14
Februar 2018
Mittwoch
20:00-21:40
Der Zaubertrank
Weltliches Oratorium von Frank Martin

Zum Stück

In der Mitte des Zweiten Weltkriegs schreibt der Schweizer Komponist Frank Martin ein Bühnenwerk mit dem Titel Le Vin herbé (Der Zaubertrank), ein Oratorium für zwölf Singstimmen, sieben Streicher, ein Klavier und Kammerchor. Erzählt wird die mittelalterliche Sage von Tristan und Isolde. Die tragische Biografie zweier Menschen, die sich aufgrund eines Zaubertranks unsterblich ineinander verlieben, voneinander getrennt werden und schliesslich ums Leben kommen, verlegt Martin in eine geheimnisvolle Klangwelt, die von Schönbergs Zwölftonmusik ebenso inspiriert ist wie von Kirchengesängen und von Komponisten wie Claude Debussy und Richard Wagner. Eine aufregende Wiederbegegnung mit einem Klassiker der Schweizer Moderne.

Uraufführung: 28. März 1942, Zürich

Musik und Libretto von Frank Martin nach Le Roman de Tristan et Iseut von Joseph Bédier

In deutscher Sprache

Koproduktion mit der Welsh National Opera Cardiff

«Jene, die gemeinsam davon trinken, werden sich lieben mit allen Sinnen.»

Besetzung

Zugabe

Ab dem 2. Februar ist Frank Martins weltliches Oratorium Der Zaubertrank in einer szenischen Fassung in der Lokremise zu erleben. Die tragische Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen Tristan und Isold wird von Polly Graham inszeniert. Ihr zur Seite stehen Jo Fong als Bewegungschoreografin und April Dalton als Ausstatterin. Die junge britische Regisseurin hat in den arbeitsintensiven Endprobenwochen Zeit gefunden, mit uns zu sprechen.
 
Die Erzählung des Liebespaars Tristan und Isold ist ein Mythos, dessen Wurzeln im 6. Jahrhundert im keltischen Raum vermutet werden. Was fasziniert dich an diesem Mythos?
Ich finde es spannend, wie man diese Erzählung zurückverfolgen kann zu den Persern, durch die ganze mittelalterliche europäische Literatur hinweg, die Renaissance, in die Romantik hinein und in die moderne Literatur, und dass sie uns noch immer beschäftigt! Die Vorstellung von Liebe als einer rebellierenden, eventuell zerstörerischen Macht, die nur schwer in dieser Welt existieren kann, ist faszinierend. Sie ist paradoxerweise fragil und mächtig zugleich.
 
Seit dem Aufkommen des Mythos wurde diese Geschichte in zahlreichen Versionen niedergeschrieben.
Genau – Frank Martin hatte sich die Version von Joseph Bédier als Vorlage gewählt. Als Recherche habe ich mich auch mit den Versionen von Béroul und Gottfried von Strassburg beschäftigt, Richard Wagners Oper und der persischen Erzählung von Vis und Ramin, die laut manchen Forschern während der Kreuzzüge ihren Weg nach Europa fand und als Wurzel für die keltische Tradition der Geschichte gelten könnte. Auch der Roman Sturmhöhe von Emily Brontë greift viele Aspekte der Geschichte auf.
 
Welche Themen dieses Mythos sind für dich besonders wichtig?
Der Liebestrank ist sehr interessant. Er ist Teil des Stils der Mittelalterliteratur, wo jeder Teil der Handlung Bedeutung annimmt und sogar wichtiger als die Charaktere sein mag. Der Trank ist ein sehr starkes narratives Mittel und hilft uns die Charaktere und die sozialen Regeln, die sie einschränken, zu verstehen. Zunächst glaube ich, dass der Trank viele Betrachtungsweisen zulässt. Er wurde von Isolds Mutter gemacht und ist für sie ein Weg, ihre Tochter zu beschützen, die von Irland weggebracht wird. Tristan und Isold versetzt er in einen Rausch, in dem er fähig ist, seine Liebe zu Isold zuzugeben, und sie ihre Wut ihm gegenüber überwinden kann. Genial ist, dass man ihnen den Trank aus Versehen gegeben hat, als sie Durst haben und nach Wasser schicken, an diesem trägen, heissen Tag, als ihr Schiff wegen einer Flaute an einer Insel landen muss. Die Mächte des Universums ziehen die Liebenden zusammen, all diese Elemente (das Wetter, Unfälle, der nun scheiternde Plan von Isolds Mutter) kommen zusammen und vereinen zwei Menschen, die jeden Grund haben einander zu hassen. Der Trank zeigt uns, dass der Weg von Hass zu Liebe nicht sehr weit ist.
Für Tristan kreiert der Liebestrank einen riesigen Konflikt, den er im Leben unmöglich lösen kann: er ist hin und her gerissen zwischen seiner Loyalität und Liebe zu seinem Onkel und seiner andersweltlichen Liebe zu Isold. Für Isold dagegen stellt er den Schlüssel zu einer anderen Welt dar. Für sie ist es einfacher, sich von der ihr bekannten Welt zu lösen, da ihr so viele Dinge versagt wurden: sie wurde ihrer Familie und ihrer Gesellschaft entrissen, sie hat nichts zu verlieren.
Der Trank und die daraus resultierende unmögliche Liebe eröffnen auch ein weiteres wichtiges Thema: Die Personen um Tristan und Isold herum zeigen uns die Grenzen ihres und unseres Begreifens auf. König Markes Arie dreht sich letztlich um das Unverständnis gegenüber dem mysteriösen Bild der unschuldig Liebenden (ihre Liebe ist mysteriös, aber unschuldig ist sie sicher nicht!), Brangänes Zusammenbruch am Ende des ersten Teils entsteht durch ihr Unverständnis gegenüber der neuen Perspektive, die die Liebe eröffnet. Sie sagt zu Tristan und Isold: «Ihr habt getrunken die Liebe und den Tod!», woraufhin Tristan antwortet: «Komme denn der Tod!». Dies ist ein sehr düsterer Aspekt dieses Werks. Der Tod ist überall – im dritten Teil wird eigentlich nur Tristans Tod thematisiert. Und wenn Isold sich neben ihren toten Geliebten legt, geht sie mit dessen Körper um, als sei er noch lebendig, es ist ein erotischer und sexueller Moment. Es ist ungeheuerlich und verboten und aufregend.
 
Glaubst du, die Geschichte ist an eine bestimmte Zeit gebunden?
Ja und nein. Nein, da es sich um einen Mythos handelt. Ich glaube, es ist eine Geschichte für alle Zeiten, denn das Werk erzählt sie ganz direkt dem Publikum. Daher war es mir wichtig, von dem jetzigen Publikum auszugehen und ganz normale heutige Menschen diese Geschichte erzählen zu lassen. Wir nähern uns dem Mythos durch einen gemeinsamen, imaginären Prozess. Dennoch muss man bei Martins Werk die Entstehungsumstände betrachten. Ich glaube, man kann die Ängste der Zeit in Frank Martins Stück erkennen. Es wurde zwischen 1938 und 1942 geschrieben und in Zürich uraufgeführt. Es wurde in ganz Europa während des Krieges gespielt. Es ist unmöglich, ein Mitschwingen der Verlorenheit der Menschen im Europa des Zweiten Weltkriegs, diesen Konflikt und wie er die Menschen gegeneinander aufhetzte, die Trostlosigkeit, die er verursachte, nicht in dieser Musik zu spüren. Ich finde es faszinierend und sehr inspirierend. Aber ich wollte dem Stück gerecht werden, in dem, was es thematisiert – und für mich ist es ebenso die Dramatisierung der Erzählung der Geschichte als auch die Geschichte selbst. Daher war ich mir sicher, dass es in der Gegenwart angelegt sein muss.
 
Was ist für dich das Interessanteste an Frank Martins Version der Erzählung? Er schrieb das Werk als Oratorium, nicht als Oper, und stellt den Chor ins Zentrum des Geschehens. Wie bist du mit diesem – für die Bühne – besonderen Aspekt des Werks umgegangen?
Ich liebe es, dass der Chor das ganze Werk trägt – es bedeutet, dass die Geschichte uns allen gehört und nicht nur den mythischen Figuren. Ich finde es amüsant, dass Martin mit dem Text von Joseph Bédier gearbeitet hat. Bédier ist ein Gelehrter des 19. Jahrhunderts, der versuchte, die ganze Erzählung in einer linearen Form niederzuschreiben. Der springende Punkt der Erzählung ist, dass sie erzählt, gehört und dann wieder erzählt und nicht niedergeschrieben werden sollte. Sie entstammt der mündlichen Überlieferung. Daher gibt es ebenso viele Versionen der Geschichte, wie es Erzähler gibt. Eine einzige Version zu schaffen ist absurd. Für mich befreit Martin die Geschichte in seiner Verarbeitung wieder – er gibt ihr so viele Stimmen, so viele Erzähler!

Das Gespräch führte Caroline Damaschke
 

Presse

Oper aktuell

Und wenn dann ein so grandioses, engagiertes und überzeugendes Team am Werk ist wie in der Lokremise St.Gallen, dann kann man von einem überwältigenden Abend sprechen, einem Abend, der lange nachhallt, weil hier einfach alles stimmig ist, vom Spielort bis zu den Ausführenden.

St.Galler Tagblatt

Ein Glücksfall also, dass am Theater St.Gallen nach wie vor der Ensemblegedanke grossgeschrieben wird und der professionelle Theaterchor unter der langjährigen Leitung von Michael Vogel einem Stück wie Martins "Zaubertrank" souverän gewachsen ist.

Ostschweiz am Sonntag

Unmöglich, sich dieser Verve musikalischen Erzählens zu entziehen.

Termine & Tickets

Partner

    Opernpartner

Lokremise

Im November 2008 haben die St.Gallerinnen und St.Galler einem Kulturzentrum in der Lokremise am Hauptbahnhof zugestimmt. Eröffnet wurde die neue Spielstätte des Theaters St.Gallen Mitte September 2010

mehr erfahren