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Gefährliche Liebschaften

Tanzstück von Matjash Mrozewski

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Zwei Intrigen in 175 Briefen und das Duell zweier ehemals Liebender im Spannungsfeld von Sexualität und Macht dienen als Vorlage für das neue Tanzstück des kanadischen Choreografen Matjash Mrozewski. Ausgehend von Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos' legendärem gleichnamigem Briefroman aus dem 18. Jahrhundert treibt der Abend den erotischen Machtkampf zwischen Marquise de Merteuil und Vicomte de Valmont auf die Spitze.
Die Musik schreibt der kanadische Film- und Theaterkomponist Owen Belton.

Ein Nachgespräch findet am Sonntag, 20. November im Anschluss an die Vorstellung statt.

Die Produktion wird in grosszügiger Weise unterstützt von

Hedy Kreier

Ort | Lokremise Zeit | 1 Stunde 10 Minuten [Tickets]

Auf eine Bratwurst mit...
Tänzerin Cecilia Wretemark

 

Ent-täuschung als Chance

Pastoralpsychologe Niklaus Knecht-Fatzer über Beziehungen und die Frage, wann Liebe gefährlich ist.

Gehen wir chronologisch vor: In der ersten Verliebtheitsphase einer Beziehung ist doch noch nichts gefährlich, oder?

In der Anfangsphase beruht eine Beziehung in erster Linie auf Projektionen, besonders wenn sie aus einer Affäre heraus entsteht und das erotische Element sehr intensiv ist. Man will einander gefallen und begegnet sich mit dem sogenannten Sonntagsgesicht. Man möchte bewundert werden und attraktiv für den anderen sein. Das ist aus biologischer Perspektive durchaus logisch, hält aber für eine langfristige Beziehung zu wenig Substanz bereit.

Was ist die Voraussetzung für eine ernsthafte Beziehung?

In der Beziehungsforschung spricht man von der Phase der Ent-täuschung. Man lernt nicht nur die Vorzüge des Gegenübers, sondern erstmals auch Schattenseiten und Grenzen kennen. In der Beziehungsdynamik ist das der Moment, an dem man anfängt die Beziehung zu ratifizieren, indem man akzeptiert, wie der andere wirklich ist. Oft findet dieser Prozess nicht gleichzeitig, sondern zeitlich verschoben statt, sodass es zu Kommunikationsproblemen aufgrund unterschiedlicher Erwartungshaltungen kommt. Die Phase der Ent-täuschung ist also ein grosser Knackpunkt, aber auch eine grosse Chance. Das ist die berühmte Beziehungsarbeit.

Wenn Beziehung Arbeit macht, ist das also nicht gefährlich?

Im Gegenteil. Sie kann sogar eine Bereicherung sein. Natürlich für die Beziehung, aber auch für die eigene Persönlichkeit. Denn eine Auseinandersetzung mit meinem Partner oder meiner Partnerin ist auch eine Auseinandersetzung mit mir selbst und kann zu einem Wachstums- und Reifungsprozess führen. Allerdings läuft dieser nicht immer harmonisch ab. Im Moment, in dem die Masken fallen, sind die meisten erstmal schockiert. Und danach wird sich herausstellen, ob ich glaube, das mein Gegenüber die Mühe wert ist, die Herausforderung anzunehmen, das Projekt 'Beziehung' einzugehen.

In einer Beziehung bleiben unterschiedliche Ansichten und Erwartungshaltungen nicht aus. Wie geht man mit ihnen um?

Man muss sie einander zugestehen. Gefährlich wird es, wenn man die Handlungen des anderen auf sich bezieht. Ein Beispiel: Es läuft gerade nicht gut in Ihrer Beziehung und Ihr Partner kommt eine halbe Stunde zu spät zu einem vereinbarten Treffen. Da brennt die Hütte. Sie beginnen zu denken: 'Würde er mich lieben, würde er sich Mühe geben', und stellen die Beziehung damit sofort grundsätzlich in Frage. Der Partner oder die Partnerin ist einer extremen Überforderung ausgesetzt, jede Handlung im Fokus auf das Gegenüber zu tätigen.

Übt man diesen Druck auf jemanden aus, weil man sich Bestätigung wünscht?

Bestätigung und Symbiose. Viele glauben, ideale Beziehungen sind symbiotisch. Aber eine gesunde Beziehung braucht vor allem Eigenständigkeit. Mein Partner oder meine Partnerin kann mich nicht in allem erfüllen. Ich darf die Verantwortung für mein persönliches Glück nicht an jemand anderen abgeben.

Ein gesundes Mass an Autonomie ist also notwendig für den Erfolg langfristiger Beziehungen?

Auf jeden Fall. Gefährlich wird es nur dann, wenn Selbstbestimmung zu Unverbindlichkeit führt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die heutige Generation zwischen 20 und 30 in ihrer Kindheit so viele gescheiterte Beziehungen erlebt hat wie keine andere. Das prägt und wir wissen noch zu wenig über die Konsequenzen. Die Erwartungen an Beziehungen sind heute höher denn je. Dieses Idealbild von Partnerschaft, Ehe und Familie kann kaum erfüllt werden. Unverbindlichkeit kann die Folge sein.

Der Grund für hohe Scheidungsraten ist also ein fehlendes Vertrauen in die Liebe?

Ein Stück weit ja. Viele glauben nicht daran, dass Beziehungen gelingen können. Man ist misstrauisch und erwartet zu viel von sich selbst. Viele wollen zum Beispiel perfekte Eltern sein. Aber nur schon ein halb guter Vater oder eine halb gute Mutter kann ein fantastischer Vater oder eine fantastische Mutter sein. Das muss man akzeptieren. Beziehungen sind möglich, aber man muss lernen...

...die Ansprüche herunterzuschrauben?

Ansprüche sind wichtig. Aber je mehr Ansprüche man hat, desto mehr muss man arbeiten. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Viele Leute glauben, wenn man verliebt ist, ergibt sich alles andere irgendwie. Aber es ergibt sich nicht. Man muss etwas dafür tun. Und man hat auch etwas davon, nämlich Verbindlichkeit. Jemanden, der hinter einem steht, der zwar Fragen, aber nicht grundsätzlich in Frage stellt.

In Frage stellt Madame de Tourvel nicht nur Valmont, dessen Intrige sie zum Opfer gefallen ist, sondern auch sich selbst. Das macht sie zu einer besonderen Figur des Romans. Sie klagt nicht nur ihn an, sondern reflektiert auch ihr eigenes Handeln. In einem Brief an Valmont schreibt sie: "Ich erkenne an und gestehe, dass es verkehrt von mir war, zu ihnen dasselbe Vertrauen zu fassen, dessen Opfer vor mir so viele andere waren. In der Beziehung klage ich nur mich an. Aber wenigstens glaube ich nicht verdient zu haben, dass sie mich der Verachtung und der Beleidigung ausliefern."

Ähnliche Sätze habe ich oft in Seminaren gehört, die sich mit dem Thema Trennung beschäftigten. Nach einer gescheiterten Beziehung ist es wichtig, das Geschehen nicht zu verdrängen, sondern in das weitere Leben zu integrieren, damit es mich nicht irgendwann einholt. Solange ich dem ehemaligen Partner oder der ehemaligen Partnerin die Schuld an meinem Unglück gebe, gebe ich Verantwortung ab und bin nicht selbstbestimmt. Diese Madame de Tourvel erteilt Valmont zwar keine Absolution, aber sieht auch eine Teilschuld bei sich, indem sie sagt: Ich war auch blöd. Etwas literarischer ausgedrückt.

Das Gespräch führte Deborah Maier

St.Galler Tagblatt

Matjash Mrozewski hat sich von der berühmten Vorlage zu einem dichten, in Bewegung übersetzten Tanzstück inspirieren lassen und es zusammen mit der St. Galler Kompanie entwickelt. Nicht narrativ, nicht als linear geführtes Handlungsballett - dazu wäre der Roman viel zu verschachtelt und zu reich an Figuren. Sondern kaleidoskopartig, als assoziative Tändelei mit dem Stoff. Wie viele Herzen dabei aus purer Spiellust zerbersten, macht das Sound-design von Owen Belten leitmotivisch deutlich: Das Geräusch klirrenden, splitternden Glases durchzieht das Stück. Es klingt mit in der Musik für Cembalo von Jean-Philippe Rameau, es passt zu den Kristalllüstern, die von der Decke herabhängen. Darunter mischen sich Getuschel und Gelächter. Wie Pfeile schnellen die Blicke der Tänzer kreuz und quer über die quadratische Tanzfläche. Von vier Tribünenseiten schaut das Publikum in der Lokremise auf die Figuren dieses Intrigenspiels wie Sonnenkönig Louis XIV auf Irrläufer im Labyrinth. Zwar treten einzelne Figuren erkennbar in Erscheinung, allen voran Valmont (David Schwindling) und die rachsüchtige Marquise de Merteuil (Cecilia Wretemark). Die anderen Rollen, Madame de Tourvel, Céile, der Chevalier Danceny, geistern in der Kompanie herum, suchen sich wechselnde Verkörperungen - was die Partie noch spannender, Amors Attacken noch willkürlicher macht. Unter den neuen Gesichtern in der Kompanie haben Jens Trachsel, Alberto Terribile und Genevieve O'Keeffe charakterstarke Szenen; empfindsame Facetten zeigen Robina Steyer und Stefanie Fischer. Vor allem aber lebt das Stück von der unberechenbaren Dynamik in den Ensembles, der eleganten Schroffheit, mit der flüchtige Begegnungen hingeworfen werden. Buchstäblich. Mit Zeichen geizt Ausstatter Dieter Eisenmann ebenso wenig wie Owen Belton mit akustischen Interpretationshilfen und Benedikt Zehms Lichtdesign. Ob unbarmherzig weisses Licht, Stroboskopeffekte oder Kerzenschein: Jede Stimmung wird unmissverständlich ausgeleuchtet. Zu Beginn ist das Bühnenquadrat mit kleinen Amoretten vollgestellt; Florett und Cembalo sind später mehr als Requisiten. Die Tänzer hätten sie nicht nötig; ihre Blicke und schnellen paarweisen Attacken, die Annäherungs- und Fluchtversuche sind eloquent genug. Sie entfalten sich in scharf geschnittenen Szenen und Episoden; aus diesen setzt sich nach und nach ein schillerndes Ganzes zusammen.

Wie ein Liebesbrief reine Körperpoesie wird, der Klang der Worte und Sätze geschmeidig in die Zehenspitzen geht, sich biegt, ausschwingt und verspielt dreht, das offenbart sich mitten im Stück in einem verblüffenden Sprechsolo von Lorian Mader. Zu einem Zeitpunkt, in dem das Publikum, begierig auf physisch plausible Bezüge und Beziehungen, schon reichlich Text gehört hat. Immer wieder lässt Matjash Mrozewski die Tänzerinnen und Tänzer zum Mikrophon greifen und Splitter aus den Briefen des Romans rezitieren. Wobei der Tonfall immerhin angenehm pathosfrei und ungekünstelt ist, zeitgeistig nüchtern. Diese Passage jedoch fällt kunstvoll aus dem Rahmen und erprobt überzeugend eine raffiniertere Spielart des manchmal recht plakativen Tanztheaters. Hier springt der Text nicht um einer «Geschichte» willen in die Bresche. Vielmehr verkörpert er sich ganz und gar -und zieht Mittänzer und Publikum in seinen Bann.

SDA

Der weisse Tanzteppich, die gläsernen Kronleuchter und das barocke Cembalo in der Lokremise verheissen nur vordergründig eine unschuldige Atmosphäre. Die Tanzfläche wird zur Arena, auf der die Tänzerinnen und Tänzer der Tanzkompanie des Theater St. Gallen ihre Kämpfe ausfechten, etwa im vermeintlich heiteren Kussspiel, das tödlich enden kann. Das Tanzstück in der Neukomposition von Owen Belton trumpft mit grossen Gefühlen auf: Liebe, Verachtung, Hass, Eifersucht, Unterwerfung, Enttäuschung und schliesslich Zerstörung. Das Publikum ist hautnahe dabei, wenn die Darsteller ihre tänzerischen Machtspiele aufs Parkett bringen.

Dem kanadischen Choreografen Matjash Mrozewski ist mit seiner Interpreationen von "Gefährlichen Liebschaften" eine modernisierte Sicht auf den Barock gelungen. Er lässt den Tänzerinnen und Tänzern viel Spielraum für Improvisation. Auch werden immer wieder die Geschlechterrollen aufgebrochen: Starke Frauen, die sich nicht unterdrücken lassen und nach Freiheit streben, messen sich in kraftvollem Tanz mit ihren männlichen Gegenspielern.