31
Oktober 2017
Dienstag
19:30-22:20
Die Gezeichneten
Oper in drei Aufzügen von Franz Schreker
Einführung um 19 Uhr im Studio

Zum Stück

Die ‹Tragödie des hässlichen Mannes› war Ausgangspunkt für das Libretto, das Alexander Zemlinsky mit diesen Worten bei Franz Schreker bestellt hatte und das dieser schliesslich selbst vertonte. Der reiche Genuese Alviano Salvago hat eine Insel vor der Stadt als Elysium ausgestattet und will sie dem Volk schenken – doch junge Adlige haben die Insel für Orgien mit entführten Jugendlichen missbraucht und wollen die Schenkung und die damit verbundene Entdeckung verhindern. Der Konflikt zwischen geistiger und sinnlicher Schönheitsliebe wiederholt sich in der Rivalität zwischen dem Ästheten Alviano und dem leidenschaftlichen Grafen Tamare um Carlotta, die schöne Tochter des Podestà und Malerin.
Die symbolistisch-expressionistische Musik lässt alle Facetten von Leidenschaft, Sehnsucht, Glück und Unglück schillern. Nach 1933 fast vergessen, fand die Schweizer Erstaufführung erst 1992 statt. Der Selbsthass und die (Selbst-)Zerstörungswut der von ihren scheinbar schrankenlosen und doch so beschränkten Möglichkeiten überforderten Akteure bilden für Regisseur und Ausstatter Antony McDonald den Schlüssel zum Verständnis dieses grossartigen und rätselhaften Werks.

«Schönheit sei Beute des Starken.»

Besetzung

Zugabe

Gebrandmarkt oder stigmatisiert?
Im Gespräch mit Michael Balke und Antony McDonald über Franz Schrekers Gezeichnete

Franz Schreker (1878–1934), Komponist einst höchst erfolgreicher Opern wie Der ferne Klang und Irrelohe, wurde wie viele zeitgenössische, oft jüdischstämmige Künstler von den Nationalsozialisten als entartet diffamiert und geriet für Jahrzehnte fast in Vergessenheit. So fand die Schweizer Erstaufführung seiner 1918 in Frankfurt uraufgeführten Oper Die Gezeichneten erst 1992 statt. Ab September wird dieses grandiose und rätselhafte Werk erstmals in St.Gallen zu sehen sein.

Die Oper heisst Die Gezeichneten – was bedeutet dieses Wort?
Antony McDonald: Im Englischen gibt es zwei verschiedene Übersetzungen: The Branded oder The Stigmatized. Ich finde „stigmatisiert“ besser, weil es besagt, dass man nicht einfach ein Zeichen trägt, sondern ein Problem hat.
Michael Balke: Für mich ist die Frage, ob man von jemand anderem stigmatisiert oder von der Natur gebrandmarkt bzw. gezeichnet ist.

Stigmatisation hat auch eine christliche Konnotation, wenn wir an den heiligen Franz von Assisi denken.
AMD: Es klingt jedenfalls religiös: vom Schicksal gezeichnet. Die handelnden Personen der Oper haben tiefgehende äussere und innere Probleme. Speziell bei Alviano sind es sicher innere Probleme, die von seiner Erscheinung kommen.
MB: Alviano Salvago, dieser reiche Krüppel, ist die Hauptfigur, aber sie sind irgendwie alle gezeichnet …

Das erklärt den Plural Die Gezeichneten.
MB: Schreker schrieb das Libretto 1911 für seinen Komponistenkollegen Alexander von Zemlinsky, aber dann hatte er selbst Musik dazu im Kopf und wollte es nicht hergeben, und Zemlinsky hat verzichtet.
AMD: Rund zehn Jahre später hat Zemlinsky dann eine ähnliche Tragödie des hässlichen Mannes in seiner Oper Der Zwerg (nach Oscar Wildes Kunstmärchen Der Geburtstag der Infantin) vertont. Die Thematik ist durchaus autobiografisch, denn Zemlinsky selbst war unattraktiv. Was fand Alma Schindler nur an ihm, als sie 1901 eine Liaison mit ihm einging?

1902 heiratete sie dann doch einen anderen, Gustav Mahler, einen deutlich älteren Komponisten. 1911, nach Mahlers Tod, hatte sie übrigens auch eine kurze Affäre mit Schreker, bevor sie den Maler Oskar Kokoschka kennenlernte und später erst den Architekten Walter Gropius und dann den Schriftsteller Franz Werfel heiratete.

MB: Die Carlotta der Oper ähnelt Alma sehr in ihrer Wechselhaftigkeit.
AMD: Sie verliebt sich in Alviano, aber sie erhält dadurch, dass sie Leidenschaft in ihm entfacht, auch etwas für sich, für ihre Arbeit. So überwindet sie ihre künstlerische Blockade bei seinem Portrait. Ich finde übrigens auch ihre malerische Faszination für Hände bemerkenswert. Es heisst, dass man in den Händen das Leben lesen kann, wobei eine Hand für die Vergangenheit und eine Hand für die Zukunft steht. Schrekers Komponisten-Freund Arnold Schönberg war auch Maler, und seine Bilder haben Schreker sehr beeindruckt. Diese ganze Periode in Wien um 1900 war so faszinierend, und die Oper gibt einen guten Eindruck davon.

Unsichere Gefühle, wechselnde Gefühle – war das Leben mit der einbrechenden Moderne zu kompliziert geworden, oder waren das einfach privilegierte junge Leute, die zu viel Freizeit hatten?
AMD: Man entdeckte damals so viel, z.B. Sigmund Freud mit der Psychoanalyse, man schaute in dunkle Ecken, so wurde alles unsicher.
MB: Konventionen wurden gebrochen, alles wurde in Frage gestellt. Auch die Rolle der Frau.

Manche Frauen waren sehr frei, aber es war doch eine Männerwelt. Auch Schreker selbst war sehr vom misogynen Frauenbild der Zeit geprägt. Eigentlich ist Carlotta moderner, als seine eigenen Ansichten erlaubt hätten.
AMD: Und dann die Widmung dieser Oper, mit diesen Orgien usw., an seine Mutter …

Da stellt sich mir zu Schreker die gleiche Frage wie zu seiner Figur Carlotta: Wieviel weiss sie wirklich, aus eigenem Erleben, von all den Leidenschaften und Gefühlen, von denen sie redet? Es kommt mir so altklug vor.
AMD: Man fragt sich, was man ihr erzählt hat. Dass Geschlechtsverkehr aufgrund ihrer schwachen Konstitution tödlich für sie ist – das muss sie gehört, das kann sie nicht erlebt haben.

Und es ist, wie bei Antonia in Hoffmanns Erzählungen, die nicht mehr singen darf, das typisch männliche Klischee der schwachen Frau – man erfände wohl keinen männlichen Charakter mit dieser Konstitution.
AMD: Immerhin wurde Sexualität quasi entdeckt in Wien um 1900.

Und es entstanden all diese zweideutigen Frauenfiguren wie Salome und Lulu, die gleichzeitig unschuldig und das Gegenteil davon sind.
AMD: Carlotta ist so rätselhaft. Das macht sie interessant.
MB: Auch musikalisch ist sie der interessanteste Charakter und hat die beste, stärkste Musik.

Ist der Herzog – der historische Antoniotto Adorno, der letzte auf Lebenszeit gewählte Doge Genuas – nicht auch eine rätselhafte Figur?
AMD: Steht er einfach für staatliche Autorität? Aber wie korrupt ist er? Er hat offensichtlich Angst, dass Alviano durch die Schenkung der Insel an das Volk populärer werden könnte als er selbst. Er greift nicht ein, um dem Treiben der jungen Edelleute ein Ende zu setzen oder um es zu vertuschen, sondern aus Sorge um seine Popularität. Er ist geradezu erleichtert, einen Makel an Alviano zu finden und ihn als vermeintlichen Urheber der Orgien anklagen lassen zu können.

Aber er ist auch kein wirklicher Bösewicht.
AMD: In meiner Vorstellung hat er faschistoide Züge. Er will Macht und Kontrolle. Gegenüber seinem Freund Tamare verhält er sich aber loyal, er wirbt sogar für ihn um Carlottas Hand. In der Oper gibt es so viele Szenen, die es nicht gibt, die fehlen: Tamare hat zweimal um Carlotta geworben, beide Male vergeblich, und dann wirbt der Herzog für ihn bei ihr. Und durch die Ablehnung wird Tamares Entschlossenheit noch stärker. Er ist es nicht gewohnt, dass jemand nein sagt. Und ihre Stärke beeindruckt und erregt ihn. Man muss sagen, für jemanden, der keine Erfahrung mit Männern haben kann, ist sie sehr gut darin, Männer um den Finger zu wickeln.

Sie weiss sehr genau, wie Leute auf sie reagieren.
AMD: Ihr Vater, der wohl überfordert ist, nennt sie unkonventionell.

Ihr Ende ist jedenfalls sehr unkonventionell, wenn sie sich Tamare schliesslich doch hingibt, im Wissen, dass es sie ihr Leben kosten wird.
AMD: Ist es ein Selbstmordversuch?

Hat sie erkannt, dass die Sublimierung der Triebe nicht gelingt? Ihr Künstlertum befriedigt sie letztlich doch nicht, ähnlich wie Alviano die Erfahrung macht, dass eine schöne Insel als Ersatz für ein unterdrücktes Triebleben nicht glücklich macht.
MB: Es ist entweder Selbstmord oder Verklärung, Verwandlung.
AMD: Sie möchte ein erfülltes Leben mit allen Erfahrungen, auch wenn es nur kurz sein kann. Und dazu hat das Stück diese unglaubliche Musik, die so romantisch und überromantisch ist, und dann diese Charaktere, die so dunkel und kompliziert sind. Carlotta ist wunderbar und schön und kompliziert, aber dieser Kontrast zwischen Geschehen und Musik …
MB: Du empfindest es als Kontrast?
AMD: Die Charaktere sind so voller Fehler, und die Musik ist so schön.
MB: Die Musik passt immer sehr genau zum Text und zur geheimen Bedeutung hinter den Worten.
AMD: Ja, aber die Musik ist nie wirklich hässlich.
MB: Es gibt grausame Musik, z.B. wenn es um die Acht geht oder wenn Alviano sein Versagen in der Lenznacht beschreibt. Und der Schluss ist unglaublich: Da gibt es keine Musik mehr, wenn Alviano stammelnd verrückt wird.
AMD: Alviano sieht sich von Anfang an als das Monster, das er am Schluss wird.

Ist es nicht unglaublich, dass es diesem schon halb verrückten Krüppel wirklich gelingt, den kraftstrotzenden Lebemann Tamare zu töten?
MB: Tamare akzeptiert den Tod vielleicht als Konsequenz seines Tuns.
AMD: Er hat nicht nur Carlotta quasi getötet, sondern er hat auch Alviano seinen einzigen Moment des Glücks genommen und sagt ihm das auch überdeutlich.
MB: Eigentlich ist nicht zu erklären, dass diese Oper so selten gespielt wird. Die Musik gehört zu den stärksten, die ich kenne. Sie ist beim ersten Hören toll, und beim 20. Mal entdeckt man immer noch Neues. Manchmal klingt es nach Wagner oder Strauss, aber Schreker hat einen sehr eigenen Stil. Und er verstand viel von Stimmen und von Instrumenten, das zeigen auch die aufführungspraktischen Anmerkungen in der Partitur. Und heutige Orchester sind der Musik durchaus gewachsen.
AMD: Jeder, der dieses Werk gehört hat, ist fasziniert. Es zieht einen geradezu hinein.
 
Das Gespräch führte und übersetzte Marius Bolten.
 
 
 

Presse

Der Landbote

Andreas Conrad trifft mit geschärfter tenoraler Rhetorik Alvianos Leidensdruck und fesselt bis zur letzten Szene, die ihn in die Stille treibt. Kraftvoll und mit verführerischem Bariton wendig zupackend gibt Jordan Shanahan den Gegenspieler Tamare, und Claude Eichenberger ist als die fragile und zugleich dominante Carlotta mit ihrem dramatisch expansiven und lyrisch schmiegsamen Mezzosopran schlicht ein Ereignis. Tomislav Lucic und viele mehr tragen zu einer packenden Aufführung bei.

St. Galler Tagblatt

Der Reiz der hässlichen Schönheit, starke Bilder des verunsicherten Mannes, eine flirrende, faszinierende Musik, eine auf Transparenz setzende Inszenierung: Das sind die Ingredienzien einer verdienstvollen Produktion. Schrekers «Gezeichnete» sind eine echte Entdeckung. Man wundert sich, warum seine Musik erst jetzt eine Renaissance erlebt.

Oper aktuell

Das Sinfonieorchester St. Gallen unter der sicheren und leidenschaftlichen Leitung von Michael Balke meisterte die schwierige, aber dankbare Aufgabe mit einfühlsamer Souveränität, kostete die soghafte, mitreissende Wirkung dieser Musik (mit Suchtpotential ... ) mit Geschmack, engagierter Spielfreude und überzeugendem Können durch alle Instrumentenfamilien hindurch grandios aus. [...] Man konnte sich an diesem Abend kaum satthören an diesem spätromantischen, reichhaltig instrumentierten Klangrausch, der sich nach der Ouvertüre in diversen Zwischenspielen fortsetzte, einen stark motivisch geprägten Untergrund für die Gesangsstimmen bildete, ein manchmal irisierendes, dann wieder verdichtetes Gewoge aus Sehnsucht, Erotik, Dramatik und martialischen Klängen formte.

Schwäbische Zeitung

Eine Herausforderung für alle Beteiligten war es schon, Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ am Theater St. Gallen zum Saisonbeginn auf die Bühne zu bringen. Das anspruchsvolle Stück steht damit 100 Jahre nach seiner Uraufführung erstmals auf dem Spielplan dieses Hauses. Die von Antony McDonalds inszenierte und von Michael Balke dirigierte Produktion kann sich sehen und hören lassen.

Opernglas

Nachgerade eine Sternstunde erlebte das Orchester.

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