplementäres Zeichen»zu setzen. Dieses soll visuell und inhaltlich eine Symbiose auf verschiedenen Ebenen mit dem Ort eingehen. Ausgangspunkt war das heutzutage allseits bekannte Himmel-und-Hölle-Hüpfspiel. Weniger bekannt ist dabei der über 4000 Jahre alte Ursprung der geometrischen Anordnung dieses Spiels. Dieser liegt nämlich in der babylonischen Astronomie und bildet als Modell den Kosmos ab, in dem neben den Planeten auch die Wendekreise Feuer (Hölle) und Wasser (Himmel) dargestellt sind. Uns schien das die perfekte Basis zu sein, um eine Räumlichkeit auf dem Platz vor der Kathedrale zu schaffen. Einerseits besitzt diese Spielanordnung eine starke assoziative Kraft, weil sie die Menschen an ihre Kindheit erinnert. Anderseits beinhaltet die Form weitreichende, metaphysische Verzweigungen, über die sich weitere Interpretationsebenen erschliessen.
In der Vorlage von Berlioz gibt es eine ganze Reihe von grossen Szenen mit Saufbrüdern, Soldatentruppen, Irrlichtern, Sylphen, Studenten und Gläubigen. Was ist das für eine Gesellschaft, die sich um Faust schart?
Ich glaube, dass diese Gesellschaft nicht real ist. In unserer Inszenierung wird Mephisto von einem Chor und Tänzern umgeben, die ihm alle als Schauspieler dienen. Je nach Szene verhalten sie sich so, wie es notwendig ist, um Faust eine neue Welt vorzugaukeln. Aber im Prinzip stellen sie immer die Armee von Mephisto dar. Um Faust, der sich zu Beginn des Stückes nach der Reinheit und Unverdorbenheit seiner Kindheit zurücksehnt, lässt Mephisto den Chor als eine Art Clowns und Narren erscheinen. Scheinbar lustige und ungefährliche Figuren, die die teuflischen Absichten von Mephisto tarnen.
La damnation de Faust ist 1846, also nur drei Jahre später uraufgeführt worden als Verdis frühe Oper I Lombardi, die letztes Jahr an den Festspielen zu sehen war. Der Charakter der beiden Werke ist aber komplett verschieden. Wie würdest Du die Handschrift von Berlioz charakterisieren?
Berlioz hat im engeren Sinne gar keine Oper, sondern eher eine Art szenisches Oratorium geschrieben. Genau wie der zweite Teil von Goethes Faust ist La damnation de Faust, wenn man das, was Berlioz vorschreibt, eins zu eins umsetzen will, eigentlich nicht inszenierbar. Für einen Regisseur ist das natürlich eine sehr spannende Ausgangslage, weil man viel kreativer mit dem Stoff umgehen kann. Es ist ein sehr surreales Stück, in dem nicht die lineare psychologische Entwicklung der Figuren im Vordergrund steht, sondern eher lose aneinander gereihte Miniaturen, die im Kontrast zueinander den Reiz des Stückes ausmachen.
Du bist bekannt dafür, sehr intensiv mit den Darstellern zu arbeiten, um die Erzählstruktur eines Werkes hervorzuheben. Welcher Handlungsfaden im Stück von Berlioz fasziniert Dich besonders? Und wo führt er Dich hin?
Ich sehe es wirklich wie eine Art Psychogramm einer Depression. Faust ist der einzige, der eine psychologische Veränderung durchmacht. Mephisto, eine viel weniger realistisch gezeichnete Figur und sein Gegenspieler, kann man als Teil von Fausts Charakter lesen. Denn ist der Teufel etwas Anderes als unsere eigene Versuchung? – In der Inszenierung möchte ich Faust als wirkliche und reale Person den allegorischen Figuren – inklusive Marguerite – gegenüberzustellen. Das wird dem Stück hoffentlich etwas Düsteres und Beunruhigendes geben. Etwas, das unsere eigenen Ängste, Schuldgefühle und seelische Grenzen erfahren lässt.


