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Oktober 2017
Sonntag
17 Uhr
Nabucco
Oper in vier Teilen von Giuseppe Verdi
Einführung um 16.30 Uhr im Studio

Inhalt

Kaum ein Komponist vereint Kunstästhetik und Volksbegehren so geschickt wie Giuseppe Verdi in seinen frühen Opern. Zur Zeit der italienischen Freiheitsbewegung beauftragte ihn der Impresario Bartolomeo Merelli, eine Oper für die Mailänder Scala zu schreiben, mit der Verdi 1842 über Nacht berühmt wurde. Der Gefangenenchor ‹Va pensiero› aus Nabucco wurde zu einer Hymne für die italienische Bevölkerung, die sich in ihren Revolutionsgedanken, Italien von der Fremdherrschaft zu befreien, bestärkt sah. Verdi legt bei der Erzählung des biblischen Stoffs um den babylonischen König Nabucco und seine Tochter Abigaille, die ihm die Herrschaft streitig macht, Wert auf eine schlüssige Szenendramaturgie, die das damalige konventionelle Modell loser, aneinandergereihter Nummern überwindet.

«Zieh, Gedanke, auf goldenen Flügeln.»

Besetzung

Zugabe

«Choroper durch und durch!»
Hermes Helfricht über Nabucco und seine erste Musikalische Leitung am Theater St.Gallen
Seit dieser Spielzeit ist Hermes Helfricht nun Kapellmeister am Theater St.Gallen und hat bereits Opernproduktionen wie Le nozze di Figaro und Tosca sowie die Konzertprogramme Romeo und Julia von Sergei Prokofjew und Hamlet_Tonhalle mit Musik von Dmitri Schostakowitsch dirigiert. Sein Vordirigat für die Stelle war mit Eugen Onegin ein Debüt für ihn. Mit Verdis Nabucco folgt nun gleich das nächste.
Was ist das Besondere für Sie an Ihrer ersten eigenen Musikalischen Leitung?
Bei einer Repertoire-Übernahme muss man sich auf das Konzept einstellen, das Sänger und Orchester bis dahin einstudiert haben, da hat man nur bedingt Gestaltungsspielraum. Bei Nabucco kann ich meine Vorstellungen jetzt viel besser umsetzen und mit Sängern und Orchester von Anfang an zusammenarbeiten.
Was sind denn ≪Ihre Vorstellungen≫?
Nabucco ist Verdis dritte Oper. Er hat sie mit 29 Jahren geschrieben. Verglichen mit den beiden Werken davor und den Arbeiten danach ist Nabucco sehr fortschrittlich. Verdi hat vieles ausprobiert, Klangstimmungen ausgetestet, unter anderem Soloinstrumente wie das Englischhorn oder die Cellisten als vielstimmige Solo-Gruppe hervorgehoben. Sowas kannte man bis dato in dieser Form nicht, weder von Bellini noch von Donizetti. In der Probenarbeit werden wir darauf besonderen Wert legen. Nabucco zeugt ausserdem von Verdis Vorliebe für kohärente Dramaturgie. Laut einer Anekdote soll Verdi seinen Librettisten Temistocle Solera förmlich gezwungen haben, ein geplantes Liebesduett von Fenena und Ismaele durch die Prophezeiung Zaccarias zu ersetzen, die es ja letztendlich auch in die Oper geschafft hat. Verdi hatte einen grosseren inhaltlichen Zusammenhang, nämlich die Glaubensfrage, im Sinn, und weniger die Liebesgeschichte. Diesen Wert, den Verdi auf das Libretto legt, finde ich sehr spannend.
Die Zeit, zu der Nabucco entstanden ist, war für Verdi alles andere als einfach. Er hatte mit seiner zweiten Oper Un giorno di regno keinen Erfolg und musste zudem den Tod seiner beiden Kinder und seiner Frau verarbeiten. Hat Nabucco ihn beruflich wie privat gerettet?
Vielleicht indirekt. Eigentlich hat Impresario Bartolomeo Merelli Verdi gerettet, indem er ihm Nabucco überhaupt angeboten, ihm das Libretto gegen seinen Willen – so sagt man – heimlich in die Jackentasche gesteckt hat. Und das auch nur, weil Otto Nicolai es zuvor abgelehnt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Verdi durch den Tod seiner Familie wirklich schwer gebeutelt und wollte mit Musik eigentlich nichts mehr zu tun haben. Merelli hat also nicht nur Verdi, sondern der ganzen Welt einen grossen Gefallen getan.
Wie auch Temistocle Solera, dessen Libretto Verdi ja inspiriert haben muss.
Auch hierzu gibt es eine Anekdote aus den autobiografischen Aufzeichnungen Verdis. Ob sie stimmt, ist fraglich, aber schön ist sie: Verdi schreibt, er sei an diesem Abend, als Merelli ihm das Libretto zugesteckt habe, nach Hause gekommen, habe es auf den Tisch geworfen und auf der zufällig aufgeschlagenen Seite die Zeilen ≪Va, pensiero, sull’ali dorate≫ (Zieh, Gedanke, auf goldenen Flügeln) gelesen, die ihn zur Komposition inspirierten.
Sie sprechen vom Gefangenenchor, einem der berühmtesten Chorstücke der Opernliteratur. Er ist sogar so etwas wie die zweite Nationalhymne der Italiener geworden. Ist Va, pensiero politisch?
In jedem Fall ist dieser Chor politisch genutzt worden. Und eine politische Intention gab es sicher – wenn die auch weniger von Verdi, als eher von Solera ausgegangen sein mag. Der Gefangenenchor bekam eine Funktion, die Verdi sicher nicht in diesem Ausmass vorgesehen hatte. Rein musikalisch betrachtet, durchzieht die gesamte Oper etwas Vorantreibendes, hier legt sie aber einen dramaturgischenStopp ein, wirkt wie eingefroren. Der Chor singt anfangs unisono und sottovoce, also alle zusammen, aber nicht mit voller Stimme. Heimweh und Patriotismus spielen schon eine Rolle, aber für mich ist es vor allem ein Innehalten, eine intime, nostalgische Erinnerung an vergangene Zeiten.
Der Gefangenenchor ist ja nicht das einzige Chorstück der Oper. Im Gegenteil. Ist Nabucco für Sie eine Choroper?
Absolut. Und das war auch eine der grossen Neuerungen Verdis. Natürlich gab es bei Bellini, Donizetti und Rossini schon Chöre, aber der Umgang war ein anderer. Gleich zu Beginn des ersten Teils stellt Verdi den Chor in seiner ganzen Grösse vor, er spaltet ihn regelrecht auf, lasst alle Farben und Facetten für sich erklingen, bis er ihn gegen Ende wieder zusammenführt. Verdi behandelt den Chor nicht versatzstückartig, sondern beschäftigt sich mit dessen Qualitäten. Er geht mit dem Chor neue Wege. Also ja, Choroper durch und durch!
Das Chorsingen hat für Sie persönlich eine ganz spezielle Bedeutung.
Ich habe selbst viele Jahre im Dresdner Kreuzchor gesungen und ihn auch einige Male dirigiert. Als ich in der achten Klasse war, musste unser Chorleiter die Probe frühzeitig verlassen und fragte in die Runde, wer sich denn zutrauen wurde, die Probe zu Ende zu leiten. Ehe ich mich versah, war mein Arm oben. Und erst als ich vor dem Chor stand, in dem viele einige Jahre alter waren als ich, habe ich mich gefragt, ob das wohl gut gehen wurde. Wir probten eine Motette von Bruckner und es lief überraschend gut. Später wurde ich dann Chorpräfekt und konnte so regelmässig mit dem Chor proben und Konzerte dirigieren.
Was ist das Besondere an so einem Chor?
Die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl, ungeachtet dessen, wie alt man ist oder woher man kommt. In der Zeit im Chor sind echte Freundschaften entstanden. Das grosse Netzwerk und die tiefe Verbundenheit, die bis heute bestehen, schätze ich sehr.
Das Dirigieren hat Sie aber schon vor Ihrer Zeit im Chor fasziniert.
Kurioserweise schon ganz früh. Mit knapp vier Jahren habe ich das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Fernsehen gesehen. Dirigiert hat Zubin Metha. Ich war so fasziniert von dieser Persönlichkeit, die da mit kleinen und auch grösseren Gesten alles in der Hand zu halten schien, dass ich irgendwie wusste: Das will ich machen.
Zurück zu Nabucco: Otto Nicolai, der von Merelli eigentlich als Komponist vorgesehen war und das Libretto ablehnte, hat nach dem durchschlagenden Erfolg der Oper Folgendes in seinem Tagebuch notiert: ≪Er (Verdi) instrumentiert wie ein Narr – ist kein Meister in technischer Hinsicht, muss ein Herz wie ein Esel haben und ist wirklich in meinen Augen ein erbärmlicher, verachtenswerter Kompositeur.≫ Purer Neid?
Ein bisschen Neid steckt ohne Zweifel dahinter. Il proscritto, eine Oper, die er sozusagen anstelle von Nabucco schrieb, war im Gegensatz zu Verdis Nabucco quasi erfolglos. Er dürfte sich also ziemlich geärgert haben. Allerdings wurde Verdis Instrumentation damals nicht nur von Nicolai kritisiert, sondern auch sonst oft als simpel beschrieben; sein Rhythmus als schlicht, die Melodien als einfach geführt. Jedoch sind gerade diese – vor allem beim späteren Verdi – von höchster Vollendung.
Vielleicht ein technisches Mittel zum Zweck, um den von Verdi gewünschten unmittelbaren Kontakt zwischen Bühne und Publikum herzustellen, die Empathie des Zuschauers für die Charaktere zu erzeugen?
Durchaus! Diese absolute Reinheit der musikalischen Architektur kommt natürlich der Konzentration auf den Bühnencharakter zugute. Verdi war sich seiner Sache bewusst. Einmal soll er einem Freund geschrieben haben, er habe Beethovens Fünfte gehört und dabei festgestellt, dass sie fast genauso viel Lärm mache, wie seine eigenen Stücke, wohl wissend, dass er das Orchester an vielen Stellen üppig im tutti instrumentiert hat. Meistens steht forte oder fortissimo. Da muss man als Dirigent behutsam vorgehen, damit das Orchester transparent bleibt.
Nabucco ist voller Hohepunkte: Märsche, Kriegs- und Klagechöre, Gebets- und Wahnsinnsszenen. Wie hält man da die Spannung?
So schwer es einem fällt, man darf sich nicht im Moment verlieren. Man muss immer den nächsten Fixpunkt vor Augen haben, darf das Weitergehen nicht vergessen. Ich konzentriere mich sehr darauf, wo die Reise hingeht. So hindert man sich selbst daran, an den einzelnen Höhepunkten zu verharren. In Nabucco ist alles unglaublich ausgearbeitet, die Partitur reich an musikalischen Ideen. Das macht die Arbeit sehr spannend, stellt aber an den Dirigenten die Herausforderung, den einzelnen Highlights genügend, aber nicht zu viel Gewicht zu verleihen. Der Fokus muss – wie von Verdi angestrebt – auf dem dramaturgischen Bogen liegen.
Was lieben Sie ganz persönlich an Nabucco?
Die Herausforderung. Es ist mein erster Nabucco und mein erster Verdi überhaupt. Ich freue mich auf die Proben, in denen mir sicher noch zig Dinge auffallen werden, die liebenswert sind. In der Vorbereitung gefällt mir im Moment Verdis Umgang mit der Tonart As-Dur. Nachdem Nabucco vom Blitz getroffen worden und dem Wahnsinn verfallen ist, wechselt Verdi von einem unruhigen f-Moll zweimal zu besagtem As-Dur. Es breitet sich eine Atmosphäre des Verzeihens aus. ≪Warum vergoss ich eine Träne≫, singt er, und währenddessen wandelt Verdi kurz die Harmonie in den Holzbläsern zu Moll. Diese Stelle finde ich sehr berührend. Naürlich faszinieren psychologisch fesselnde Figuren wie Nabucco und Abigaille. Aber man darf auch die vermeintlich kleineren Rollen nicht vergessen. Die erste Szene des Liebespaars Ismaele und Fenena mit dem anschliessenden Terzett ist wunderschöne Musik und eine kleine Kostbarkeit.
Das Gespräch führte Deborah Maier.

Presse

Landbote

Zuletzt stimmt das Ensemble zusammen mit dem Chor «Immenso Jehova» an. Die a cappella gesungene Hymne ist ein letzter Höhepunkt der «Choroper», und der Chor verdient hier nochmals ein Bravo für den souveränen Einsatz von der Introduzione bis zum Finale. Dieses kurze Finale, das auch zu kurz wirken kann, bekommt hier seine wahre Grösse, musikalisch vom Dirigenten sehr schön austariert und auch szenisch in stimmungsvoller Lichtregie überzeugend.

St.Galler Tagblatt

Die Leitung im Orchestergraben hat Kapellmeister Hermes Helfricht, 24 Jahre jung und blitzgescheit - was seinem Dirigat in zügigen, vorwärtsdrängenden, aber nie hektischen zwei Stunden anzumerken ist. Von Anfang an versteht er die Wucht Verdis nicht als Lärm und Wüten, sondern als Verve. Blitzschnell zeichnet das Sinfonieorchester, mit Verdis Theatralik bestens vertraut, die Wechsel zwischen knalligen Effekten und schönen, schwelgerischen Kantilenen und adelt manche Trivialität der Partitur durch liebevolle Akkuratesse. Es funkelt und knistert aus dem Graben [...] Raffaella Angeletti setzt sich der Raserei, dem dramatischen Auf und Ab der Partie mit jeder Faser aus; erschütternd einsam wirkt sie auf der Bühne. Während Tareq Nazmi mit profundem, in allen Lagen farbenreichem Bass grandios als Zaccaria debütiert (und dank seiner Statur die Szene dominiert), hat der Sizilianer Damiano Salerno schon reichlich Erfahrung mit Verdi. Er gibt einen stimmlich wandlungsfähigen, unberechenbaren Nabucco.

Südkurier

Bariton Damiano Salerno gibt die Titelfigur mit markanter Stimme majestätisch auftrumpfend, tobend, trauernd-resignativ und schließlich den Gott der Hebräer um Vergebung bittend. [...] Sopranistin Raffaella Angeletti gibt die Furie im roten Kleid mit höchst beweglichen Lagenwechseln, die die Rolle vorschreibt [...] Eine Entdeckung für St. Gallen ist Bassist Tareq Nazmi in seinem Rollendebüt als würdiger Zaccaria, Hohepriester der Hebräer. Er verkündet seine Weissagungen mit bestens ausbalancierter Stimme von fülligem Volumen und profunder Tiefe. [...] Überhaupt ergänzen Bühnengestaltung und sparsame Requisiten (Luis Antonio Suärez) die Handlung auf eindringliche Weise.

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Das Grosse Haus ist das Herzstück des Theaters St.Gallen. Über 400 Mal hebt sich jährlich der Vorhang in dem Bau von Claude Paillard im Museumsviertel, in dem 741 ZuschauerInnen Platz finden.

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