18
Mai 2018
Freitag
20:00-21:30
Der Mann der die Welt ass
Schauspiel von Nis-Momme Stockmann

Zum Stück

Ein namenloser Mittdreissiger saugt auf, was das Leben zu bieten hat: Geld, Erfolg, Zuneigung, und das masslos, rücksichtslos, niemals satt. Dann bricht sein Leben zusammen. Er verliert Arbeit, Frau, Kinder, Bruder, Freunde und ist mit der Pflege seines dementen Vaters allein. Der sitzt nackt in seinem Kleiderschrank mit einem Topf voller Linsensuppe. Völlig überfordert und alleine wird der Sohn nun vom Leben aufgefressen. Statt sich sein Versagen einzugestehen, verschanzt sich der Egozentriker in einer Scheinwelt und feiert sich als unverstandener Aussteiger.
Subtil und berührend kreist Nis-Momme Stockmanns erstes Theaterstück um die Themen ‹Altern in der Familie›, ‹Rolle des Vaters› und ‹Leben und Überleben im Kapitalstaat›, serviert uns dabei aber keine Thesenträger, sondern lebensstarke Charaktere. Es stellt weniger die Frage nach der Schuld als vielmehr danach, welche Strukturen dafür verantwortlich sind, dass das Aufgeben im Job – aber auch im Leben – in unserer Gesellschaft als Schwäche verstanden und ausgeklammert wird.

«Kapitulation ist keine Option im Kapitalismus.»

Besetzung

Zugabe

"Einen winzigen Moment mal aussteigen"
Ein Gespräch mit Anja Horst, der Regisseurin von Der Mann der die Welt ass

Das Stück "Der Mann der die Welt ass" ist hierzulande relativ unbekannt. Sein Autor, Nis-Momme Stockmann, hat es als junger Mann geschrieben und damit zahlreiche Preise gewonnen. Mittlerweile ist er ein arrivierter Theaterautor, der mit seinem ersten Roman "Der Fuchs" gleich für den Deutschen Buchpreis nominiert war. "Der Mann der die Welt ass" war zur Zeit seiner Uraufführung 2009 fast schon ein Hit. Wie kommt es, dass so ein «alter Hut» dich interessiert?
Anja Horst: Vielleicht ist es mit Theaterstücken ähnlich wie mit gutem Wein – je länger er reift, desto besser entfaltet er sich. Oder anders formuliert: Manchmal erweist sich die Qualität eines Stückes über die Jahre. Gute Stücke haben einen zeitlosen Kern mit Themen, die ihre Bedeutung nicht verlieren. Und das ist auch bei "Der Mann der die Welt ass" so. Stockmann greift ein grosses Thema auf: Überforderung. Das Beeindruckende an diesem Erstling ist, dass gerade ein junger Autor, der wohlmöglich einige der Erfahrungen der Figuren dieses Stückes noch gar nicht gemacht hat, sich dieses Themas angenommen hat. Er ist ein genauer Beobachter, beschreibt, ohne zu werten und ohne Lösungen parat zu haben. Er ist
nicht schlauer als seine Figuren.

Das Thema Überforderung ist kein leichtes Thema, sondern sicher eine Herausforderung
für Spieler und Publikum, oder?

Die LOK ist ein unglaublich schöner Spielort und zudem ein Ort, an dem wir Themen ansetzen können, die vielleicht nicht den Zulauf der breiten Masse finden. Theater muss nicht immer gefällig sein, nicht nur unterhalten. Ich empfinde es als unsere Aufgabe, Aktuelles, Unbequemes auf den Tisch zu legen, unsere Gesellschaft zu spiegeln, Fragen aufzuwerfen, Diskussionen auszulösen, Gedankenspaziergänge zu ermöglichen. Überforderung, Versagen, Altern – das sind Themen, die uns interessieren und die doch eigentlich jeden betreffen. Irgendwann, über kurz oder lang. Und Nis-Momme Stockmann hat diese Themen mit "Der Mann der die Welt ass" sehr einfühlsam und geschickt verflochten.
Ich benutze nicht gerne den Begriff Burnout. Ich habe das Gefühl, das ist so ein Modebegriff,
verbunden mit oberflächlichem Wissen öffnet sich da schnell eine Schublade: «Ah, Burn-out. das sind doch diese karrieregeilen, geldgierigen Managertypen.» Ich nenne den Zustand, in dem sich der namenlose Sohn befindet, lieber Überforderung oder Erschöpfung. Aber auch der Begriff Demenz löst schnell ein «Oh Gott, eine furchtbare Krankheit, hoffentlich bleibe ich
davon verschont» aus. Wir schieben solche Gedanken gerne weg, sofern wir nicht – oder noch nicht – davon betroffen sind. Damit verweigern wir uns einer Auseinandersetzung,
aber auch einem Umdenken oder Infragestellen unserer Leistungsansprüche.
Wirklich interessant an Stockmanns Stück ist, dass er diese beiden Krankheitsbilder nebeneinanderstellt. Die Auslöser sind grundverschieden. Die Auswirkungen aber ähneln sich. Die Betroffenen sind häufig isoliert, einsam und unverstanden. Sie werden aus unserem System katapultiert, sind nicht mehr integriert.
Damit geht diese Geschichte weit über die Beschreibung tragisch-trauriger Einzelschicksale hinaus, stellt vielmehr gesellschaftliche Strukturen infrage.

Lass uns kurz zum Stück kommen. Nis-Momme Stockmann hat ein Stück über einen Mann geschrieben, der alle Brücken hinter sich abbrechen will, um endlich frei sein zu können, aber von seinem bisherigen Leben eingeholt wird. Würdest du das auch so formulieren?
Ein Mann in den besten Jahren, Mitte dreissig, der durchaus Erfolge zu verbuchen hat, kommt nicht mehr klar mit der Welt. Alles wird ihm zu viel. Er zieht Konsequenzen, will sich nur noch auf sich konzentrieren, verlässt Frau und Kinder und mietet sich eine eigene Wohnung, um seine neue Freiheit zu leben. Doch das ist erst der Anfang. Er verliert seinen Job und sieht sich zu alldem auch noch gezwungen, seinen dementen Vater bei sich aufzunehmen. Der Grad der Überforderung des Sohnes erreicht seinen Höhepunkt.

Bevor der Vater zu seinem Sohn zieht, ist das ein radikaler Bruch, den der Sohn vollzieht. Was denkst du, ist ein solcher Akt des Sich-Rausziehens ein Anzeichen von Kontrollverlust oder eher von dem Wunsch, sich von nichts mehr bestimmen zu lassen?
Stärker als Kontrollverlust oder Fremdbestimmung ist für mich der Sinnverlust. Am Punkt höchster Erschöpfung hat er den Grund seines Tuns aus den Augen verloren. Er funktioniert. Der Motor, den er selbst gestartet hat, läuft. Die Erwartungen, die er an sich und sein Leben hatte, verschwimmen. An deren Stelle treten die Erwartungen, die sein Umfeld an ihn aufgebaut hat, übermächtig in den Vordergrund und erdrücken ihn. Er verliert sich, sucht nach einem Moment der Ruhe. Chancenlos in einer Gesellschaft, in der das Funktionieren erwartet
wird. Alles, was ihm lieb ist, wird plötzlich zur Belastung. Was ihn einst erfüllt hat, treibt ihn nun an seine Grenzen. Er kann die Rolle als Partner, als Vater, als Sohn, als Freund nicht mehr ausfüllen und wählt in seiner Verzweiflung den Weg der totalen Verweigerung. Damit stösst er alle vor den Kopf. Doch das ist sein Schutz: Verweigerung. Weil er einfach nicht mehr kann.

Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Beziehung ist die zwischen Sohn und Vater. Aber der Sohn kann sich nicht angemessen um seinen dementen Vater kümmern. Welche Rolle spielt für dich diese Erkrankung?
Und welche Rolle spielt der Umgang mit Alter und Krankheit in unserer heutigen Gesellschaft? Der demografische Wandel stellt unsere Gesellschaft vor eine enorme Herausforderung, der sie sich meines Erachtens nicht ausreichend stellt. Vielleicht liegt das daran, dass sich der Mensch nicht gerne mit dem Gedanken des Alterns, des Krankseins oder des Sterbens auseinandersetzt. Es ist ein angstbesetztes Thema, das man gerne in die Zukunft vertagt. Doch in den letzten hundert Jahren haben sich Gesellschafts- und Familienstrukturen grundlegend verändert. Ein würdevolles Altern im Familienverbund ist kaum noch möglich. Wenn wir von Lebensentwürfen sprechen, meinen wir immer nur die kraftvollen, produktiven Jahre, in denen wir einen messbaren Wert für die Gesellschaft haben. Doch was,
wenn wir nicht mehr in der Lage sind, eine Funktion zu erfüllen? Was wenn wir keine Kraft mehr haben? Und hier sind wir wieder beim Stück. Wenn Stockmann also den demenzkranken Vater auf den ausgebrannten Sohn treffen lässt, überspitzt er die Problematik. Natürlich muss das schiefgehen. Faszinierend ist für mich, dass es Stockmann
gelingt, das Thema Demenz so zart und zugleich schonungslos aufzugreifen, ohne es effektheischend in den Vordergrund zu stellen. Letztlich zeigt er alle Figuren einsam in ihrer Welt, in die der jeweils andere keinen Zugang mehr hat. Man lebt, liebt, leidet aneinander vorbei.

Hast du selbst schon Erfahrungen mit demenzkranken Menschen gemacht?
Ja, das habe ich. Während des Abiturs, des Studiums oder in meiner Zeit als freiberufliche Regisseurin musste ich mir manchmal Geld dazu verdienen. Ich habe immer wieder als Pflegekraft gearbeitet, über viele Jahre, sehr häufig auf Demenzstationen. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen. Es ist schwer zu beschreiben. Was ich erfahren habe, ist, dass Menschen, die an Demenz erkrankt sind, sich mit dem Fortschreiten der Krankheit aus unserer Welt entfernen, in ihrer eigenen Welt leben, die oft von frühkindlichen Erlebnissen geprägt ist. Das ist sehr schwer für die Angehörigen, die einen geliebten Menschen vermeintlich verlieren, als Sohn oder Tochter nicht mehr erkannt werden und verzweifelt versuchen, die gewohnte Verbindung aufrechtzuerhalten. Pflegeheime, die spezielle Demenzstationen haben, verfolgen einen anderen Ansatz. Man versucht nicht zwanghaft, die Bewohner in unserer Welt festzuhalten, sie unseren Regeln zu unterwerfen. Gegessen wird, wenn man hungrig ist, nicht weil um 12 Uhr der Wärmewagen mit dem Mittagessen auf Station kommt. Und wem entfallen ist, wofür die Gabel einst gedacht war, der isst halt mit den Fingern. Geschlafen wird in dem Bett, das gerade verlockend erscheint. Man versucht also, den Bedürfnissen der Dementen weitestgehend entgegenzukommen und sich in ihre Welt einzufühlen. So vermeidet man unnötige Frustrationen durch Ansprüche, die einfach nicht mehr verstanden werden. Ich bin kein Mediziner, drücke nur vereinfacht aus, was ich erlebt habe. Im besten Falle kam es zu wunderschönen, berührenden Momenten, in denen es plötzlich eine Verbindung der Welten gab.
Doch machen wir uns nichts vor, diese Art der Pflege ist sehr personal- und kostenintensiv. Wer kann sich das in der Zukunft noch leisten? Wer wird den psychisch und körperlich belastenden Beruf, der häufig wenig Wertschätzung erfährt, noch ergreifen wollen?
Mich bewegen diese Themen, auch wenn ich keine Lösungen parat habe. Und unser Stück ist mehr als eine handwerkliche Herausforderung als Regisseurin. Es ist eine Herzensangelegenheit.

Das Bühnenbild in der LOK stellt eine Welle dar und steht frei im Raum. Wie kam es zu dieser spartanischen Bühnenbildlösung?
"Der Mann der die Welt ass" ist ein hochpsychologisches Stück, ein Kammerspiel, und erfordert für mich auch eine psychologische Spielweise. Ich habe aber nach einer Möglichkeit gesucht, den Figuren Raum zu schaffen für ihre Emotionen, die meist zwischen den Zeilen verborgen liegen. Mein Bühnenbildner Andreas Walkows hat mit der Welle ein abstraktes Bild  für die Überforderung, der keiner entrinnen kann, gefunden, das mich sehr inspiriert.

Schauspieldirektor Jonas Knecht wird in dieser Produktion einmal mehr für den Sound verantwortlich zeichnen. Was kann man mit Sound und Atmosphäre bei diesem Stück bewirken?
Auch Sound und Atmosphäre können die emotionalen Räume der Figuren vergrössern. Es geht darum, den Zuschauer nochmals auf einer anderen Ebene zu erreichen, ihn noch auf anderem Wege in die Welt der verschiedenen Figuren mitzunehmen. Mit der Schönheit, der Leichtigkeit der Töne schaffen wir ein Gegengewicht zur berührenden Traurigkeit des Stückes. Schwere und Betroffenheit lähmt die Zuschauer in dem Masse, wie Überforderung den namenlosen Sohn. Die Herausforderung für das gesamte Team ist es, dieses Thema mit grösstmöglicher Leichtigkeit anzugehen.

Das Interview führte Armin Breidenbach

Presse

St.Galler Tagblatt

"Der Mann der die Welt ass" bringt in einer konzentrierten Inszenierung wunde Themen auf die Bühne: Verantwortung, Freiheitssehnsucht, Leistungsdruck, egoistischer Individualismus, Umgang mit Demenz. In der kommenden Saison geht es thematisch in dieser Dringlichkeit weiter. Zeitgenössisches wird provokativ serviert. Bravo!

Projekt Junge Kritik, Viviane Sonderegger

Es gelang eine mitreissende Inszenierung des Stücks, die durch die überragenden Schauspielkünste und das gelungene Wechselspiel zwischen Anspannung und Erschöpfung packte und beinahe auffrass - eine Premiere, die man mit emotionalen und begeisterten Gefühlen im Bauch verlässt.

Projekt Junge Kritik, Domenica Herzog

Anja Horst hat durch ihre Inszenierung ein komplexes, explosives und intensives Drama erschaffen, welches das Publikum gnadenlos emotional mitreisst, um es dann schlagartig nachdenklich und doch auch niedergeschlagen zurückzulassen.

Saiten

Regisseurin Anja Horst schafft es so, psychologisch mehrere Schichten aufzubauen, Irritationen und Abstraktionen ins zwischenmenschlich quälende Geschehen zu bringen und damit gleich zwei Klippen des Stücks zu umschiffen: jene der analysierenden Psychostudie und die des moralischen Triefstücks. Vom "Mann der die Welt ass" versteht man zwar nach anderthalb intensiven Stunden den Stücktitel immer noch nicht - aber man bekommt im übrigen einen lange nachwirkenden Einblick in unsere "erschöpfungsmüde" Gegenwart und deren heimlichen König: die Angst.

Termine & Tickets

Lokremise

Im November 2008 haben die St.Gallerinnen und St.Galler einem Kulturzentrum in der Lokremise am Hauptbahnhof zugestimmt. Eröffnet wurde die neue Spielstätte des Theaters St.Gallen Mitte September 2010

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