28
April 2018
Premiere
Samstag
19:30-22:10
Il pirata
Oper in zwei Akten von Vincenzo Bellini

Zum Stück

Mit Il pirata gelang VIncenzo Bellini nicht nur der internationale Durchbruch, er schuf mit dieser Oper auch den Prototypen der italienischen romantischen Oper: Ein Pirat erleidet Schiffbruch und erkennt in seiner Retterin seine ehemalige Geliebte wieder. Doch der romantische Held Gualtiero muss erkennen, dass das Leben sich für Imogene geändert hat. Die Handlung spielt in Sizilien, der Heimat des Komponisten, die Protagonisten sind Anhänger rivalisierender Herrscherhäuser. Als 25-Jähriger feierte Bellini mit dieser Oper seinen ersten grossen Erfolg und begann die Zusammenarbeit mit dem bedeutenden Librettisten Felice Romani.
Heute wird Il pirata eher selten aufgeführt, doch sind nicht nur die herrlichen langen Melodiebögen – eine Besonderheit von Bellinis Belcanto-Stil, für die ihn Verdi wie Wagner bewundert haben – eine Wiederentdeckung wert. Im Zentrum des Interesses von Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur steht die Wiederbegegnung des (ehemaligen) Liebespaares, zwischen denen Imogenes Ehemann Ernesto und ihr Kind stehen.

Uraufführung: 27. Oktober 1827, Teatro alla Scala Mailand

Libretto von Felice Romani nach dem Teaterstück Bertram, or The Castle of St. Aldobrand von Charles Robert Maturin und dessen französischer Bearbeitung Bertram ou Le Pirate von Charles Nodier und Isidore Justin Séverin Taylor

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
 

«Nie wird heilen die tiefe Wunde.»

Besetzung

Zugabe

Sizilien und Film noir
Zur St.Galler Erstaufführung von Bellinis Melodramma Il pirata

Kein Film hätte diese Szene besser erfinden können: Im Morgengrauen eines der letzten Juni-Tage 1943 rudert ein junger Mann an die südwestliche Küste von Sizilien. Er ist gekleidet wie ein einheimischer Fischer und spricht perfekt italienisch, sogar mit sizilianischem Akzent. An der Küste wird er von mehreren düsteren Gestalten erwartet: Man besteigt ein Auto und fährt zu einem abgelegenen Haus etwas im Hinterland. Hier warten mehrere ältere Männer auf den Besucher. Sie wollen ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann.
 
So oder so ähnlich beginnt eine Reihe von Anekdoten über die Rolle der Mafia bei der alliierten Invasion Siziliens im Zweiten Weltkrieg. Die Geschichten sind mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht wahr. Aber wahr ist, dass einheimische Clans der US-Armee bei der Verwaltung der eroberten Gebiete halfen. Das faschistische Regime Mussolinis hatte sein zentralistisches Gewaltmonopol nämlich auch gegenüber der sizilianischen Mafia geltend gemacht, und so waren die lokalen Bosse zu Regimegegnern geworden und standen den Amerikanern als antifaschistische einheimische Autoritäten zur Verfügung. Es bestätigte sich einmal mehr, was Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Sizilienroman Der Gattopardo wie folgt beschrieb: «Und nachher wird alles sein, wie es war, während sich alles geändert hat.»
Im Gattopardo geht es konkret um Giuseppe Garibaldi und den Zug der Tausend, deren Landung in Sizilien am 11. Mai 1860 in einer im Roman zitierten Zeitung als «Akt flagranter Piraterie» bezeichnet wird. Der Roman beschreibt auch die an Eroberungen reiche Geschichte der Insel: «Seit mindestens fünfundzwanzig Jahrhunderten tragen wir die Last grossartiger heterogener Kulturen auf unseren Schultern und sind Kolonie.» Phönizier, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber und Normannen haben im Abstand weniger Jahrhunderte Sizilien erobert, und seit dem Mittelalter wurde die Insel nacheinander von den europäischen Herrscherhäusern Hohenstaufen, Anjou, Aragon, Habsburg, Bourbon und Savoyen beherrscht.
Einer dieser sizilianischen Machtkämpfe und Herrschaftswechsel dient als Hintergrund für Charles Robert Maturins 1816 in London uraufgeführtes Schauspiel Bertram und für Felice Romanis darauf basierendes Libretto zu Vincenco Bellinis 1827 in Mailand uraufgeführter Oper Il pirata. Der Titelheld, der in einem solchen Machtkampf auf der Seite der Verlierer gestanden hatte, muss seine Heimat verlassen, und als er zehn Jahre später als Pirat nach Sizilien zurückkehrt, erfährt er, dass seine Geliebte inzwischen einen der Gewinner heiraten musste und ein Kind hat. Laut Szenenanweisung spielt die Handlung nach der gewaltsamen Ablösung der Staufer durch Karl von Anjou 1266, doch hat die Geschichte nichts Mittelalterliches an sich. Der Protagonist des Schauspiels war vielmehr eine sehr zeitgenössische Figur der Schwarzen Romantik. Seine wilde Melancholie, seine egoistische Unbeherrschtheit, sein immer wieder durchbrechender (Selbst-)Zerstörungstrieb und sein Status als Aussenseiter und Rebell erinnern an Byronsche Helden wie Harold oder Manfred sowie auch an Lord Byron selbst. Kein Zufall, dass die Uraufführung von Bertram zustande kam, nachdem Sir Walter Scott das Werk des noch unbekannten Dichters an Lord Byron empfohlen hatte. Im selben Jahr, 1816, schufen Byron und sein Freund John Polidori mit der Erzählung Der Vampir einen weiteren Archetypus des byronesken Helden: den Gentleman-Vampir Lord Ruthven.
Die Oper ist weniger konkret und spezifisch als das Schauspiel im Hinblick auf den Charakter der Titelfigur. Il pirata gilt als Prototyp der italienischen romantischen Oper, über die der Musikologe Massimo Mila schrieb, Bellini habe zwar nur eine Oper mit dem Titel I Capuleti e i Montecchi komponiert, aber in Wirklichkeit sei sein ganzes Schaffen eine unendliche Variation über das Thema «Romeo und Julia», die im Falle von Il pirata Gualtiero und Imogene heissen. Bellini selbst hat kurz nach der Uraufführung die kurze Finalszene mit dem Selbstmord des Protagonisten gestrichen. Seither endet die Oper, wenn keine weiteren Umstellungen vorgenommen werden, mit Imogenes Wahnsinnsszene, wodurch die zwischen zwei Männern zerrissene Frau in den Fokus rückt: Imogene muss sich von ihrem ehemaligen Geliebten Gualtiero Vorwürfe anhören, weil sie während seines Exils Ernesto geheiratet hat – wenn auch nicht freiwillig, sondern nur um ihren Vater zu retten –, gleichzeitig macht sie sich selbst und macht Ernesto ihr Vorwürfe, weil sie Gualtiero immer noch liebt, obwohl sie seit Jahren mit Ernesto verheiratet ist.
Für den Regisseur und Bühnenbildner Ben Baur, der die St.Galler Erstaufführung von Bellinis erstem (und heute fast vergessenem) Erfolgsstück inszeniert, bleibt das Werk in Sizilien verortet – nicht nur weil der Komponist Sizilianer war, sondern auch aufgrund der besonderen Geschichte und Charakteristik dieser Insel. Er möchte die Handlung jedoch, ohne tagesaktuell oder politisch zu werden, aus den Tiefen der Vergangenheit näher an die Gegenwart bringen und hat sich als historischen Hintergrund für den letzten grossen Herrschaftswechsel Siziliens entschieden: die Eroberung durch die Alliierten 1943 und das damit verbundene, eingangs skizzierte Wiedererstarken der Mafia. Für diese in ihrer Charakteristik sehr genau dem Libretto entsprechende düstere und hierarchische Macho-Welt bot es sich zudem an, an die Stelle der Schwarzen Romantik der literarischen Vorlage die Ästhetik des «schwarzen Films» (Film noir) zu setzen. (mb)
 

Presse

Oper aktuell

Nach der fulminant besetzten "La sonnambula" (2010) und der geradezu exemplarisch Massstäbe setzenden "Norma" (2016) stellt das Theater St.Gallen nun also die eher selten auf den Spielplänen auftauchende Oper "Il pirata" zur Diskussion. Und erneut gelingt der kleinen Bühne ganz Grosses. Ein szenisch und musikalisch hoch spannender, begeisternder Opernabend, ein Plädoyer für das Werk und die italienische Romantik.

Vorarlberger Nachrichten

Inszenierung und Bühnenbild von Ben Baur unter der musikalischen Leitung von Pietro Rizzo, Weltklassesänger in den Hauptpartien und ein glänzend disponierter Chor ergeben ein Gesamtkunstwerk, das zu einer Renaissance der selten aufgeführten Oper führen könnte.

Roccosound

Man darf vom grossen Abend des italienischen Melodramma dieser Opernsaison sprechen.

Das Opernglas

Ben Baur, der zugleich als Bühnenbildner für seine Produktion verantwortlich zeichnete, verhalf dem Theater St.Gallen zu einer ebenso berührenden wie aufwühlenden Premiere. Das Stück wurde auf bestechende Weise und dabei so dicht wie möglich an der Partitur neu aufgerollt.

Klassik begeistert

Die gesanglichen Leistungen, namentlich der Imogene der aus Libanon stammenden Sopranistin Joyce El-Khoury und des auf den Philippinen geborenen Tenors Arthur Espiritu (Gualtiero), waren hervorragend.

St.Galler Tagblatt

Es ist Imogenes Präsenz, die das gesanglich enorm herausfordernde Stück tragen muss, und es ist Joyce El-Khoury, die dies in St. Gallen in absolut beeindruckender Weise tut. Je stiller sie wird – und sie wird immer stiller, bis sie dem Wahnsinn verfällt –, umso mehr geht ihre modulationsfähige, von widerstreitenden Gefühlen erfüllte Stimme unter die Haut. Das ist auch schauspielerisch ganz grosse Klasse.

Schwäbische Zeitung

Arthur Espiritu meistert die strapaziöse Tenorpartie Gualtieros grossartig. Joyce El-Khoury begeistert als Imogene mit perfekten Koloraturen, phantastisch zurückgenommenen Pianissimo-Bögen und grandios zelebriertem Wahnsinn.

O-Ton

Ein Stadttheater, das ein solches Bild auf die Bühne bringt, kann stolz auf sich sein.

Ostschweiz am Sonntag

[Das Publikum] würdigt auch, dass St.Gallen mit der Wahl dieser unbekannten Bellini-Oper wieder einmal ein Wagnis eingegangen ist. Das sich sehr gelohnt hat. Musikalisch sowieso, denn dieser Bellini ist glühend-farbenreich, und das Sinfonieorchester St.Gallen wird ihm unter der Leitung von Pietro Rizzo vollauf gerecht.

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