Codex
Tanzstück von Marco Santi
Welcher Code hält das Universum zusammen? – In den verschiedenen Räumen der Lokremise legt das neue Tanzstück von Marco Santi ganz unterschiedliche mathematische und künstlerische Muster frei. So kommentiert beispielsweise die live gesampelte Musik von Roderik Vanderstraeten die auf Zahlenfolgen aufbauenden, visuellen Muster der Choreografie in jeder Aufführung mit einer neuen Kombination aus musikalischen Bausteinen. Erschliesst sich durch den so geschaffenen Zufall eine verborgene Ordnung? Beinhalten die Zahlen und Formeln doch eine letztgültige Wahrheit? - Kunst ist nicht durch Logik bestimmt, sondern erzeugt Lücken und reisst Löcher in die von uns geschaffenen Strukturen. – Der perfekte Code liegt möglicherweise in der Summe aller Zufälle.
- Choreografie Marco Santi
- Musik Roderik Vanderstraeten
- Bühne Katrin Hieronimus
- Kostüme Katharina Beth
- Video Kristian Breitenbach
- Licht Rolf Irmer
- Ton Marco Mathis
- Choreografische Assistenz und Abendspielleitung Linda Magnifico
- Dramaturgie Serge Honegger
- Tanzkompagnie des Theaters St.Gallen
Codex beschäftigt sich mit dem goldenen Schnitt, den unendlichen Zahlenreihen und dem berühmten, das Chaos auslösenden Schmetterlingsflügelschlag. Grosse Themen verlangen grosse Räume, weshalb der Choreograf Marco Santi das Tanzstück nicht nur im Theatersaal, sondern auch in Museum, Kinok und Lokal spielen lässt zu elektronischer Livemusik von Roderik Vanderstraeten. Im Gespräch mit dem Dramaturgen Serge Honegger berichtet Marco Santi von seiner Entdeckungsreise in die Zahlenwelt.
Wie bist Du darauf gekommen, über ein mathematisches Thema ein Tanzstück zu kreieren? Dieser Bereich ist doch vielen, die mit der Zahlenwelt so ihre liebe Mühe hatten oder haben, nicht ganz geheuer . . .
Ich habe 1997 in Stuttgart eine Ausstellung gesehen mit dem Titel Die Magie der Zahlen. Dort habe ich realisiert, wie vielseitig und faszinierend das Thema in der Kunst umgesetzt wird. In der Mathematik gibt es viele Bereiche, die das Gegenteil von abstrakten Formeln und abgehobenen Theorien darstellen.
Welche Rolle spielen denn Codes und Zahlenreihen im Tanz?
Eine grosse! Drehungen, Spiralformen und das Zählen von Takten und Schritten sind omnipräsent. Man darf nicht vergessen, dass die ganze Erdbewegung auf einem einzigen Drehen aufbaut. Die Welt kreist um die Sonne, die wiederum Teil einer noch grösseren Drehung des Universums ist. Natürlich kommen Abweichungen vor, die ganz besonders spannend sind. Aber im Prinzip bildet dieses genau austarierte Gefüge ein Lebensprinzip ab, das sich in Zahlen beschreiben lässt. Tatsuo Miyajima hat es auf eine wunderbare Weise in seiner Installation im Ausstellungsraum des Kunstmuseums umgesetzt.
Wie würdest Du Dein ganz persönliches Verhältnis zur Mathematik beschreiben?
Für mich strahlt die Mathematik zwar eine gewisse Kälte aus. Aber was mich fasziniert, sind die Muster, die die Zahlen beschreiben. Ein Beispiel: Wenn wir im Tanz eine Form entwickeln, die auf 2 oder 3 oder 8 Zählzeiten aufbaut, ergibt sich automatisch ein bestimmter Rhythmus, eine Struktur. Diese lässt sich entziffern, durchbrechen oder kombinieren. Vom Einfachen kommt man unweigerlich zu ganz komplexen Formen bis an den Rand des Chaotischen, wofür es vielleicht gar keine Formel mehr gibt . . .
Du hast in einer der letzten Proben gesagt, dass der Mensch unweigerlich Muster erschaffe. Wie hast Du das gemeint?
Um unser Leben zu organisieren, kreieren wir unweigerlich verschiedene Ordnungen. Das fängt bei der Mülltrennung an, geht in der Besteckschublade weiter und hört auch noch nicht beim Tanzen auf. Ohne Muster wären wir verloren. Auch unser eigener Name ist schliesslich ein Muster, ein Code. Er lässt sich als Nummer abbilden, indem man jedem Buchstaben eine Zahl zuordnet und diese addiert. Im Stück setzen sich alle Tänzerinnen und Tänzer mit ihrer eigenen Ziffer auseinander. Sie übersetzen sie in Bewegung und interpretieren sie mit dem Körper.
Enthüllen die Zahlen etwas Wahres über uns, das sonst verborgen bliebe?
Ob wir wirklich von einem bestimmten Code beeinflusst werden, weiss ich nicht. Vieles sieht nach Zufall aus, aber wenn man bedenkt, dass jedes Chaos seine verborgene Ordnung hat, dann könnten die Zahlen und Formeln doch mehr Wahrheit beinhalten, als wir gemeinhin denken. Das Schwierige ist es, den richtigen Code zu entziffern.
Wie lautet Dein Code?
Sieben! – Zufällig ist die Sieben auch gleich meine Lieblingszahl, vielleicht ist da aber auch ein mathematisches Gesetz im Spiel . . .
sda
«Zu einem wirbelnden Crescendo wird der Tanz im Theater. Weisse Pappwürfel spielen die wichtigste Nebenrolle, werden zu Türmen aufgeschichtet, gestürzt, umtanzt bis zum Chaos - mit noch unentschlüsseltem Code.»
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St.Galler Tagblatt
«Nach einem frechen Abstecher zum reptilgemusterten Sofa im Foyer, auf dem sich David Schwindling zur nostalgischen RAI-Tanzshow schlangenartig räkelt, beginnt der «Codex»-Countdown beidseits der Mauer, die im Südflügel aus den Würfeln errichtet ist: Stimmen- und Sprachengewirr, Mikrophone, Hellraumprojektoren und Folien mit Spiralen und wohlproportionierten Körpern - da fordert die verborgene Theorie noch einmal mit Wucht die Anschauung heraus. Umso spannender erscheint das finale Gewitter des Stücks: Fliegende, hart aufprallende Tänzerinnen und Tänzer, erbittertes Bauen und Kippen, Werfen und Verwerfen; das Gesetz wachsender Unordnung scheint entfesselt in tänzerischer Schwerstarbeit. Die dennoch leichthin mit uns spielt und rechnet.»
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